„Middach!“ – Hommage an die aussterbende Kunst der Mittagspause

Die Mittagspause ist – gleich nach dem Feierabend – die zweitwichtigste Zeit des Arbeitstages. Doch nun scheint sie vom Aussterben bedroht. 5vier startet einen Rettungsversuch.

Ich bin gerne mein eigener Chef und auch das Arbeiten von zu Hause hat eigentlich nur Vorteile. Aber es gibt eines, das ich wirklich vermisse: die Mittagspause. Während meine Freunde jetzt mit ihren Kollegen auf dem Viehmarkt sitzen und sich mit Mittagsangeboten der Lokale stärken oder einfach ein bisschen Sonne im Palastgarten tanken, muss ich nur zum Kühlschrank pilgern. Irgendwie nicht das gleiche.

Eine eigene kleine Welt

Besonders am Herzen lagen mir meine Pausen in der Werbeagentur, in der ich vor meiner Selbstständigkeit gearbeitet habe. Da schallte es irgendwann aus dem Grafikerbüro laut und vernehmlich: „Middach!“ Damit begann ein beliebtes Ritual. Man sammelt sich im Flur und berät: Wer hat Essen mitgebracht und bleibt im Büro, wer geht wohin, etwas außer Haus essen? Dazu muss gesagt werden, die Agentur lag direkt an den Saarterassen und es gab ein halbes Dutzend Kantinen, eine Currywurstbude, einen Supermarkt mit Bäckerei und Café – jede Menge Auswahl also. War die Entscheidung getroffen, zog man dann in kleinen Gruppen gen Futter.

Aber die pure Aufnahme von Kalorien war nicht das Beste an der Mittagspause. Endlich konnte man mal ohne, dass ständig das Telefon klingelt mit seinen Kollegen sprechen. Dabei ging es selten um die Arbeit (von einer ordentlichen Dosis Büro-Tratsch mal abgesehen), sondern meist um uns, die kleinen Lichter hinter den Computern der Agentur. Es wurde über Wochenendpläne, Frauen-(und Männer-)Geschichten, Freizeitaktivitäten (meist das Fahrradfahren) und den Zustand der Welt im Allgemeinen gequatscht. Für dreißig bis sechzig Minuten war man nicht mehr „der Text“ oder „die Grafik“, sondern hatte einen Namen und durfte sogar Persönlichkeit haben.

So erschufen wir dort eine kleine Welt zwischen den Arbeitsabschnitten, in der wir ganz wir selbst und niemand sonst sein brauchten. Am Zigeunerschnitzel vorbei lernten wir uns kennen – zum Teil sehr gut. Da wurden aktuelle Kinofilme und die Scheidung im selben Satz diskutiert und keiner hatte ein Problem damit. Nach so einer Mittagspause hatte man wirklich wieder Kraft für den Rest des Tages.

Die Fakten hinter der Pause

Man kann sich seine Pause natürlich auch unnötig schwer machen... Foto mit freundlicher Genehmigung der WWU Bellingham, WA, USA.

Im Arbeitsgesetz steht es ganz klar: Die Pause ist des Deutschen Recht:

㤠4 Ruhepausen

Die Arbeit ist durch im voraus feststehende Ruhepausen von mindestens 30 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs bis zu neun Stunden und 45 Minuten bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden insgesamt zu unterbrechen. Die Ruhepausen nach Satz 1 können in Zeitabschnitte von jeweils mindestens 15 Minuten aufgeteilt werden. Länger als sechs Stunden hintereinander dürfen Arbeitnehmer nicht ohne Ruhepause beschäftigt werden.“

Laut den Daten des statistischen Bundesamtes macht jeder Deutsche Angestellte im Schnitt 42 Minuten pro Arbeitstag Pause. Allerdings ist diese Zahl alles andere als eindeutig.

„Der Ruhepausen-Paragraph ist das wohl am häufigsten missachtete Gesetz in Deutschland,“ so der Jurist Adalbert Kinser, „Es kommt in praktisch jeder Firma regelmäßig vor, dass die Pausen vom Arbeitgeber gestrichen, gekürzt oder sogar als Urlaubszeit verrechnet werden.“ In einem gewissen Rahmen sei das auch vertretbar, so Kinser weiter, kein Gesetz dieser Art könne den Geschäftsverlauf eines Betriebes vorhersagen. Aber eine ausgefallene Pause muss eine Ausnahme darstellen und nach aktuellen Gerichtsurteilen nach auch entsprechend vergolten werden.

