Pokalträume nach dem Sieg gegen Oldenburg

„Die nächste Stufe erreichen“, dieses Ziel hatte Headcoach Henrik Rödl nach dem Heimsieg gegen Gießen seiner Mannschaft vorgegeben. Es folgten Favoritenstürze gegen Würzburg und Oldenburg. Wo steht das Team wirklich?

Ist sie das nun, die nächste Stufe? Befindet sich das Team plötzlich, wenige Monate nach einer Saison voller Abstiegsangst, im Kopf-an-Kopf-Rennen mit den besten acht Teams der Liga? Kaum zu glauben. Doch der alte Traum von der Playoff-Rückkehr liegt noch in weiter Ferne. Viel näher ist dagegen der BBL-Pokalwettbewerb 2013 – auf dem derzeit vierten Tabellenplatz hätte sich die TBB für eine Teilnahme qualifiziert.

Überraschung perfekt: nach 7 Siegen aus 10 Spielen steht die TBB auf Tabellenplatz 4. Foto: Thewalt

Trier stand zuletzt 2004 in der BBL-Endrunde und spielte im selben Jahr auch zum letzten Mal um den Pokal; der letzte Titelgewinn liegt dort inzwischen über 11 Jahre zurück. Mindestens Platz 6 zum Ende der Hinrunde wäre für eine Qualifikation zum Ausscheidungsturnier notwendig, Platz 7, wenn Ausrichter Berlin  darunter ist – dann erst ginge es in den eigentlichen Pokalwettbewerb, die Beko BBL Top Four. Bis dahin wird Trier noch sieben Spiele bestreiten müssen; der Weg wird steinig. Auswärts geht es gegen Bamberg,  Bonn, Ulm und die Artland Dragons, zudem steht mit dem BBC Bayreuth das andere Überraschungsteam vor der Haustür. Punkte wird es nur geben, wenn die Mannschaft weiterhin so auftritt wie am Samstag gegen Oldenburg. Eine gute Gelegenheit, sich die Faktoren für die jüngsten Erfolge im Detail anzusehen:

  • Verteilte Last: Im dritten Spiel in Folge punkteten alle eingesetzten Spieler, einige davon zweistellig. Trier fehlt im Vergleich zur Vorsaison der klassische „Go-to-Guy“ (lies: Dru Joyce). Kein Problem: Im Spiel und in der „Crunchtime“ trägt bislang jeder zum Erfolg bei. Hinzu kommt eine stete Balance in der Wurfauswahl. Diese Vielseitigkeit ist schwer auszurechnen.
  • Intensität und Konstanz: In bislang drei Niederlagen verlor die TBB mit durchschnittlich 5.3 Punkten – ein Debakel war nicht darunter. Tatsächlich gerieten die Partien gegen Berlin, München und Braunschweig jeweils zu jeweils knappen Angelegenheiten. „Leichte Siege“ gibt es gegen Trier derzeit nicht.
  • Schwächen ausgemerzt: Noch ist die desolate Freiwurfquote der Vorsaison nicht vergessen – mit 70.9 Prozent rangiert die TBB auch jetzt nur auf Platz 15 – doch ein Aufwärtstrend ist klar erkennbar. Den letzten Beweis lieferte das Team gegen Oldenburg: 77 Prozent fielen durch die Reuse, sieben von acht alleine im letzten Viertel. Massiv verbessert hat man sich auch von jenseits der 6,75 Metern: Zu den erklärten Scharfschützen Stewart und Doreth gesellten sich zuletzt noch Mathis Mönninghoff und Jarrett Howell. Insgesamt 13 Dreier heizten den EWE Baskets am Samstag ein.
  • Nervenstärke: Das heillose 27-Turnover-Durcheinander inklusive Trikot-Protest in Würzburg hätte im Regelfall kaum zum Sieg gereicht – Trier stahl gegen verunsicherte Franken dennoch einen Auswärtserfolg. Gegen Oldenburg gab man eine 16-Punkte Führung her und fuhr den Heimsieg trotzdem ein – etwas, das bei der unglücklichen Niederlage gegen Berlin noch ganz anders ausging.
  • Teamgedanke: Kollektive Siegestänze sind eine Seite der Medaille, das Gesicht der Mannschaft auf dem Platz eine andere. Konkurrenzdenken und Individualismus sind kein Thema. Symptomatischerweise erhielt Andi Seiferth nach zwei aufeinanderfolgenden Airballs gegen Oldenburg die demonstrative Unterstützung seiner Kollegen.
  • Neuzugänge schlagen ein: „Air“ Harpers erste BBL-Saison ist bislang nichts anderes als eine Sensation. Der fliegende Hunger-Ast führt die TBB mit 13 Punkten pro Spiel an (Platz 22 in der BBL) und sorgt nach dem Weggang von Maik Zirbes für die nötige Explosivität am Korb. Die Entdeckung der Saison aber ist Jermaine Bucknor; der notdürftig nachverpflichtete Dojcin-Ersatz trifft fast nur richtige Entscheidungen und punktet, wenn es darauf ankommt, so auch in der Schlussphase gegen Oldenburg. Bastian Doreth entfaltet sich nach zurückhaltendem Beginn sichtlich, während Barry Stewart zeigt, dass er zu einem kompletten Spieler geworden ist.
  • Stabile zweite Fünf: Die Bank ist eine Bank – Dank Doreth, Chikoko und Co. entsteht nur ein vergleichsweise geringer Bruch im Trierer Spiel, auch wenn der zweiten Garde gegen Oldenburg „nur“ 15 Punkte gelangen.
  • Leidenschaft: Henrik Rödl redete nach dem Sieg gegen Oldenburg von „Herzblut“, Gäste-Coach Sebastian Machowski attestierte eine „kämpferische Spielweise“. Beides bezeichnet den Faktor, den die TBB aufbieten muss, um den kommenden Gegnern Paroli zu bieten.
Gekommen, um zu bleiben? Nach zehn Spielen befindet sich die TBB in ungewohnter Umgebung
Gekommen, um zu bleiben? Nach zehn Spielen befindet sich die TBB in ungewohnter Umgebung

