The Grand Tour – alter Wein in brandneuen Schläuchen

Warum Fernsehsender aussterben werden...

Der Medienhype um „The Grand Tour“ war in den letzten Wochen kaum zu überhören, dabei ist es ein überdeutliches Symbol für die immer weiter fortschreitende Zepter-Übergabe von klassischen TV-Formaten an nonstop erreichbare Streaming-Portale.

Trier / London. Die British Broadcasting Corporation, kurz BBC, ist eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt des Vereinigten Königreichs, vergleichbar mit den öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland. In Zeiten von Netflix & Co kämpfen diese nicht nur mit den Werbe-gefütterten Privatkanälen und PayTV-Sendern, sondern eben auch mit den aufstrebenden Streaming-Plattformen ums Überleben. Jedes zugkräftige Format zählt. Am 10. März 2015 teilte die BBC die Suspendierung ihres Moderators Jeremy Clarkson mit. Er hatte sich zuvor mit einem Produzenten gestritten und ist wohl handgreiflich geworden.

The Grand Tour

Enfant terrible oder Kult-Moderator: Jeremy Clarkson
(Foto: 2016 Amazon.com Inc)

Jeremy Clarkson war zu dem Zeitpunkt nicht irgendwer. Er war zusammen mit Richard Hammond und James May Moderator von TopGear, einem ungewöhnlich erfolgreichen Automagazin der BBC. Mit 350 Millionen Zuschauer weltweit war es die mit Abstand erfolgreichste Sendung des Senders. Nach dem Rausschmiss von Clarkson wollten auch Hammond und May nicht mehr für TopGear vor der Kamera stehen und das Format schien tot. Die BBC produzierte eine neue Staffel mit Chris Evans als Moderator, der nach nur einem Jahr wegen sinkender Zuschauerzahlen und andauernder Kritik wieder ausstieg. Angeblich soll TopGear im kommenden Jahr unter einem komplett neuen Konzept starten.

Während die BBC ihr Zugpferd unfreiwillig zu Grabe getragen hat, haben Clarkson, Hammond und May die Zeichen der Zeit gelesen und sich von Amazon Prime Instant Video für ein neues Projekt einspannen lassen. „The Grand Tour“ ist im Großen und Ganzen ein Remake des klassischen „TopGear“-Konzepts. Der veränderte Name der Sendung spielt dabei keine besondere Rolle, da das beliebte Moderatoren-Trio wieder mit von der Partie ist. Amazon hat den Aufschrei des „TopGear“-Publikums nach der Suspendierung Clarksons nicht nur registriert, sondern umgehend alle Räder in Bewegung gesetzt, um das Million-schwere Konzept zum eigenen Streaming-Portal zu holen und das kann man durchaus wörtlich nehmen. Sage und schreibe 250 Millionen Euro hat man dem Produktionsunternehmen W. Chump & Sons für drei Staffeln „The Grand Tour“ bezahlt.

The Grand Tour

Auto-Magazin im Blockbuster-Look: The Grand Tour
(Foto: 2016 Amazon.com Inc.)

Und schon die ersten Minuten der ersten Episode, die am 18. November online ging und bei Amazon alle Rekorde brach, machen deutlich, wer den Kampf um die Entertainment-Vorherrschaft gewinnen wird. „The Grand Tour“ ist kein hastig heruntergekurbeltes Remake der BBC-Sendung, sondern ein Detail-verliebtes Upgrade mit gewaltigem Budget-Polster. Jeder Einstellung sieht man hier den imaginären Mittelfinger in Richtung der öffentlich-rechtlichen BBC an, die „TopGear“ jahrelang verhältnismäßig günstig produziert hat. Von rund 800.000 Euro pro Folge ist die Rede. Amazon lässt sich eine Folge „The Grand Tour“ hingegen rund 7 Millionen Euro kosten und das sieht man. „The Grand Tour“ inszeniert seine Geschichten wie einen Hollywood-Blockbuster, in der britischen Presse spricht man von „Top Gear on steroids“.

