Sunny Sunday – Mit Dumpingpreisen in den Süden

Billig Reisen auf Kosten des Personals oder zuhause bleiben?

Bei zweistelligen Minus-Graden in der 5vier-Region fällt es gar nicht so leicht an wärmere Zeiten zu denken. Dabei ist die Flucht aus dem frostigen Winter gerade in der Region Trier gar nicht so schwierig, wenn auch nicht mit jedem Gewissen vereinbar…

Trier. Während die Deutsche Bahn vielleicht den Glauben an den Fernverkehr in der Moselmetropole verloren hat, bieten sich dank guter Flughafen-Infrastruktur überdurchschnittlich viele Möglichkeiten dem Alltag zu entfliehen. Low-Cost-Airlines wie Ryanair machen es möglich, dass die Flucht in den Süden oft gar günstiger ist als eine Bahnfahrt nach Köln.

Die vom kriselnden Hunsrück-Airport startenden Iren müssen natürlich erst mal erreicht werden. Wenn man nicht mit eigenem PKW unterwegs ist, geht das aus der Region relativ unkompliziert mit diversen Airport-Shuttle-Anbietern wie beispielsweise flibco.com, die bereits ab 5 Euro pro Fahrt den Flughafen im Hinterland ansteuern. Mit Flugpreisen ab 4,99 Euro/Flug (aktuell nach Timisoara, Rumänien) bietet sich eine Vielzahl an Möglichkeiten. Nach Italien (Mailand, Pescara, Venedig) geht es ab 9,99 Euro, nach Portugal ab 12,99 Euro, nach Spanien ab 12,99 Euro, nach Kroatien ab 14,99 Euro…die Möglichkeiten scheinen unbegrenzt.

Natürlich will auch eine irische Billig-Airline Geld verdienen, so dass es selten bei den Minimum-Preisen bleibt. Oft sind die Flugzeiten nicht optimal, so dass man dann doch auf einen etwas teureren Alternativ-Flug ausweicht, manchmal ist der Rückflug etwas kostspieliger und die Option auf einen Fensterplatz oder gar etwas mehr Sitzabstand lassen sich die Low-Coster natürlich auch wieder bezahlen.

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Stetig steigende Passagierzahlen zeigen, dass sich viele von der Personalpolitik von Ryanair nicht abschrecken lassen. (Foto: Dustin Mertes)

Darüberhinaus ist der Frankfurt-Hahn nicht gerade eine internationale Airport-Perle, sondern macht durchaus den Eindruck eines notdürftig zusammengebastelten Discount-Flughafens. So schreiten Ryanair-Passagiere auch nicht durch eine gut beheizte Gangway zum Flieger sondern müssen durch die Kälte auf’s Flugfeld stapfen und über eine wacklige Andock-Treppe ins Flugzeug steigen, dass in grellen Gelb- und Blautönen auch deutlich das Flair eines Discount-Fliegers wiederspiegelt. Über die Sicherheit braucht man sich dabei relativ wenig Gedanken zu machen. Mit ihrem Erfolgsrezept verfügen die Iren über eine Einheitsflotte von derzeit rund 340 Boeing 737 mit einem Durchschnittsalter von deutlich unter 6 Jahren. Der etablierte Netzwerk-Carrier Lufthansa betreibt zum Vergleich eine fast doppelt so alte Flotte (11 Jahre Durchschnittsalter). Die Ryanair stößt ihre Maschinen in der Regel vor kostspieligen Wartungen wieder ab und stopft die Lücken mit einem nicht nachlassenden Strom an brandneuen Flugzeugen.

Wenn der Schub aktiviert wird und die Boeing 737-800 die Startbahn entlang donnert, ist das Billig-Flair bei der Anreise auch recht schnell vergessen.

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Trier aus rund 9000 Fuß Höhe (Foto: Dustin Mertes)

Je nach Wetter, Zielort und der entsprechenden Flugrichtung kann man aus rund 3000 Metern Höhe nochmal einen Blick auf Trier werfen, bevor die kalte Heimat in der Ferne verschwindet. Während man sich es über den Wolken gemütlich macht (der Sitzabstand ist zumindest nicht schlechter als bei der Lufthansa, bei den neuesten Ryanair-Maschinen angeblich sogar besser), beginnt der Bordservice, der sich natürlich jede Leistung bezahlen lässt. Irgendwoher müssen die Flugpreise ja kommen. Wer sich zu einem Ryanair-Flug entscheidet, weiß das in der Regel aber auch vorher. Dafür steht man 2-3 Stunden später aber auch in südlichen Gefilden unter strahlendem Sonnenschein und hat dafür nicht mehr bezahlt, wie für ein gutes Abendessen in Trier. Während es zuhause im zweistelligen Minusbereich fröstelt, kann man dann in Straßencafes die Sonne genießen und das Meer beobachten.

 

Für Reisende mit knappem Budget gab es nie bessere Möglichkeiten für wenig Geld ein bisschen Sonne zu tanken. Bei Flugpreisen im teilweise einstelligen Bereich, kann man so auch mal für nur 2-3 Tage dem Alltag entfliehen ohne die gesamte Urlaubskasse zu plündern. Einen Haken gibt es aber natürlich auch und der wird ersichtlich, wenn man bei Ryanair hinter die Preise blickt. Fakt ist, dass die Dumping-Preise mitunter durch extrem niedrige Personalkosten realisiert werden. Dementsprechend jung ist das Bordpersonal, oft aus Niedriglohnländern rekrutiert und nicht direkt bei der Airline angestellt. Stattdessen sind die meisten Ryanair-Piloten selbstständig und über Subunternehmen bei den Iren angestellt. Das bedeutet, dass Krankheits-bedingte Ausfälle keinen Lohn einbringen und die Piloten auch ansonsten so gut wie keine sozialen Absicherungen haben. Ganz langsam regt sich Widerstand gegen diese fragwürdige Personalpolitik in Form von Gründungen einer Tarifkommission mit Unterstützung der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit. Die Tatsache, dass die beteiligten Ryanair-Piloten anonym bleiben wollen, sagt wohl einiges über die Personalpolitik des Billigfliegers aus.

Ob man zugunsten eines günstigen Preises und dadurch ermöglichter spontaner Reise-Erlebnisse in der Winterzeit derartige Praktiken mit einem Blick aus dem Flugzeug-Fenster verdrängen kann, muss jeder selbst wissen. Fakt ist allerdings auch, dass Ryanair kein Einzelfall ist. Die altehrwürdige Lufthansa unterhält mit Eurowings ihre eigene Günstigmarke, die mit günstigen türkischen Crews Langstrecken-Ziele anfliegt, der norwegische Low Coster Norwegian stationiert derartige Crews im günstigen Thailand außerhalb norwegischer und europäischer Arbeits- und Sozialgesetze. Der gesellschaftlich verantwortungsvolle Kunde steht vor einem Dilemma, mittlerweile bei fast allen Airlines.

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