Suizid in Serie? – Tote Mädchen lügen nicht

Wenn Tabuthemen ins Rampenlicht treten...

Die Kino-Woche ist mittlerweile ein fester Bestandteil unserer Seite, aber wie oft geht ihr eigentlich ins Lichtspielhaus eures Vertrauens? Und wie oft bleibt ihr auf der heimischen Couch sitzen und suchtet euch statt dem x-ten Hollywood-Blockbuster auf Netflix, Amazon & Co durch die neuesten Serien-Highlights? Der Trend zeichnet sich ab, dass das immer öfter der Fall ist und wir wollen euch  nicht nur für’s Kino auf dem Laufenden halten, sondern auch euer treuer Begleiter für Streaming-Trends werden, wenn in der Mosel-Metropole mal nix geht! Garantiert Spoiler-Frei und gut informiert!

Den Anfang macht eine Serie, die in den letzten Wochen heiß diskutiert wurde: „Tote Mädchen lügen nicht“ oder im Englischen (und wesentlich treffender) „13 Reasons Why“. Die 13-teilige Staffel basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jay Asher, für den Universal 2011 die Rechte erwarb. Zunächst sollte Teenie-Idol Selena Gomez die Hauptrolle übernehmen, im fertigen Netflix-Produkt taucht sie allerdings nur noch als Produzentin im Abspann auf.

Eine Teenie-Serie, die mit einer produzierenden Selena Gomez Werbung macht, klingt noch nicht nach einer Binge-Watch-würdigen Erfahrung. Binge-What? Wer bei Netflix & Co regelmäßig mitfiebert, wird zweifellos desöfteren über die englische Wort-Konstruktion stolpern, die so viel bedeutet wie „Serienmarathon“, also eine Fernsehserie am Stück durchschauen oder – neudeutsch – durchsuchten. Manche Serien legen es mit heftigen Cliffhangern am Ende jeder Folge darauf an, dass Sucht-Gefährdete sofort die nächste Folge starten und dann beim Serienfinale entsetzt feststellen, dass die Sonne schon wieder aufgeht.

„Tote Mädchen lügen nicht“ gehört da nicht unbedingt zu. Die US-Produktion erzählt die Geschichte der Hannah Baker verhältnismäßig langsam, die nach ihrem Selbstmord 7 Audiokassetten an 13 Menschen aus ihrem Umfeld verschickt, von denen jeder auf seine eigene Weise zu dem Suizid beigetragen hat. Harter Tabak, der vor allem in den USA für heftige Diskussionen sorgt. Der Vorwurf von diversen Organisationen und Psychologen lautet, dass Suizid romantisiert wird. Das geht so weit, dass Netflix sich gezwungen sah, vor kurzem ein Video hochzuladen, in dem Produzenten und auch Darsteller der Show über die sensible Thematik sprechen. Auch Buchautor Jay Fisher kommt in dem 30-Minuten-Feature zu Wort. Darüberhinaus soll es Warntafeln vor jeder Folge geben, die bisher nur bei einigen Episoden auftauchten.

In Kanada hat eine Schule jegliche Diskussionen über „Tote Mädchen lügen nicht“ verboten, wie die Entertainment-Seite A.V. Club berichtete und dabei einen Brief der Schule an die Eltern der Schüler abdruckte:

„Die Diskussion, die sich in der Schule verbreitet ist Besorgnis erregend. Diese Serie ist für Erwachsene und das Thema ist der Selbstmord einer High School-Schülerin. Die Show enthält Gewaltdarstellung, Obszönitäten, Alkohol, Drogen, Rauchen und beängstigende, intensive Szenen. Der Grund dieser E-Mail ist, um Ihnen alle diese Information zukommen zu lassen. Bitte lassen Sie Ihre Kinder wissen, dass Diskussionen über 13 Reasons Why an unserer Schule verboten sind wegen dem verstörenden Thema.“