Dies sagt nicht zwangsläufig über den Inhalt der neuen, alten Serie aus, zeigt aber deutlich wie sehr der Megakonzern Amazon an das britische Zugpferd glaubt. Dies ist eine Gemeinsamkeit, die Amazon mit dem anderen großen Streaming-Riesen Netflix gemein hat, der schon mal rund 100 Millionen Euro in eine neue Serie investiert über deren Erfolg man nur spekulieren kann („House of Cards“, „Sense8“). Diese Herangehensweise ist nicht neu. Der amerikanische Pay-TV-Sender HBO geht seit vielen Jahren einen ähnlichen Weg und investiert auch in Produkte, die nicht von Anfang an erfolgsversprechend sind. Dieser Mut zahlte sich in den vergangenen Jahren gleich mehrfach aus. Angefangen mit den „Sopranos“, folgten mit „Sex and the City“, „Six Feet Under“, „True Blood“ und zuletzt vor allem „Game of Thrones“ ein Serienhit nach dem anderen. Bei HBO hat man schon vor Jahren verstanden, dass kurzfristiger Erfolg nicht alles ist und Trash-Formate nicht der Schlüssel zu lang anhaltendem Erfolg sein müssen. Die (im Vergleich dazu) Entertainment-Neulinge Amazon und Netflix gehen nun ähnliche Wege und pumpen beträchtliche Budgets in komplette Neuentwicklungen oder investieren in Konzepte, die unverständlicherweise von den klassischen Sendeanstalten nicht weitergeführt werden.

Um das Millionen-schwere „TopGear“ wurde seitens der BBC scheinbar nicht mal gekämpft, so als ob die ARD kampflos ihr Krimi-Flagschiff „Tatort“ abgeben würde. Betrachtet man die Aufstellung der Streaming-Anbieter, die nun eben vermehrt Neuauflagen alter klassischer TV-Produkte umfasst und neue, innovative Inhalte, von Spielfilmen über (TV-)Serien bis hin zu Dokumentationen, die rund um die Uhr für alle Kunden von überall abrufbar sind, stellt sich die Frage, welchen Vorteil das klassische Fernsehen noch hat. Ähnlich wie die mittlerweile beinahe pulverisierte Musikindustrie scheinen einige Sendeanstalten auf hohem Ross in den Untergang zu reiten, während Netflix & Co die Zielgruppen Stück für Stück mit finanzieller Rückendeckung eines immer größer werdenden Kundenstamms und viel Herzblut übernehmen. Denn die Übernahme einer Marke wie „TopGear“ mit dem lieb-gewonnenen Moderatoren-Trio honorieren die Kunden und die ebenfalls millionenschwere Marketing-Kampagne wird durch Mundpropaganda und Social-Network-Hype zusätzlich gratis befeuert. Dementsprechend ist die Zahl der Neuanmeldungen zum Amazon Streaming-Service am Tag der „The Grand Tour“-Premiere in die Höhe geschnellt und hat sämtliche Erwartungen übertroffen. Ob die Serie die hohe Qualität der ersten Episode hält, scheint da aus wirtschaftlicher Sicht fast irrelevant. Man hat der TV-Konkurrenz schon mit nur einer Folge gezeigt, wo der Entertainment-Hammer hängt und wie man eine Marke effektiv inszeniert. Wenn der gefeuerte Jeremy Clarkson im Intro das verregnete London verlässt und im Sonnen-verwöhnten Kalifornien ankommt, wo er mit einem Ford Mustang stilecht in auf Hochglanz polierten Bildern in die Freiheit reitet, sind alle Zeichen von Anfang an auf Sieg gesetzt. Eine klassische TV-Sendung ist im Blockbuster-Format angekommen und besiegelt damit den Abstieg des klassischen Fernsehens ein Stückchen mehr…

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