Metallica will’s nochmal wissen!

Von akustischen Orgasmen, dem 1x1 des Metal und lokalen Metalhelden

Metallica! Alle Jahre wieder kommt diese eine Band aus der San Francisco Bay Area mit einem Album daher, welches die Underdogs und Rebellen ins Rampenlicht katapultiert und plötzlich kreischende E-Gitarren, treibende Bässe und donnerndes Schlagzeug Salon-fähig macht. Snare, Double Bass, Riff, Double-Leads, Power Chords….Heute ist der Tag, an dem die Musikwelt und sämtliche sozialen Netzwerke von Wörtern überflutet werden, die sonst nur in einer musikalischen Randsparte verwendet werden. Zeit für eine kleine Nachhilfestunde im 1×1 des Heavy Metal, eine Plattenrezension und ein Gespräch mit Musikern aus der Region…

Die Snaredrum

Teil eines jeden modernen Schlagzeugs. Gewöhnlich dient sie dazu den Rhythmus mit Schlägen auf die geraden Zählzeiten voranzutreiben. Oder man benutzt sie gleich als akustisches Maschinengewehr. Wenn ein Album mit einem derartigen Snare-Inferno ohne jegliche Umschweife beginnt, ist die Marschrichtung eindeutig.

Live-Gewalt - Metallica (Foto: Universal Music)

Dirigent im Maschinengewehr-Feuer: James Hetfield (Foto: Universal Music)

Trotz 35-jährigem Bestehen macht man bei Metallica keine Gefangenen und startet genauso in das lang erwartete neue Album “Hardwired…to Self-Destruct”. Kein Intro, keine epische Orchester-Einleitung, kein akustisches Gitarren-Gezupfe. 8 Jahre hat man sich Zeit gelassen und alles scheint von Anfang an ohne Umwege auf Selbstzerstörung gepolt! Ohne Erbarmen stürmt die metallene Dampflokomotive nach anfänglichem Snare-Sperrfeuer im Titeltrack “Hardwired” nach vorne. “We’re so fucked”, schreit Frontmann James Hetfield, der so wütend wie schon seit Jahren nicht mehr den drohenden Weltuntergang herbeisingt. Nach nur drei Minuten dröhnen verzerrte E-Gitarren und ein bedrohlich donnerndes Schlagzeug in hohem Tempo ins Finale. Double-Bass nennt man sowas.

Die Double-Bass

Sie ist ein weiteres existenziell wichtiges Merkmal zum Krachmachen. Wo jede Musikrichtung mit einer sogenannten Bass Drum auskommt, die bei einem Beat die tiefen Frequenzen abdeckt und per Fußpedal bedient wird, stockt man in den härteren Genres auf zwei dieser großen auf dem Boden liegenden Trommeln auf. Die Double-Bass ist geboren und erlaubt mit dem Einsatz beider Füße regelrechte Klangteppiche tief-frequenter Schläge. Bereits in den 1940er Jahren experimentierten Big-Band-Schlagzeuger mit dem Einsatz von zwei Bass Drums, es folgten Mitch Mitchell (The Jimi Hendrix Experience), Keith Moon (The Who) und Nick Mason (Pink Floyd). 1979 hob Phil Taylor, Drummer der legendären Motörhead, den Einsatz der zweiten Bass Drum auf ein neues Level: der Motörhead-Track “Overkill” vom gleichnamigen Album setzt auf ein durchgängiges, immer schneller werdendes Double-Bass-Muster und gilt als Blaupause für das gesamte Metal-Genre.

Ist Motörhead wochenlang als Fan gefolgt: Metallica-Drummer Lars Ulrich (Foto: Universal Music)

Ist Motörhead wochenlang als Fan gefolgt: Metallica-Drummer Lars Ulrich
(Foto: Universal Music)

Ohne Motörhead würde es Metallica vielleicht gar nicht geben. Lemmy Kilmister, dem 2015 verstorbenen Frontmann der britischen Krachmacher-Institution wurde deshalb auf „Hardwired….to Self-Destruct“ auch ein Song gewidmet. „Murder One“ ist benannt nach Lemmys Verstärker und eine Hommage an den groovenden, schwer verzerrten Motörhead-Sound, der 40 Jahre lang durch die Membranen des Amps in die Musikwelt gedonnert wurde. Motörhead war eine Konstante in einem sich ständig wandelnden Musikzirkus, eine Dampflokomotive, die sich nicht für neumodischen Firlefanz interessierte. Die Trends der Musikindustrie gingen an Lemmy vorbei und doch war er erfolgreich bis zum Schluss. Auch Metallica haben diesen Effekt auf ganze Generationen von Musikern.

