Sunny Sunday – Hollywood, die Heimat der Oscars

Zwischen Film-Magie, Kommerz-Meile und Wüstenwildnis

Hollywood ist eigentlich nur ein kleiner Stadtteil der Mega-Metropole Los Angeles im Sonnenstaat Kalifornien, der sich über viele Jahre als Epizentrum der amerikanischen Filmindustrie herausgeputzt hat. Doch den Glamour-Gigantismus, den der so bedeutende Stadtteil zur Verleihung der Oscars versprüht und in die ganze Welt ausstrahlt, hat eigentlich relativ wenig mit dem vorherrschenden bergigen Siedlungschaos zu tun, welches von neun weiß strahlenden Buchstaben auf dem Mount Lee bewacht wird.

Trier / Hollywood. Wenn man sich zum ersten Mal im Landeanflug auf Los Angeles befindet, ist es fast unmöglich den verhältnismäßig kleinen Stadtteil in diesem nicht enden wollenden Häusermeer zu identifizieren. Zu unscheinbar erscheint eine 210.000 Einwohner zählende Siedlung in einem Großraum, der fast 20 Millionen Menschen beherbergt und eine größere Fläche bedeckt als Bayern. Man fliegt bereits über Außenbezirke von Los Angeles, wenn man noch rund 30 Minuten vom Ziel-Flughafen entfernt ist. In die ungefähre Fläche von über 90.000 km² würde Trier 770 mal hineinpassen. Sobald aber das Fahrwerk den kalifornischen Boden berührt, ist die Wiege der Oscars, Hollywood allgegenwärtig. Die ersten Momente in L.A. fühlen sich an wie eine künstliche Traumwelt, die man nur aus Filmen kennt und sich dementsprechend bereits durch den ununterbrochenen Fall-Out der Popkultur unermüdlich in unser Gedächtnis eingebrannt hat.

Hollywood
Wenn das Häusermeer kein Ende mehr nimmt, ist man in der Stadt der Engel angekommen (Foto: Dustin Mertes)

Auf den ersten Kilometern ist es, als würde man durch Filmkulissen fahren, weil einfach an jeder Ecke Vertrautes wartet aus dem L.A.-Exportschlager Nr. 1: Filme! So zieht der überdimensionale Donut-Shop am Autofenster vorbei, kurze Zeit später das Nakatomi Plaza in Century City, in dem Bruce Willis 1988 zum ersten Mal langsam starb und wenig später taucht am Horizont die Skyline auf, die einst in „Independence Day“ dem Erdboden gleich gemacht wurde. Fast schon unscheinbar erschienen da die weißen Buchstaben, die eher unauffällig vom Mount Lee her aufleuchten: Hollywood!

Hollywood
Der Hollywood Boulevard (Foto: Dustin Mertes)

Oft ist allerdings gerade das vermeintliche Epizentrum der amerikanischen Filmindustrie die erste große Enttäuschung in dieser Stadt, die bei den meisten straff durchorganisierten Rundreisen meist nur stiefmütterlich als An/Abreisepunkt abgespeist wird. Und wenn der in California-Merchandize eingekleidete Durchschnitts-Tourist mit billiger Aldi-Kamera im Anschlag dann doch einen fast 20 Millionen Menschen fassenden Ballungsraum erkunden will, verschlägt es ihn scheinbar erstmal auf den Hollywood Boulevard: eine mit Souvenir-Shops überflutete, erschreckend heruntergekommene Kommerz-Meile, die Touristen-Massen magnetisch anzieht und sie in der Regel unbeeindruckt wieder ausspuckt, als wolle sie darauf hinweisen, dass man die Magie des bewegten Bildes nicht einfach mit dem stupiden Abfotografieren von Star-Sternen auf dem Gehweg abhaken kann. Lohnenswert ist ein Besuch im Komplex des Dolby Theatre, in dem nicht nur heute die Oscars verliehen werden, sondern sich zumindest ein wenig Mühe gegeben wird, der Faszination Film in liebevoll aufbereiteter Kulisse Tribut zu zollen und man einen ersten perfekt inszenierten Blick auf den legendären Hollywood-Schriftzug werfen kann. Dieser Bereich ist es auch, der heute mit absurden Sicherheitsvorkehrungen vom chronisch verstopften Straßennetz abgeschirmt ist. Der gesamte Block am Hollywood-Boulevard ist zugunsten eines nicht enden wollenden roten Teppichs gesperrt, an dem heute so ziemlich alles entlang schreitet, was in der Filmbranche Rang und Namen hat.

