Köbis Rückpass: Die Geschichtchen zum Spiel SVE – Mainz

Aufgefallen ist es mir erst auf der Rückfahrt – in der tiefen Dunkelheit der beginnenden Nacht, kurz nach 22 Uhr am Autobahndreieck Vulkaneifel, welches ich auf dem Weg zu meiner Heimat am Übergang zwischen Unter- und Mittelmosel passieren muss. Beim Blick auf die Anzeige meines PKW streifen meine Augen den gelblich-orangenen Schimmer der Radio-Anzeige, die kess verkünden: 22.09.2010. Im Leben eines Fußball-Anhängers gibt es bekanntlich solche Daten, die sich ins Gehirn brennen wie ein Brandmal, deren bloße Zahlenkombination Erinnerungen auslösen – gute wie schlechte, freudige wie traurige, auf alle Fälle höchst emotionale. Der 11. Mai ist ein eben solcher. Hoffenheim. Rudi Thömmes. Zweite Liga. Der 18. Februar. Duisburg. DFB-Pokal-Halbfinale. Daniel Ischdonat. 22. Mai. Saarbrücken. Ludwigspark. Ahlen. Und seit letzter Saison der 22. September. Bielefeld. Zweitrunden-Begegnung. Verlängerung. Vor exakt genau einem Jahr waren sich fast alle im Umfeld des Trierer Traditionsvereines sicher, dass der Verein auf dem richtigen Weg ist – mit Mario Basler als Führungspersönlichkeit im Zuge der „Eintracht macht stark“-Kampagne, Spielern wie Sahr Senesie, Tayfun Pektürk und Christopher Reinhard als verlängerter Arm des Pfälzers auf der moselländischen Trainerbank und der spürbaren Aufbruchstimmung beim damaligen Tabellenzweiten schien der Weg in die Dritte Liga durchaus realistisch zu sein. Doch wie es im Gregorianischen Kalender nun einmal nicht anders geht, kam unaufhaltsam die Zeit nach dem 22. September: Die Niederlagen gegen Leverkusen (2:3) und Rot-Weiß Essen (0:4) waren Vorboten der sportlichen Katastrophe, die den Traditionsverein aus dem Südwesten ins Mark traf und in seiner Existenz bedrohte.

Gestern war er also wieder, dieser 22. September – und die Eintracht steht wieder dort, wo sie von ihren Anhängern im Selbstverständnis ohnehin immer stehen sollte: Oben. Die Zeit nach dem 22. September lässt sich auch in diesem Jahr nicht aufhalten – aber eine zweite Abenddämmerung wird es allem Anschein nach nicht mehr geben. Denn zuviel läuft darauf hinaus, dass die Mannschaft, wie sie sich in den bisherigen Partien ihren Fans präsentiert hat, die zarte Pflanze der besseren Zukunft in die Herzen der treuen Anhängerschaft gesät hat. Manchmal ist ein Unentschieden in der Liga mehr wert als ein Weiterkommen im Pokal. Und manchmal macht es auch den inzwischen längst vergreulten Zuschauern wieder Spass, im Moselstadion Fußball zu schauen.

Die Morgendämmerung ist angebrochen.      

Ein Blick zurück ist manchmal ein Blick nach vorne - die Eintracht scheint aus den Fehlern der Vergangenheit ihren Nutzen zu ziehen.