My'tallica Drummer Stephan Zender (Foto: My'tallica)

My’tallica Drummer Stephan Zender
(Foto: My’tallica)

Stephan Zender, Drummer bei der Trierer Tribute-Band „My’tallica“, erinnert sich: „Ich habe so ab Mitte der 80er Jahre Metallica verfolgt und meine ersten Konzerte auch schon in den 80ern erlebt, zum ersten Mal 1988 bei Metallica in Saarbrücken. Das war unser Ding damals. Wir haben voll die damalige Metalwelle miterlebt, da war Metallica natürlich die Hauptband. Das hat mich extrem geprägt und ich hab dann auch schnell angefangen mit meinen Kumpels Musik zu machen.“ Im Endeffekt wurde daraus eine beachtliche musikalische Karriere mit Studium an der Los Angeles Music Academy und heutiger Leitung der Modern Music School in Trier, Hermeskeil und Kasel, wo er nun selbst den musikalischen Nachwuchs unterrichtet, der vielleicht jetzt schon am Metal-Riff von übermorgen werkelt.

Das Riff

In der Musik ein kurzes, melodisch oder rhythmisch prägnantes Motiv, dass durch mehrfache Wiederholung zum Wiedererkennungswert eines Songs beiträgt. Bei Metallica bekommt dieses kleine Wort eine geradezu existenzielle Rolle, da den Gitarrenmelodien oft eine größere Bedeutung und Melodie zukommt, als dem Gesang, der in der Pop-Musik die dominante Rolle einnimmt. Es ist diese Kombination, wenn aus dem Aufeinandertreffen eines Plastik-Plektrums auf harte Stahlsaiten aus dem Nichts plötzlich eine Melodie entsteht, die wie von magischer Hand zu einem Lied wird. Diese Magie kann man spüren…die Lust am Riff, ein Riff-Fest, ein regelrechtes Überschäumen an Ideen, Rhythmen, kleinen Feinheiten. „Hardwired…to Self-Destruct“ atmet diese Spielfreude, die nach 35-jähriger Karriere stärker scheint als je zuvor.  Schon der zweite Track des Albums, „Atlas, Rise!“, zeugt von diesem schier unerschöpflichen Ideenreichtum, der zusammen kommt, wenn man diese 4 Herrschaften in ein Studio sperrt. Dominanter als je zuvor scheint dabei der Einsatz an sogenannten Double-Leads.

Double-Leads

Master of Lead-Guitar: Kirk Hammett (Foto: Universal Music)

Master of Lead-Guitar: Kirk Hammett (Foto: Universal Music)

Das obligatorische Gitarrensolo wird in der Regel von der Lead Gitarre (der führenden Gitarre) übernommen. Bei Double-Leads gesellt sich meist der Rhythmus-Gitarrist dazu und soliert sich mit seinem Kollegen durch zweistimmige Melodiebögen zum Höhepunkt. Diesen akustischen Orgasmus gibt’s auf „Hardwired…to Self-Destruct“ gleich mehrfach zu erleben, am prägnantesten aber in „Atlas, Rise!“, wenn das Solo unaufhörlich auf einen solchen Double-Lead-Moment hinsteuert und für einen kurzen Moment einfach alles passt. Die Melodien greifen ineinander, verschmelzen zu einem Ganzen und die Nackenhaare stellen sich unweigerlich auf. Diese Höhepunkte kommen vor allem durch die Zusammenarbeit von Frontmann und Gitarrist James Hetfield und Schlagzeuger Lars Ulrich.