Die meisten Menschen versuchen mangels Ortskenntnis gar nicht erst näher an die Buchstaben heranzukommen, die ursprünglich 1923 errichtet wurden, um für abgelegene Grundstücke nördlich des kleinen Los Angeles zu werben. Die Hartgesottenen suchen mit den Smartphones im Anschlag nach Wegen zum Hollywood Sign, blockieren dabei die engen Bergstraßen, die sich am Mount Lee entlang schlängeln und ziehen damit die Wut der gut betuchten Bewohner auf sich. So hat sich in den letzten Jahren einiges geändert. Parkplätze wurden gesperrt, die genaue Adresse des Hollywood-Schriftzugs wurde aus Google Maps entfernt und Touristen wird empfohlen, es doch einfach vom rund 2 Kilometer entfernten Griffith Observatory zu fotografieren.

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Blockbuster-Aussicht auf Los Angeles vom Griffith Observatory (Foto: Dustin Mertes)

Der weiße an die Art Deco-Architektur angelehnte Kuppelbau ist einer der ikonischsten Punkte Hollywoods, wenn auch nicht die beste Adresse, um den Schriftzug abzulichten. Wer Filme mag, kennt aber garantiert auch das 1935 fertiggestellte Observatorium, welches bis heute als Zentrum des gigantischen Griffith Park für Besucher aus aller Welt gratis zugänglich ist. Hier fand das dramatische Finale vom James Dean-Klassiker „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ statt, hier stapfte Arnold Schwarzenegger im ersten „Terminator“ über den Vorplatz und organisierte sich etwas zum Anziehen, hier tagten die wandelnden Effekt-Meilensteine aus „Transformers“ vor der entscheidenden Schlacht. Die filmhistorische Bedeutung der Location ist allerdings schnell vergessen, wenn man sich passend zum Sonnenuntergang am Griffith Observatory einfindet und Zeuge von dem unvergesslichen Farbschauspiel wird, dem die langsame Transformation ins nächtliche Los Angeles folgt. Wenn das scheinbar unendliche Lichtermeer der Stadt der Engel angeworfen wird, kann man sich nur schwer von dem elektrisierenden Anblick trennen, der von dem elektrisierenden Panorama ausgeht.

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Erst die Arbeit, dann das Vergnügen…vor dem Hollywood-Zeichen liegt erst einmal ein mühsamer Trail… (Foto: Dustin Mertes)

Wer bei aller Romantik dann aber doch näher zum eigentlichen Schriftzug will, findet immer noch in der Nähe der Sunset Ranch Hollywood einen wenig befestigten Trail, der in die wilde Bergwelt der Filmmetropole startet. Wenn man einen halbwegs legalen Parkplatz am Straßenrand gefunden hat (Vorsicht, hier wird rigoros abgeschleppt!), sollte man nun – mit genug Flüssigkeit im Gepäck – dem verschlungenen Trail folgen und sich besonders im Sommer auf schweißtreibende Temperaturen gefasst machen, denn falls man es bis jetzt im Klimaanlagen-Armageddon nicht gemerkt hat: auf dem Weg zum Hollywood-Schriftzug macht sich das trockene, Wüsten-ähnliche Klima deutlich bemerkbar. Doch die knapp 1-stündige Wanderung (Fotostopps mit eingeschlossen) lohnt sich, zeigt sie doch die unendliche Aneinanderreihung von Häusern  aus einer anderen Perspektive und überrascht mit dem faszinierenden Kontrast zwischen totaler Wildnis und nicht enden-wollender Zivilisation, der die Großregion Los Angeles so faszinierend macht. Am Ende, einer Sackgasse mit regelmäßiger Polizei-Streife, angekommen findet man einen Vorsprung, von welchem man die perfekten Fotos vom legendären Schriftzug machen kann, während sich hinter einem das unnachahmliche Stadt-Panorama der Stadt der Engel entfaltet. Es reicht wie schon vom Griffith Observatory von den Villen-übersähten Hügeln Hollywoods vorbei an Downtown L.A. über die Viertel, die man besser meidet, bis hin nach Long Beach, woran sich der Port Los Angeles und ein sanfter Riesenhügel namens Palos Verdes anschließt. Draufgänger, die sich dem Schriftzug noch weiter nähern wollen, werden von der örtlichen Polizei samt Hubschrauber meist schnell vom Gegenteil überzeugt.