Der 15 Minuten Trick

Vor allem bei Servicekräften an Kassen und Theken, aber auch in vielen anderen Jobs wird nun seit einigen Jahren vermehrt auf eine sehr geschickte Taktik von den Arbeitgebern zurückgegriffen, um die Angestellten dazu zu bringen, freiwillig keine Pause zu machen. Sie nehmen den oben zitierten Paragraphen wörtlich und teilen ihre Untergebenen in zwei bis drei Kurzpausen à 15 Minuten ein. Eine Umfrage zeigte bereits 2009, dass Angestellte eher bereit sind kurze Pausen aufzugeben und einfach weiterzuarbeiten (wieviel Entspannung kann man auch in 15 Minuten erreichen?), als eine große Pause von 30 Minuten oder mehr. Problem an der Sache ist, dass der Arbeitnehmer so freiwillig auf seine Pause verzichtet (was sein gutes Recht ist) und im Prinzip kostenfrei für die Firma weiterarbeitet. Aber damit ist es noch nicht getan.

Das Gehirn ist kein Fließband

Was interessieren mich denn Löwen und Antilopen? Ich hab jetzt Pause! Foto: {link url="http://larseggers.daportfolio.com/"}Lars Eggers{/link}

„Studien haben deutlich gezeigt, dass spätestens nach vier Stunden konzentrierter Arbeit die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit eines jeden Menschen deutlich nachlässt“, weiß der Verhaltenspsychologe Karl Waunert zu berichten, „Der Körper und der Geist brauchen dann einfach eine Pause, in der man wieder auftanken kann.“ Eine Viertelstunde sei dafür deutlich zu kurz.

„Vor allem das Gehirn ist kein Fließband. Es braucht Abwechslung und regelmäßig etwas Ruhe. Kriegt es das nicht, dann kommt es zur Ausschüttung von Stresshormonen. Nach ständiger Belastung schaltet das Gehirn auf „Gefahr“ und verhält sich entsprechend.“ Das Bild eines gestressten menschlichen Gehirns gleicht dem einer Antilope, die von einem Löwen gejagt wird – bei dem ein oder anderen Chef mit Sicherheit ein passender Vergleich. Aber wie macht man denn richtig Pause?

Nicht abschalten – umschalten!

„Es ist wichtig, dass die Pause mindestens dreißig Minuten dauert und nicht von völliger Aktivität in völlige Passivität umschlägt“, erklärt Waunert weiter, „Nicht abschalten, sondern umschalten ist angesagt. Wer viel im Sitzen arbeitet, der sollte sich ein wenig bewegen. Wer sich die ganze Zeit bewegt und keiner intellektuell anspruchsvollen Arbeit nachgeht, der sollte sich in der Pause setzen und etwas lesen.“ Als besonders wichtig erachtet Waunert auch die soziale Interaktion.

„Wer sich mit Freunden oder Kollegen unterhält, der fördert seine sozialen Kontakte und spricht mehrere Teile unserer Psyche an, die wohltuend auf unser Befinden einwirken: Teil einer Gruppe sein, soziales Feedback, Interaktion. Wenn man sich nun noch über etwas unterhält, über das man nachdenkt, ist es eigentlich perfekt.“ Sieht so aus, als wäre unsere kleine Welt in der Agentur genau richtig gewesen. Kein Wunder, dass ich sie so vermisse.

Weniger Arbeit ist mehr Arbeit

Was ist denn nun die Lösung für das Dilemma der Kurzpausen? Viele Arbeitgeber weigern sich ja standhaft längere Pausen zuzulassen.

„Das ist ein Riesenfehler!“ so Waunert. Wer eine lange Pause hat, der ist auch bei einfachen Aufgaben schneller, arbeitet fehlerfreier und beständiger mit hoher Aktivität.

„Tests haben ergeben, dass eine lange, entspannende Pause die Arbeitskraft um bis zu 30% steigern kann“, weiß der Verhaltenspsychologe zu berichten. Es ist kein Zufall, dass man in vielen ultramodernen Firmen Pausenräume findet, die eher anmuten, als wären sie einem Ferienclub entlaufen – Billardtisch, Kicker, sogar Pools und hausinterne Cafés gehören dort zur Ausstattung der Pausenbereiche. Teilweise treibt die Tendenz zur Power Pause auch seltsame Blüten.

Es ist die älteste Sache der Welt. Der ungestresste Mensch arbeitet besser. So einfach kann es sein. Und in diesem Sinne verlasse ich euch jetzt auch – und gehe in die Pause.

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