Prisoners: Auf das Schlimmste ist man nie vorbereitet

Kino in Trier - Auf 5vier.de

Für Eltern ist es das schlimmste anzunehmende Unglück: Die eigenen Kinder verschwinden spurlos und es bleibt ungewiss, ob sie tot sind oder noch leben. Mit dieser Urangst spielt Prisoners und verstrickt den Zuschauer in einen düsteren Thriller, der die eigenen moralischen Grundsätze zu erschüttern vermag. Andreas Gniffke hat sich den Film im Trierer CinemaxX angesehen.

In einer Kleinstadt in Pennsylvania feiern zwei Familien Thanksgiving. Es wird gescherzt, gegessen, getrunken und die Kinder spielen miteinander. Doch als die beiden jüngeren Mädchen sich nur wenige Häuser entfernt auf die Suche nach einer verschollenen Trillerpfeife machen wollen, verschwinden sie spurlos. Für die Familien Dover und Birch bricht eine Welt zusammen, gemeinsam mit dem jungen Detective Loki (Jake Gyllenhaal, Brokeback Mountain, End of Watch) organisieren sie eine Suchaktion und schnell gerät ein verdächtiges Wohnmobil in den Fokus der Ermittler. Als es aufgefunden wird, versucht der geistig zurückgebliebene Alex Jones (Paul Dano, Looper) zu flüchten und macht sich so erst recht verdächtig. Nachgewiesen werden kann ihm allerdings nichts und so muss er nach zwei Tagen wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Keller Dover (Hugh Jackman, Wolverine), Vater eines der Mädchen, kann es nicht akzeptieren, dass der Hauptverdächtige nicht hinter Gittern bleibt, und so entführt er Alex, um Details über den Verbleib der Kinder aus ihm herauszupressen. Doch hat er wirklich den Täter vor sich?

Denis Villeneuves Film ist düster. Zum einen zieht in Pennsylvania bereits der Winter herauf und es ist grau, regnerisch und kalt. Zum anderen spielt der Regisseur virtuos mit Urängsten der Menschen, der Verlust der eigenen Kinder fördert pure Verzweiflung zu Tage, die alle moralischen Grenzen aufzulösen vermag. Keller Dover ist wahrlich kein Sympathieträger. Er ist ein konservativer Amerikaner, der unter der Dusche gerne die Nationalhymne singt, seinem Sohn Männlichkeitsrituale wie das Erlegen von Wild beibringt und im Keller alles sorgfältig für eine etwaige Gefahrensituation gebunkert hat. Doch auf eine mögliche Entführung der eigenen Tochter kann sich niemand vorbereiten.

Prisoners ist außerdem gnadenlos lang. Villeneuve schafft es durch ein großartiges Drehbuch mit vielen überraschenden Wendungen und einem quälend eindringlichen Tempo, die Spannung 150 Minuten lang aufrecht zu erhalten. Schockeffekte und plakative Gewalt werden nur sparsam eingesetzt und schlagen vor allem dann extrem heftig zu, wenn die Kamera sich abwendet und der Film im Kopf weitergeht. Prisoners ist nichts für schwache Nerven, vor allem weil er auf geradezu gemeine Art und Weise mit der Psyche und der eigenen Moral spielt. Was ist erlaubt, wenn Eltern verzweifelt um das Leben ihrer Kinder kämpfen? Wie weit ist Selbstjustiz moralisch vertretbar, wenn man sich in einem solchen Fall von der Polizei im Stich gelassen fühlt? Völlig unklar bleibt für lange Zeit das Schicksal der Kinder. Weder Zuschauer noch die Eltern im Film wissen, ob sie noch leben oder bereits lange tot sind. Niemand weiß, wem man letztendlich glauben soll, zu oft verkehren sich die Indizien in eine völlig andere Richtung und zu viele potenzielle Täter kommen ins Spiel. Aus diesen Bausteinen erzeugt der Film eine fast unerträgliche Spannung, die die Kinobesucher keine Sekunde aus ihrem Bann entlässt.

Das tolle Drehbuch kitzelt auch aus den beiden Hauptdarstellern das Maximum heraus. Detective Loki verzweifelt wie der Zuschauer immer mehr daran, dass ihm scheinbar nur noch ein kleines Puzzleteil fehlt, bevor sich die Hoffnung schlagartig wieder in Luft auflöst. Jake Gyllenhaal spielt den jungen Polizisten eindringlich und glaubwürdig, lediglich die Details der Polizeiarbeit wirken reichlich unrealistisch, wenn er geradezu nach Belieben und immer völlig allein in fremde Wohnungen eindringt. Eine wahrlich glanzvolle Vorstellung liefert Hugh Jackman ab, der völlig zurecht als Oscarkandidat gehandelt wird. Sowohl das Familienalphatier als auch den an seiner Verzweiflung zerbrechenden Vater spielt er atemberaubend intensiv. Beide Männer stehen auf einer Seite, doch sie könnten gegensätzlicher kaum sein. Auch aus der Spannung zwischen den beiden Stars zieht der Film eine Menge Energie.

Fazit: Ein düsteres, verstörendes und ergreifendes Meisterwerk, das den Zuschauer über zweieinhalb Stunden lang in seinen Bann zu ziehen vermag. Unbedingt ansehen!

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