Theater Trier: „Marc Chagall – La Vie“ – Vom Leben eines Künstlers

Pablo Picasso zählte ihn zu den bedeutendsten Malern, seine Bilder sind weltweit bekannt und faszinieren die Betrachter bis heute. Der gebürtige Russe jüdischer Herkunft, der später als Kosmopolit in Frankreich und den USA lebte, revolutionierte die Kunstwelt mit seinen Werken: Marc Chagall. Im Theater Trier kann man nun das Tanztheaterstück sehen, welches die Geschichte seines Lebens erzählt.

Chagall (Rene Klötzer) und Bella (Natalia Grützmacher)

Marc Chagall wurde im Jahre 1887 in Peskowatik bei Witebsk geboren. Seine Eltern waren nicht gerade wohlhabende Leute und er das Älteste von vielen Kindern. Zudem war er jüdischen Glaubens, was im damaligen Russland viele Türen bereits im Vorfeld verschloss. Trotzdem erreichte seine Mutter, dass er eine städtische Schule besuchen durfte, in der er russisch statt Jiddisch sprechen lernte, regelmäßigen Gesangs- und Geigenunterricht genießen durfte sowie das Zeichnen für sich entdeckte.

Als er die Schule beendet hatte, verbrachte er die folgenden Jahre mit dem Studium der Kunst, besuchte unterschiedliche Schulen verschiedener Maler. Während dieser Zeit lernte er nicht nur die Malerei kennen, sondern auch seine spätere Frau Bella Rosenfeld.

Ein Leben voller Reisen und Geschichte

1910 reiste er nach Paris, wo er nicht nur neue Anregungen für seine Kunst fand, sondern auch viel Zuspruch. Es folgten viele Reisen: von Paris zurück nach Russland, dann nach Deutschland, von dort in die USA. Chagall durchlebte viel Geschichte: Den Ersten und Zweiten Weltkrieg, die Russische Revolution und den Nationalsozialismus, durch den seine Kunst ins Negative, ins „Entartete“ umbewertet wurde.

Doch nichts davon konnte seinen Glauben an die Wirkung der Kunst brechen, unzählige Werke zeugen von seiner Ideenvielfalt und seinem Schaffensdrang. Nur wenige Momente in seinem Leben ließen ihn den Pinsel zur Seite legen: So riss der Tod seiner Frau Bella ihn für mehrere Monate in eine tiefe Depression, die es ihm unmöglich machte zu arbeiten. Später heiratete Chagall erneut, auch das Malen begann er wieder, im Alter von 97 Jahren starb er schließlich in Frankreich.

Chagalls Leben auf der Bühne des Trierer Theaters

Dieses schillernde und zugleich auch historisch reich gefüllte Leben wurde nun in einer Inszenierung von Choreograf Sven Grützmacher auf der Bühne des Theaters Trier getanzt. Dabei zeigt Grützmachers Werk nur einen Ausschnitt des langen und vielseitigen Lebens Chagalls. Von der Kindheit im elterlichen Haus, der innigen Beziehung zu seiner Mutter, über die Schulzeit und die Ehe mit seiner ersten Frau Bella, bis hin zu deren tragischem Tod; so wird der Zuschauer in Chagalls Leben eingeführt.

Bellas Tod (Juliane Hlawati, Rene Klötzer und Natalia Grützmacher)

Dabei achtet Grützmacher stets auf die erzählerische Ebene des Tanzes; während in anderen biografischen Inszenierungen das Erzählerische über die Ästhetik der Bewegungen schon einmal verloren gehen kann, behält der Zuschauer bei Grützmacher stets den Überblick über den Fortlauf der Geschichte.

So beginnt auch die Bühnenfassung von Chagalls Leben mit der Geburt, anschließend folgen die ersten Jahre der Kindheit, als Höhepunkt daraus die Bar Mitzwa. Auch die Schule muss als wichtiger Teil der Jugend dargestellt werden, war sie für Chagall doch der Ort, an dem er die Leidenschaft fürs Zeichnen entdeckte.

