ruß’n’rost reloaded

Ausstellung in Kell am See

Die „Upcycler“ Bettina Reichert und Andreas Hamacher sind die einzigen Menschen in unserer Umgebung, die mit Abfällen wie Blechen, Schrott und Ruß Kunst herstellen. Darum haben sie sich zusammengetan und die Ausstellung „ruß’n’rost“ ins Leben gerufen. 5vier berichtete bereits im Mai über die Kunstausstellung in der Tufa (Hier geht’s zum Artikel). Nun startet das Künstlerduo eine erweiterte Variante in dem historischen Bahnhof in Kell am See. 5vier hat sich mit Hamacher zu einem Interview getroffen, um einen tieferen Einblick in das Schaffen der Künstler zu erhalten.

Entstehen, vergehen und neu entstehen

Kell am See. Andreas Hamacher und Bettina Reichert haben eines gemeinsam. Sie beide verwenden scheinbar unnütze Abfallprodukte wie Ruß und Schrott, um daraus Kunst zu machen. „Wir sind die Generation, die am meisten Ressourcen verbraucht. Aber alles unterliegt einem Kreislauf. Dieses Entstehen, Vergehen und neu Entstehen wird in der heutigen Zeit immer schneller. Wir wollen auf sanfte Art darauf aufmerksam machen, dass nicht alles, was wie Abfall scheint auch Abfall bedeutet“, so Hamacher. Sie reduzieren ihr Material auf das Minimum. „So wie der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry einmal sagte, entsteht Perfektion nicht dadurch, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann. Und danach richten wir unsere Kunst. Mit wie wenig kommt man aus, um den maximalen Ausdruck zu erzeugen“, erzählt uns Hamacher.

Sprünge von Andreas Hamacher, Foto: Andreas Hamacher

Sprünge von Andreas Hamacher, Foto: Andreas Hamacher

So scheint der Ruß, mit dem Bettina Reichert arbeitet, auf den ersten Blick schwarz. Doch mit den verschiedenen Techniken und Schattierungen, die sie verwendet, entsteht eine gewisse Dreidimensionalität. „Der Ruß reflektiert das Licht auf so unterschiedliche Weise. Von der Seite wirkt das Licht wie verschluckt und der Ruß ist komplett schwarz. Von vorne ist er allerdings weiß und hell. Diesen Effekt kann man schlecht in Worte fassen, man muss es mit eigenen Augen sehen.“, sagt Hamacher. Mit ihrer Technik ist Bettina Reichert wohl die Einzige, die Ruß auf diese Weise erscheinen lässt und zum Leidwesen möglicher Nachahmer ist ihre Arbeitsweise geheim.

Mit allen Sinnen erleben

Hier werden alle Sinne angesprochen, denn „ruß’n’rost“ ist nicht nur zum Betrachten, sondern auch riechen und fühlen. „Die Rußbilder von Bettina Reichert sind zum Riechen da. Denn der Geruch des Rußes löst in den Menschen unterschiedliche Emotionen aus. Bei mir zum Beispiel kommen Erinnerungen von meiner Kindheit auf. Ich denke dabei an die Räucherkammer meiner Großmutter mit all dem Räucherschinken und Würsten. Es hat etwas Wohliges und Heimeliges“, sagt Hamacher. Das Schild mit der Aufschrift: „Bitte nicht berühren“, was in so vielen Museen zu finden ist, wäre bei Reichert und Hamacher fehl am Platz. Die Skulpturen sollen sogar angefasst werden, denn interessant sind die Texturen, Kratzer, Kanten und Lackierungen, die sie so interessant und einzigartig machen. Seine Werkreihen „Sprünge“ und „Haptikos“ umfassen ruhige Stillleben, die weich und lieblich wirken aber auch wilde Skulpturen, die die verletzbare, gefährliche Seite des Stahls zeigen und dessen Gewalt in der Verarbeitung.

Vernissage in Kell, Foto: Andreas Hamacher

Vernissage in Kell, Foto: Andreas Hamacher

Interessant ist auch, dass alle Arbeiten ohne Titel versehen sind, denn die Fantasie der Besucher soll angeregt werden und das Betrachten wie eine Art Meditation wirken. „Wir fragen die Menschen immer, schauen sie doch einmal selbst, was sie in unserer Kunst entdecken. Es kann nie falsch sein, was sie darin sehen. Und das ist sehr spannend für uns, denn meist steht das was sie sehen mit persönlichen Erlebnissen und Erinnerungen ihres Lebens in Verbindung“, so Hamacher. Immer wenn die Ausstellung geöffnet ist, ist mindestens einer der beiden Künstler vor Ort, um sich mit den Besuchern auszutauschen und nach Bedarf Hilfestellung zu geben. „Moderne Kunst kann sehr abstrakt sein und oft schwer zu erschließen. Wir wollen nicht, dass unsere Gäste überfordert sind, und bieten daher stets eine gewisse Hilfestellung an“, erklärt uns Hamacher.

Die Vernissage: Der Bahnhof platzte aus allen Nähten

Rußbild von Bettina Reichert, Foto: Andreas Hamacher

Rußbild von Bettina Reichert, Foto: Andreas Hamacher

„Der historische Bahnhof in Kell eignet sich hervorragend für unsere Kunst, denn seit jeher waren Ruß und Rost in Bahnhöfen beheimatet“, erklärt Hamacher. Diese Meinung hat er nicht exklusiv, denn während der Vernissage platzte der Bahnhof aus allen Nähten. „Die Besucher standen bis draußen auf dem Bahnhofsvorplatz, da innen kein Platz mehr war. Aber wir haben die einführende Rede von Dr. Klaus Reeh, vom Vorstand der TUFA Trier, über Lautsprecher übertragen, sodass auch jeder etwas mitbekommen hat“, erzählt uns Hamacher weiter. Der 125 Jahre alte Bahnhof wird, sobald es dunkel ist, zu einem kleinen Event. Mit Power-LEDs wird er illuminiert und dabei anschaulich in Szene gesetzt. „Somit wird auch der Bahnhof zu einem Gesamtkunstwerk der Ausstellung“, so Hamacher. Geplant ist die Kunstausstellung bis zum 12. Oktober, aber über eine Verlängerungswoche wird aufgrund des großen Zuspruchs bereits nachgedacht.

Was die weitere Zusammenarbeit von Andreas Hamacher und Bettina Reichert angeht, äußerte sich Hamacher nicht, mit einem Lächeln wies er nur darauf hin, 2016 mit etwas Neuem zu kommen. So können wir gespannt sein, was sich das Künstlerduo Neues ausdenken wird. Wir lassen uns überraschen.

Mit „ruß’n’rost“ versuchen sie auch in anderen Städten präsent zu werden, aber haben neben der gemeinsamen Ausstellung auch eigene Projekte, an denen sie arbeiten. Mehr dazu unter:

www.bettinareichert.de oder www.andreas-hamacher.eu

5vier.de berichtete bereits im letzten Jahr über die Jahresausstellung “Haptikus, Sprünge und Gradzahlen” von Andreas Hamacher. Hier geht’s zum Artikel.

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