Carpet Room-Frontmann Rosario Avanzato (Foto: Carpet Room)

Carpet Room-Frontmann Rosario Avanzato
(Foto: Carpet Room)

Rosario Avanzato, Frontmann der Trierer Metalband „Carpet Room“ und Metallica-Fan seit 1987, geht gar soweit James Hetfield als besten Frontmann überhaupt zu bezeichnen: „Er beeindruckt immer wieder. Auf solche Sachen muss man erstmal kommen. Auch auf dem neuen Album, der Gesang von ihm und die Melodien von ihm sind einfach der Kracher. Selten hab ich ihn in einer solchen Form gehört.“ Die Energie, mit welcher er die kryptischen, aber im Grunde einfachen Texte in die Welt singt, schreit und zischt ist auf der neuen Scheibe in der Tat so elektrisierend wie schon lange nicht mehr.

Für Stephan Zender geht fast noch mehr Faszination von Lars Ulrich aus: „Ich finde es total klasse, dass er seine Potenziale zum besten ausgereizt hat, obwohl er sicherlich nicht der handwerklich beste Schlagzeuger ist. Seine Rolle in der Band ist superwichtig, er ist der antreibende Motor und der organisatorische Checker in der Band.“ Obwohl in Musiker-Kreisen gerne für seine Schlagzeug-Performance zerrissen, ist Lars Ulrich bei Metallica der Architekt hinter den Kompositionen, der Hetfields Puzzle an Riff-Vorlagen zu dem Gesamtwerk zusammensetzt, welches Metallica so erfolgreich und einzigartig macht. Daraus entstanden in der Vergangenheit auch oft kritisierte Stilwechsel, die sich durch den gesamten Katalog der Band ziehen.

Metal aus Bitburg: Encypher (Foto: Encypher)

Metal aus Bitburg: Encypher (Foto: Encypher)

Achim Ziwes, Gitarrist bei der Bitburger Metalband „Encypher“ lobt gerade diesen Abwechslungsreichtum: „Metallica haben keine Scheu davor, sich zu verändern. Jedes Album ist anders und hat einen anderen Fokus. Um sich als Musikschaffender richtig ausleben zu können, sollte man das machen, worauf man, aus welchen Gründen auch immer, gerade Lust hat. Und Metallica haben das immer getan. Auf Platte und auch live.“

Diese Einstellung zieht sich deutlich auch durch das ganze Album. Wenn man „Hardwired…to Self-Destruct“ hört, wird ist die ungezügelte kreative Energie zu jedem Zeitpunkt spürbar, die die Band in der Vergangenheit zweifellos auch in die ein oder andere Sackgasse geführt hat. Das Hör-Erlebnis gleicht einer Achterbahnfahrt und beinhaltet schnelle Thrash-Reißer, ausgewachsene melodische Epen, akustisch verspielte Halbballaden und nicht zu vergessen schwer-metallene Groover, die von donnernden Power Chords mühsam voran getrieben werden.

Der Power Chord

Eine Akkordvariante, die nur aus Grundton und Quinte besteht und dadurch ohne weiteren harmonischen Kontext kein Tongeschlecht feststellbar ist. Simpel ausgedrückt: ein Power Chord klingt losgelöst im Gegensatz zum Akkord weder hell und klar (Dur), noch dunkel und weich (Moll). Stattdessen verleiht er dem Grundton einen regelrechten Boost, eine Eigenschaft, die ihn perfekt für die Rock-Musik und später den Heavy Metal macht. Einer der diesbezüglich einflussreichsten Musiker ist der „Black Sabbath“-Gitarrist Tony Iommi, der das Spiel mit den düsteren, druckvollen Power Chords auf ein neues Level hievte und von Hetfield selbst oft als „Riffgott“ bezeichnet wurde. Aus Akkordfolgen entstanden so schwermütig voranstampfende Lieder, die auch die Jungs von Metallica maßgeblich beeinflusst haben.

Lebt den Groove: Metallica-Bassist Robert Trujillo (Foto: Universal Music)

Ihm steht der Groove ins Gesicht geschrieben: Metallica-Bassist Robert Trujillo
(Foto: Universal Music)

Auf „Hardwired…to Self-Destruct“ konzentriert man sich wieder verstärkt auf diesen unwiderstehlichen Groove und gibt ihm viel Raum, um seine Wirkung zu entfalten. Während auf dem Vorgängeralbum „Death Magnetic“ im Abstand von wenigen Sekunden ständig etwas neues passierte, bekommen die aktuellen Songs mehr Raum zum Atmen. Das geht soweit, dass man die rund 77 Minuten an Material auf zwei CDs aufteilte, obwohl theoretisch alles auf eine Scheibe gepasst hätte. So sind die Melodien auf der ersten Scheibe vorherrschender und bündeln sich schließlich im mit 8 Minuten und 15 Sekunden längsten Song der Scheibe: der Halbballade „Halo On Fire“.