Bella, die Liebe seines Lebens

Doch das Zentrum der Inszenierung Grützmachers stellt die Begegnung und das gemeinsame Leben Chagalls mit Bellas dar. Grützmacher legt hier besonders viel Augenmerk auf die tiefe Zuneigung und Zusammengehörigkeit, die die beiden zueinander empfinden. Auf den Halt, den sie sich geben, auch in schweren Zeiten, wie beim Tod von Chagalls Mutter, den er nur schwer verkraften kann. Die Inszenierung findet ihren traurigen Abschluss mit dem Tod Bellas, der Chagall restlos in Trauer stürzt. Obwohl es zum Abschluss Geld für ihn vom Bühnenhimmel regnet und alle Welt von seinen Bildern weiß, kann er doch nur in einer tiefen Depression verharren. Der Vorhang fällt, ohne dass der weitere Lebensweg von Chagall berührt wird.

Obwohl Grützmacher sich in der Inszenierung auf Kindheit und Jugend sowie die erste Ehe von Chagall konzentriert, bekommt der Zuschauer doch das Gefühl einige der Höhepunkte in des Künstlers Leben gesehen zu haben. Leider geht er, bis auf wenige Szenen, kaum auf das eigentliche künstlerische Schaffen Chagalls ein. Klar erkennbar ist hier der Moment, indem Chagall seine Faszination für die Malerei in der Langeweile und Gleichförmigkeit der Schule entdeckt. Hier erkennt man Chagall als Künstler, während man ihn sonst vorwiegend als Sohn, Schüler, Liebhaber und Ehemann sieht.

„Marc Chagall – La Vie“

Doch das Stück heißt nicht umsonst „Marc Chagall – La Vie“. Chagalls Leben wurde nicht nur von seinen privaten Beziehungen gezeichnet, sondern auch von den dramatisch geschichtlichen und politischen Umwälzungen seiner Zeit: Zwei Weltkriege, eine Revolution sowie den Nationalsozialismus, der ihn besonders beschäftigte, erlebte er mit. Zu nationalsozialistischen Reden und Parolen regnen bunte Fetzen seiner Bilder auf die Bühne hinab, die seine Frau Bella liebevoll aufsammelt. Diese schmerzliche Berührung mit der Geschichte wird dann allerdings wiederum unterbrochen von persönlichen Schicksalsschlägen Chagalls, sodass der Fokus auf seinem Privatleben bleibt. Grützmacher gelingt hier wieder eine dicht erzählte und trotzdem oder gerade deshalb wunderbar ästhetische Inszenierung, die einem den Menschen Marc Chagall näher bringen kann.

Der Tod der Mutter (Noala de Aquino, Rene Klötzer, Erin Kavanagh)

Ein großes Lob geht an das Tänzerensemble, allen voran Rene Klötzer, der Chagall tanzt und Natalia Grützmacher, die die Bella gibt. Besonders Klötzer zeigt hier eine hervorragende Leistung, ist er doch in allen angesprochenen Lebensphasen stets glaubhaft und sicher. Nichtsdestotrotz ist auch die Leistung all seiner Tänzerkollegen nicht in den Hintergrund zu stellen. Von der alten Nachbarin, über die Mutter, bis hin zur schwarzen Braut, ist nicht nur die Inszenierung stimmig, sondern auch die fein aufeinander abgestimmten Bewegungen der Tänzer. Hier hat man ein eingespieltes Team vor sich.

Ein gelungene Kombination aus Musik und Tanz

Musikalisch bewegt sich die Inszenierung zwischen Live-Musik, dargeboten von Helmut Eisel und dem Klezmer-Ensemble sowie eingespielten Stücken, die zeitgenössische Stimmungen und die räumlich-historische Einordnung erleichtern. Alles in allem spielen Musik und Tanz einander zu und lassen den Zuschauer gar nicht bemerken, ob oder wann ein Bruch entstanden sein könnte.

Die Kostüme von Gera Graf sind ein besonderer Augenschmaus: mal phantasievoll, mal träumerisch, dann wieder sinnbildlich, lassen sie vieles erkennen, was sonst im Verborgenen geblieben wäre. Das Bühnenbild von Slava Prischedko ist an sich eher schlicht gehalten – wären da nicht die herabsenkbaren, übergroßen Leinwände, die das Thema einer Szene ankündigen.

Fazit: Eine stimmig und wunderschöne Inszenierung, die zwar nur einen Teil von Chagalls Leben wiederspiegelt, dafür aber gerade ein besonderes Augenmerk auf eben diese Höhen und Tiefen wirft, sodass sich der Zuschauer am Ende diesem großen Künstler ein Stückchen näher fühlen kann.

Fotos: Theater Trier

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