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„Da is‘ doch keinen!“ – „Da is‘ niemand, guck da dat e mohl an, dat is‘ joa schrecklich!“ – „Keinen vorn‘ – wie soll dat‘ geh’n?“. Der Herr mit Schnurrbart und grau meliertem Haar zwei Reihen hinter dem Verfasser dieser Zeilen ist längst dafür bekannt, dass er die Offensivaktionen der Eintracht nicht unbedingt immer bedingungslos unterstützt. Was nicht läuft, fällt ihm auf – und wenn es läuft, findet er trotzdem noch etwas – nämlich das sprichwörtliche Haar in der Suppe. Soweit so gut, jedem das seine, jedem das Recht auf freie Meinungsäußerung. Wenn diese Kommentare dann aber in schöner Regelmäßigkeit auftauchen, ruft dies die etwas leichter reizbaren Anwesenden in unmittelbarer Nähe auf den Plan – wie beispielsweise meine Tribünennachbarinnen mit stammbaumartiger direkter Verbindung zum Vorstand der Eintracht. „Das‘ joa schrecklich“, murmelt sie mit zunehmender Dauer der Partie mir zu – nur, um ein paar Sekunden später wie auf Kommando bestätigt zu werden. „Wat soll dat dann? Da is‘ keinen!“. Dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der sonst eher zurückhaltenden Dame platzt der Kragen, dreht sich um und macht sich lautstark Luft. „Ich kann mir auch gleich ‚en Kassettenspieler kaufen! Immer dat selbe! Is‘ jetzt mal gut?!“, prischt sie energisch bittend hervor und zaubert dem Tonband einen verdutzten Blick auf sein Gesicht. Ihr Ziel hat sie allerdings erreicht. Die Sendepause hat bis zum Abpfiff angehalten.    

  

*****     

Der Gästeblock ist gähnend leer. Niemand da. Keine Mainzer Fanschar, kein Polizeiaufgebot, keine Bengalos, keine Doppelhalter, keine Schwenkfahnen. Nichts. Wie eine hässliche Zahnlücke grinst die Westkurve die restlichen Zuschauer an. Ein typisches Bild, denn es ist einmal mehr eine zweite Mannschaft zu Gast im Moselstadion, eine von zehn Zweitvertretungen der Liga insgesamt. Gut, bis dato ist die Bilanz der Eintracht überraschenderweise gegen solche Gegner positiv – aus fünf Spielen gegen sie konnten sage und schreibe 13 Punkte eingefahren werden. Zum Vergleich: Gegen die Erstvertretungen von Wuppertal und Münster setzte es zwei Niederlagen bei 3:7 Gegentoren, womit die Bilanz der letzten beiden Saisons ad absurdum geführt wird. Dennoch. Ein „Scheiß Amateure“ nach dem anderen hallt von Gate 7 herüber zur Haupttribüne und bricht sich am altehrwürdigen denkmalgeschützten Betondach. Und drüben, direkt neben dem gähnend leeren Gästeblock, werden die nicht vorhandenen angereisten Fans aus Mainz mit dem „Tod eines jeden Traditionsvereines“ begrüßt. Diese Bilder passen in die Forderungen der Regionalliga-Reform 2012 wie kein anderes. Auch, wenn die Ergebnisse bis jetzt stimmten. Ein Heimsieg oder ein Punktgewinn vor einem vollen Gästeblock macht allen mehr Spass. Den Schreiberlingen, den Zuschauern – und nicht zuletzt den Spielern.     

  

Es bleibt nach wie vor zu hoffen, dass sich etwas tut im deutschen Fußball.      

Irgendwann.

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Kommentare (4)

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  1. dreschi 2010 sagt:

    der text köbi ist echt toll geschrieben …echt aus dem herzen eines treuen eintracht fans….ganz großes lob….

    ich konnte mich inden oberen 2 abschnitten richtig selbst wiedererkennen !!!

    bis dann sg dreschi2010

  2. matthias sagt:

    War mir neu, aber ok. Jetzt weiß ich bescheid, Danke 🙂

  3. matthias sagt:

    Wieso wird mein Kommentar um weitere, NICHT von mir verfasste, Zeilen erweitert?

    Anm. d. Red.: Der fettgedruckte Kommentar oben drüber war, wie jetzt hier auch, eine Anmerkung der Redaktion.

  4. matthias sagt:

    Mal was vom Idiotenapostroph gehört? 😉

    In der Tat. Scheint ja bei mir gut zu passen! Danke!

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