Um ein verstörendes Thema handelt es sich beim Selbstmord der Hannah Baker zweifellos, aber mit einem Diskussionsverbot wird man es ganz sicher nicht lösen. In wie fern die Serie ausreichend in die Tiefe geht, um Suizid nicht als leichtfertige Lösung für Teenie-Probleme zu offerieren, kann sehr wohl diskutiert werden. Eine oberflächliche Teenie-Nummer zum schnellen Geld-Verdienen ist „Tote Mädchen lügen nicht“ aber definitiv auch nicht geworden. Über weite Strecken ist die Netflix-Show gut beobachtet, herausragend besetzt und gespielt und audiovisuell perfekt in Szene gesetzt. Die Charaktere sind dabei meist nur auf den ersten Blick die typischen High-School-Stereotypen, stellen aber somit den gleichen Mikrokosmos an vorgefertigten Rollen dar, den wir auch im größeren Rahmen in unserer alltäglichen Gesellschaft wiederfinden.

Und da ist der Tod ein Tabuthema. In einer Konsumgesellschaft, die immer höher, weiter und schneller nach oben und dabei immer jünger, besser und dynamischer aussehen will, ist dieser beängstigende Endpunkt an jedem Leben ein unangenehmer Störfaktor. Suizid verstärkt diese Irritation nur noch mehr. Und eine junge Schülerin, die sich in Nahaufnahme die Pulsadern in der Badewanne durchtrennt, ist auch in Zeiten von Gewaltorgien im Kino ein Anblick, der sich einbrennt, verstört und zum Nachdenken anregt. „Tote Mädchen lügen nicht“ präsentiert nicht nur zahlreiche Erwachsene, die mit dem Selbstmord an der Schule ihrer Kinder überhaupt nicht umgehen können und im Dialog mit ihren Zöglingen geradezu unbeholfen wirken, sondern provoziert die exakt gleiche Unsicherheit auch unter den Zuschauern: Hilfsorganisationen, Eltern und Schulen, die aufgrund der unangenehmen Thematik auf die Barrikaden gehen, Verbote und Zensur fordern.

Der US-Schulpsychologenverband nahm die Erfolgs-Serie überaus ernst, wie der Spiegel berichtet: „Wir empfehlen nicht, dass verwundbare Jugendliche, insbesondere jene, die auch nur die geringsten Suizidgedanken haben, diese Serie sehen. Ihre eindringliche Erzählkunst könnte beeinflussbare Zuschauer dazu verführen, die Entscheidungen der Charaktere zu verklären oder Rachefantasien zu entwickeln.“ Dementsprechend verschickte der Verband auch einen Ratgeber für Lehrer und Schultherapeuten. Den heftigen Reaktionen aus der Erwachsenenwelt stehen Rekordzahlen aus den Zuschauerreihen gegenüber. So hat die Serie einen Twitter-Rekord für dieses Jahr aufgestellt, da sie in weniger als einem Monat bereits 11 Millionen mal in Tweets erwähnt wurde. „Tote Mädchen lügen nicht“ a.k.a. „13 Reasons Why“ mag nicht perfekt sein, aber rückt ein Tabu-Thema in den Fokus und entwickelt damit im Netz ein unaufhaltbares Eigenleben.

Für Verbote ist es also längst zu spät und das ist gut so, denn Netflix hat mit seinem neuesten Hit zweifellos einen Nerv getroffen. Man hat die Welt aus Sicht der Jugendlichen zeigen wollen, so Drehbuchautor Brian Yorkey, wo Probleme gerne banalisiert werden, obwohl sie für die Teenager alles andere als banal sind. Und weil die Zuschauer das ganz genauso sehen, hat auch Netflix eingesehen, dass aus der abgearbeiteten Vorlage doch noch mehr rauszuholen sein muss. Dementsprechend bleibt es auch ohne weitere Bücher nicht bei nur einer Staffel, mit einem Tabu-Thema lässt sich schließlich nicht nur gut provozieren und aufrütteln sondern natürlich auch jede Menge Geld verdienen…

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