Winken nun Lektionen in Demut, oder kann die TBB den Anschluss ans obere Tabellendrittel halten? Dafür muss die Mannschaft so auftreten wie gegen Oldenburg und den Spielen davor. Nur dann besteht gegen die Schwergewichte aus Bamberg, Ulm und Quakenbrück eine Chance, nur dann ist sie auf der „nächsten Stufe“. Derweil wird auch der kommende Besuch in Ludwigsburg kein Selbstläufer: Nach dem 100:74-Untergang gegen Bonn werden die Gastgeber auf Wiedergutmachung sinnen. Zudem bleiben neben aller Euphorie beharrliche Schwächen im Trierer Spiel: So rannte man sich gegen Oldenburg in der Zonenverteidigung fest, die  Turnover-Rate ist ein Sorgenkind. Doch das sei dem Überraschungsteam der Liga gestattet. Ob es mit der ersten Pokalteilnahme in acht Jahren etwas wird, ist Spekulation – der Hoffnungsfunke aber ist entzündet…

+++ TBB-Livestream nun auch auf 5vier abrufbar +++

Mit leidenschaftlicher Live-Berichterstattung, Interviews und Hintergrund-Informationen hält das Team von basketball-stream.de die Fans der TBB Trier bei Auswärtsspielen immer auf dem Laufenden. Der Livestream um Moderator Chris Schmidt ist nun auch auf 5vier.de in der rechten Seitenleiste abzurufen. Am Samstag tritt die TBB in der Basketball-Bundesliga in Ludwigsburg an (19.30 Uhr).

+++ Liga in Kürze +++

FC Bayern sieglos unter Pesic: Nach der öffentlichkeitswirksamen Verpflichtung von Erfolgstrainer Svetislav Pesic verlor der FC Bayern gegen ALBA Berlin mit 82:70. An der Seitenlinie standen sich Mentor Pesic und „Lehrling“ Sasa Obradovic erstmals als Trainer gegenüber. Für den FC Bayern gerät das Titelrennen zunehmend außer Reichweite – nach sechs Niederlagen in elf Pflichtspielen rangieren die ambitionierten Münchener nur noch auf Platz 12. Triple-Champion Bamberg führt die Tabelle nach dem 85:83-Zittersieg gegen Ulm mit 18:2-Punkten an.

Harte Eurowoche für deutsche Teams: Ulm, Artland und Würzburg treten im Eurocup an; für die letzten beiden geht es bereits um alles. Berlin empfängt Malaga in der Euroleague, steht aber schon sicher in der nächsten Runde. Für Oldenburg und Bonn geht es in der EuroChallenge jeweils auswärts um den Gruppensieg.

Rödl zum DBB?  Die Gerüchteküche um den Pesic-Nachfolger beim DBB brodelt weiter. Aus Trierer Sicht gleichsam schmeichelhaft und unangenehm: Neben Ex-Bundestrainer Dirk Bauermann wird auch Henrik Rödl wiederholt mit dem Amt in Verbindung gebracht. Rödl spielte während seiner aktiven Spielerlaufbahn selbst unter Pesic und verfügt über beste Kontakte zu seinem Mentor, steht aber in laufenden Vertragsverhandlungen mit der TBB. Eine kurzfristige Rückkehr von Pesic zur EM im Sommer schließt der DBB kategorisch aus. Rödl selber sagte am Freitag gegenüber 5vier: „Meine Konzentration liegt beim Verein.“

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Kommentare (1)

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  1. Matz sagt:

    Schöner Artikel, gut analysiert!

    Es bleibt zu hoffen, dass Henrik Rödl noch einige Zeit in Trier bleibt und seine hervorragende Arbeit hier fortsetzt.
    Schön wäre zudem wenn das Fernsehen (Sport1) endlich mal wieder ein Spiel der TBB übertragen würde…

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