Spitzenschleier und rote Rosen – Premiere „Bluthochzeit“ in Trier

Theater Trier

Am Samstag, den 12. April hatte das Tanzstück „Bluthochzeit“ von Sven Grützmacher Premiere im Theater Trier. Nach einer erfolgreichen Uraufführung in Innsbruck inszenierte Grützmacher sein Stück nun in Trier.

Alister Noblet als Bräutigam

Alister Noblet als Bräutigam

In modernen Zeiten sollte eine Hochzeit ein Grund zur Freude sein, ein Tag an dem sich zwei Liebende (für immer) das Ja-Wort geben. Man braucht nicht weit in der Geschichte zurück zu blicken, um zu wissen, dass dies nicht immer der Fall war. Noch vor wenigen Generationen waren Hochzeiten arrangierte, je nach Stand und gesellschaftlichen Regeln inszenierte Verbindungen, die meist wenig mit (gegenseitigem) Einverständnis der Brautleute zu tun hatten. Nicht selten führte dies zu Fluchtversuchen, die ebenfalls nicht selten in blutigen Auseinandersetzungen endeten. Der spanische Dichter Federico Garcia Lorca hat einen authentischen Fall von der Flucht einer unglücklichen Braut in die Arme ihres Liebsten, weg von ihrem Bräutigam, zur Handlung seines Dramas gemacht, das nun wiederum die Grundlage für Sven Grützmachers Tanztheaterstück ist.

Verbotene Liebe…

Lorcas und Grützmachers Braut ist ein junges Mädchen, das zwar verliebt ist, aber eben nicht in ihren Bräutigam. Sie lässt sich noch auf ihrer Hochzeit mit ihrem Geliebten ein. Die Konsequenz ist für ihren Gatten klar: einer von ihnen beiden muss weichen. Letzten Endes sind es beide, die nicht zu ihr nach Hause zurückkehren, die Braut verbleibt an der Seite ihrer Schwiegermutter in Trauer und gesellschaftlicher Schande.

Sven Grützmachers Inszenierungen tragen alle seine ausdrucksstarke Handschrift, erfrischend zu sehen, dass er in diesem Stück ein wenig von ihr abgewichen ist, ohne sich selbst treulos zu werden. Wie so oft legt er in seiner Inszenierung den Schwerpunkt auf den Balanceakt zwischen Individuum und gesellschaftlichen Anforderungen und Einschränkungen. Der Wunsch den persönlichen Weg zum Glück zu gehen, der an Normen, Regeln und Moralvorstellungen scheitert. Entsprechend schwanken die Bewegungen der Tänzer zwischen den reglementierten, „genormten“ Bewegungsabläufe der Gesellschaft, in Form von Mitbürgern, Nachbarn oder Hochzeitsgesellschaft und den sinnlichen, emotionsbehafteten Bewegungen der Individuen. Allen voran der Braut (Christin Braband) und ihrem Geliebten Leonardo (Noala de Aquino), aber auch dem Bräutigam (Alister Noblet) und dessen Mutter (Juliane Hlawati).

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Grützmachers Idee von einer tänzerischen Annäherung an den dramatischen Stoff geht auf. Christin Braband als Braut wirkt in ihrem Part deutlich gereifter als in ihren bisherigen Parts, wie etwa Prinzessin Aurora in Dornröschen vor zwei Spielzeiten. Besonders schön, ihr Puppenhafter Tanz im, an Omas schwere Gardine erinnernden, Brautkleid. Herrlich steif unter dem herrlich muffig wirkenden Schleier, der zwar nicht ihr Gesicht, wohl aber ihren Unwillen erkennen lässt. Überzeugend auch die Leistung aller Kollegen außerhalb der Soliparts, als Hochzeitsgesellschaft, emsige Ameisen oder Gene-Suchende. Eine Gesellschaft aus einem Guss, ohne individualistische Züge, dafür mit den immer gleichen Moral- und Normvorstellungen. So ist es keine Überraschung, dass sich kollektiv gegen die einsame, und in den Augen der anderen schandvolle, Braut gestellt wird. Und gerade, als die sich aus den Fängen der Trauer befreien will, von der Schwiegermutter, wie immer eine überzeugende, kraftvolle Leistung von Juliane Hlawati, erneut mit der Erinnerung an den verstorbenen Sohn beladen wird.

…Schande und Trauer.

Auch die beiden Herren der Inszenierung dürfen nicht unerwähnt bleiben: Als „Platzhirsch“ wird der Bräutigam im Programmheft benannt und diese Rolle erfüllt Alister Noblet nur zu gut. Als Dandy im weißen Anzug, von der Mutter verehrt, von seiner Braut verabscheut, macht er aus dem eifersüchtigen Bräutigam einen schmierigen, unangenehmen Kerl. Noala de Aquino hingegen wirkt als Geliebter, nicht als Verführer und Versucher.

Musikalisch zeichnet sich die Inszenierung durch osteuropäische Stücke aus, unter anderem durch Jean-Marc Zelwert, Kroke, Ljiljana Buttler, Fanfare Ciocarlia, 17 Hippis und anderen. Keine feurigen, leidenschaftlichen, spanischen Tanzeinlagen, wie der Dichter Lorca ursprünglich vermuten lassen würde, sondern wehmütige, seufzende Weisen. Zusammen mit den Kostümen von Gera Graf, allem voran das spitzenumwebte Brautkleid, ergibt sich aus Musik und Kostüm ein Bild wie aus längst vergangenen Zeiten. Gibt dem ganzen etwas hinterweltlerisches, verlorenes, übrig gebliebenes. Das Bühnenbild, ebenfalls von Sven Grützmacher, verstärkt mit seinen an Kletterwände erinnernden Vorsprüngen und weißen Wänden diesen Kleinweltlichen Effekt. Auf dem Boden verteilt liegen rote Rosen. Eine Assoziation mit Hildegard Knefs Hit „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ ist schnell geschlossen – nur, dass es sich für die Braut offensichtlich ausgeregnet hat.

Fazit: Eine runde Sache, die Grützmacher zusammen mit seinem Tanzensemble in kürzester Zeit da abliefert. Mit gerade mal 70 Minuten Spieldauer zeigt Grützmacher nicht nur die tragische Geschichte einer Liebe, die nicht sein durfte, sondern zudem eine Gesellschaftstudie, einer gerade eben vergangenen Zeit. Gelungen und sehenswert.

Fotos: Theater Trier

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