Ein weiteres Juwel abseits des Touristen-überlaufenden Hollywood Boulevards ist der legendäre Mulholland Drive, der sich von Hollywood in die Santa Monica Mountains schlängelt. Die mythische Bergstraße, die unter anderem prominenter Namensgeber für David Lynchs Oscar-nominierten Mindfuck-Trip „Mulholland Drive“ war, lässt Road Trip-Träume wahr werden. Gerade abends bewegt man sich hier wie auf einem magischen Pfad zwischen unberührter Natur und dem gigantischen Lichter-Meer, in das man am Fuße der Bergkette natürlich auf vielfältige Weise eintauchen kann. Das Nachtleben von Los Angeles ist vielfältig und angesichts seines glamourösen Rufs erstaunlich alternativ angehaucht. Gerade in Hollywood sind es die weltberühmten Rockstar-Spelunken am Sunset Boulevard, die seit ihrer Hochzeit in den 1980er Jahren nichts an Faszination eingebüßt haben. Ob im legendären Rainbow Bar & Grill, wo der verstorbene Motörhead-Frontmann Lemmy ein und aus ging oder im noch ikonischeren „Whisky-a-Go-Go“, das als Geburtsstätte des „Go-Go-Girls“ gilt: hier lässt es sich erstaunlich down-to-earth feiern. Nur die Preise sind oft nicht von dieser Welt.

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Verkehrte Welt: Hogwarts mitten in Los Angeles (Foto: Dustin Mertes)

Das ist das perfekte Stichwort für den vermutlichen größten Tourismus-Magneten in dem berühmten Stadtteil: die Universal Studios. Für ein halbes Vermögen kann man in eine perfekt durchinszenierte Film-Blase in die magische Welt Hollywoods einsteigen, sich mit einem Zug durch die realen Filmstudios kutschieren lassen und danach ausgelassen auf den zahlreichen Attraktionen des Parks diverse Schreck- und Thrill-Momente genießen. Mit am beeindruckendsten ist dabei das brandneue Harry Potter-Viertel inklusive dem über allem thronenden Hogwarts-Schloss. Den wahren Geist von Hollywood zu finden, ist heutzutage allerdings beinahe unmöglich, da bis auf Universal alle großen Studios aus dem Stadtteil in umliegende Viertel oder sogar noch deutlich weiter weg gezogen sind. Los Angeles ist ein teures Filmpflaster geworden, so dass viele Produktionen ins billigere Kanada abwandern und mit geballter Effektkraft den sonnigen Look aus Kalifornien nachahmen.

Die Oscars werden auch heute Nacht mit ihrer glamourösen Show, dem nicht enden wollenden Teppich, der elegant-zeitlosen Big Band-Musik ein Hollywood präsentieren, welches nichts mehr mit der Realität zu tun hat. Hollywood ist heutzutage genauso laut und von Verkehr verstopft wie der große Rest von Los Angeles. Und trotzdem ist es, genau wie die Stadt der Engel, ein unglaublich faszinierender, gegensätzlicher Ort, dessen Highlights man erst entdecken muss. Nirgendwo prallen die Extreme zwischen Star-Villen in den Bergen und Obdachlosen in der Stern-gesäumten Hauptstraße krasser aufeinander, nirgendwo wirkt die Wüsten-ähnliche Bergwelt gegensätzlicher, als in den angrenzenden Palmen-Alleen, so als könne sich die Stadt nicht entscheiden, ob sie Oase oder trostlose Ruine sein will. So bleibt viel Spielraum für den American Dream, der auch heute noch arbeitslose Schauspieler in die Stadt zieht und manchmal nie wieder freigibt. Die Magie des Films ist nach wie vor ungebrochen, die Magie von Hollywood muss man aber erstmal mühsam freilegen!

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