TBB Trier: Henrik Rödl und das EM-Wunder vor 20 Jahren

Am 4. Juli 1993 gewann die Basketball-Nationalmannschaft die Europameisterschaft - Henrik Rödl erinnert sich

Von Florian Schlecht

Es war der größte Moment des deutschen Basketballs. Am 4. Juli 1993 gewann die Nationalmannschaft im eigenen Land die Europameisterschaft durch einen Finalsieg gegen Russland. Mit von der Partie bei dem denkwürdigen Turnier: Henrik Rödl, der mittlerweile Trainer der TBB Trier ist. Im Gespräch mit 5vier erinnert er an das Titelwunder, die letzten Sekunden im Endspiel und das Geheimnis des damaligen Erfolges.

Henrik Rödl, TBB Trier. Foto: Thewalt

TBB-Trainer Henrik Rödl wurde 1993 Europameister mit Deutschland. Foto: Thewalt

In der deutschen Sporthistorie gibt es legendäre Momente, die von Generation zu Generation mit leuchtenden Augen weitererzählt werden. Es sind die Geschichten von Athleten, die Millionen von Fernsehzuschauern in ihren Bann zogen, emotional berührten und über sich hinauswuchsen. Im Fußball ist es das „Wunder von Bern“, der WM-Titel von 1954, bei dem Deutschland einen 0:2-Rückstand gegen Ungarn in einen 3:2-Erfolg umwandelte. Im Tennis begeisterte Boris Becker die Massen, als er 1985 als 17-jähriger Teenager in Wimbledon siegte. Und im Basketball ist es der Gewinn der Europameisterschaft der Nationalmannschaft, der in Erinnerung bleibt. Vor genau 20 Jahren, am 4. Juli 1993 besiegte die deutsche Auswahl in der Münchner Olympiahalle das hoch favorisierte Russland mit 71:70. Ein Zeitzeuge des einzigen internationalen Basketball-Titels ist Henrik Rödl. Der Trainer der TBB Trier stand damals im Kader, war mit 24 Jahren der jüngste Spieler und trug maßgeblich zu der Sensation bei.

„Das war eine riesige Überraschung für uns. Wir haben danach alle Ehrungen mitgemacht, waren im ZDF-Sportstudio und ‚Mannschaft des Jahres‘. Das Video vom Finale habe ich zu Hause. Ich gucke es mir manchmal noch an“, schwärmt Rödl. Im August hat der Deutsche Basketball-Bund die Spieler und Trainer eingeladen, um das Jubiläum zu feiern. In München, dem Ort des Erfolges. Vor 10.800 Zuschauern gewann das Nationalteam dort das packende Endspiel. „Es ist kein Wunder, dass eine EM oft von der Heimmannschaft gewonnen wird. Die Halle war voll, wir hatten große Unterstützung von den Rängen“, nennt Rödl als wesentlichen Grund für den Sieg.

„Für einen Moment blieb mein Herz stehen“

Die Schlussphase hat Rödl im Gedächtnis abgespeichert. Kurz vor dem Ende lag Deutschland noch mit 68:70 zurück. „Beim letzten Angriff stand ich nicht auf dem Feld.“ So sah er von der Bank, wie Kai Nürnberger auf Christian Welp passte, der den Ball zum Ausgleich ins Netz dunkte und obendrauf gefoult wurde. Obwohl der Center zuvor von seinen fünf Freiwürfen nur einen verwandeln konnte, behielt er die Nerven, als es drauf ankam. 71:70. 3,9 Sekunden waren noch zu spielen. Rödl kam wieder ins Spiel, um einen gegnerischen Angriff zu verteidigen. Es klappte, wenn auch mit einem Schreckmoment. „Russland versuchte es noch ein Mal von der Mittellinie. Ich sah sogar die Chance, dass der Wurf reingeht. Da blieb mir für einen Moment mein Herz stehen.“ Als der Ball am Ring landete und raussprang, war der Jubel groß. „Das Feld wurde gestürmt, wir lagen uns alle in den Armen. Es war eine unglaubliche Sache, dass wir gewinnen. Für mich war es sowieso ein verrücktes Jahr, weil ich ein paar Wochen zuvor noch mit meiner College-Mannschaft der „Tar Heels“ den Titel in den USA feiern konnte. Das war fast genauso unmöglich wie die Europameisterschaft.“

Von einem EM-Sieg war unter den Spielern vor dem Turnierbeginn aber keine Rede. „Daran hat kein Mensch gedacht. Wir wollen ins Viertelfinale kommen.“ Der Weg dorthin war schon steinig. Das Auftaktspiel gegen Estland ging sogar 103:113 verloren. Dennoch gelang der Sprung in die Zwischenrunde und mit einem Erfolg gegen die Türkei auch der Einzug in die K.O.-Spiele, wo überraschende Triumphe gegen Spanien und Griechenland folgten. Für Rödl waren die Energieleistungen des deutschen Teams aber kein Zufall. „Wir hatten eine Generation von Spielern, die keine Angst hatten, gegen die Besten zu spielen. Bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 konnten wir schon sehen, dass wir mit den Besten mithalten können. Wir haben nur etwas unterhalb des Radars gespielt, weil wir bis dahin noch nicht die großen Erfolge hatten.“

„Sechs Jahre Arbeit und einige graue Haare“

Engen Kontakt hat Rödl noch heute zu den EM-Helden von 1993, zu denen Spieler wie „Hansi“ Gnad, Henning Harnisch und Michael Koch gehörten. Befreundet ist er nach wie vor mit Svetislav Pesic, der Deutschland als Trainer zu dem Wunder vor 20 Jahren führte. „Er kann eine Mannschaft besonders gut zusammenfügen, einstimmen und interessiert sich auch für den privaten Bereich. Er war das Mastermind hinter dem Erfolg. Auch wenn ihn das Projekt sechs Jahre Arbeit und bestimmt einige graue Haare gekostet hat“, schmunzelt der Trierer Trainer.

Auf einen weiteren Titel der Nationalmannschaft wartet aber auch Rödl seit der Europameisterschaft vergeblich. „Unter Dirk Nowitzki waren wir als WM-Dritter und EM-Zweiter mal ganz dicht davor. Aber so ein besonderer Sieg ist nicht so einfach zu wiederholen.“ Aus eigener Erfahrung weiß er aber: „Wenn ein Team einmal einen Lauf kriegt, kann in einem Turnier viel passieren.“ So wie vor 20 Jahren in München.

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