Die zweite Hälfte von „Hardwired…to Self-Destruct wirkt schwer-fälliger, sperriger und düsterer. Highlights bilden das erstaunlich progressive „Manunkind“ mit einer Gänsehaut-Bridge und der offensichtliche Favorit der Metal-Community, „Spit Out The Bone“, bei dem alle schnellen Trademarks der Bands so harmonisch zusammenwachsen wie schon lange nicht mehr. Somit ist „Hardwired…to Self-Destruct“ keine CD, die man mal zwischendurch einwirft, sondern eine, die durchaus etwas Zeit braucht. Sie mag auf den ersten Blick nicht so abwechslungsreich wie der Vorgänger „Death Magnetic“ sein, punktet aber dafür mit deutlich ausgereifteren, erwachseneren Kompositionen, cleveren Details und einer bombastischen Produktion. Selten hat sich ein neues Album nach 35-jähriger Bandgeschichte so frisch und voller Spielfreude angehört. In Zeiten eines überproduzierten Musikzirkus mit unzähligen immer gleichen Casting-Show-Formaten ist es eine Wohltat zu sehen, wie Männer fortgeschrittenen Alters an echten Instrumenten noch mit so viel Spaß an der Freude echte Musik machen….nur eben etwas lauter als alle anderen!

Stephan Zender spielt mit seiner Tribute-Band My’tallica bereits den Opener „Hardwired“ sowie das melodische „Moth Into Flame“: „Die Songs sind super! Macht Spaß die Nummern zu spielen. Hardwired ist halt kurz und knackig, während es bei Moth (Into Flame) mehr Gitarrenmelodien gibt. Beides sind typische Metallica-Songs mit all ihren Eigenarten.“ Achim Ziwes von Encypher sieht eine Ähnlichkeit zu Metallica’s „Black Album“: „Finde ich grundsätzlich ziemlich gut. Ich erhoffe mir groovige Parts, dynamische Thrash-Anteile und Refrains und Soli, die man als Fan aus voller Kehle mitsingen möchte.“ Carpet-Room Frontmann Rosario Avanzato ist noch enthusiastischer: „Ich find’s weltklasse. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass sie jetzt nochmal in dem Alter so ein Album raushauen. Halo on Fire ist ziemlich fett, Spit out the Bone richtig Old School. 11 von den 12 Liedern sind weltklasse, sehr drückend und geile Produktion!“

Bleibt nur noch die Frage, wann es die neuen Songs live zu hören gibt. Die Tour-Ankündigung für Europa lässt noch auf sich warten, Gerüchte kursieren, dass es in der zweiten Jahreshälfte soweit ist. Ein bisschen Geduld ist also noch nötig. Nur Stephan Zender ist der Glückspilz des Tages: Der My’tallica-Drummer feiert heute Abend seinen Geburtstag bei der Release-Show in London. Bestes Geburtstagsgeschenk ever!

Ab heute ist „Hardwired…to Self-Destruct“ überall erhältlichals Deluxe Edition mit zusätzlicher Bonus-CD, als normale Doppel-CD und in diversen Vinyl-Veröffentlichungen. Und wer sich noch nicht sicher ist, kann ALLE Songs des Albums von offizieller Seite auf dem Youtube-Kanal von Metallica kostenlos und ohne Einschränkungen antesten.

An der Stelle ein großes Dank an unsere drei Metallica-Experten Stephan Zender, Rosario Avanzato und Achim Ziwes, zu den Bands gelangt ihr über die folgenden Links:

My’tallica: Website , Facebook

Carpet Room: Website , Facebook

Encypher: Facebook

Modern Music School: Website

Während Carpet Room und Encypher zur Zeit an neuem Material arbeiten, gibt’s am 26. November 2016 die Möglichkeit My’tallica im Ducsaal in Freudenburg zu sehen. Infos zum Event gibt’s HIER.

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