Buntes: Traditionshandwerk in Trier – Geigenbau Kling

Das Bauen von Streichinstrumenten ist kein Beruf, sondern eine Berufung. 5vier hat den traditionsreichen Trierer Geigenbaubetrieb der Familie Kling besucht und erfahren, wie viele Talente dieses Handwerk vereint.

Eigentlich ist der Begriff „Handwerk“, seinem reinen Wortsinn nach, der Tätigkeit des Geigenbauens keineswegs würdig. Neben der hoch anspruchsvollen Handarbeit ist auch ein hervorragendes musikalisches und akustisches Gespür, viel Vorstellungskraft sowie ein profundes Verständnis der zahlreichen Problemlagen, die der Bau und die Restauration  von Streichinstrumenten mit sich bringen, gefordert. Außer Hand- ist der Geigenbau also auch Hör- und vor allem „Kunst-werk“. Begibt man sich in das Atelier des einzigen Geigenbauers in Trier und der ganzen Region und hört, was einem die Klings erzählen, so könnte man auch noch Lebenswerk ergänzen.

Geigenbau: Meist eine Familienangelegenheit

Albert Kling bei der Arbeit: Mit kleinen Handhobeln werden Boden und Decke des Instruments aus dem Vollen herausgearbeitet, ein müsahmes Unterfangen, das viel Erfahrung und Augenmaß erfordert.

Die Frage, wie man zu einem solchen Beruf kommt, ist eine der ersten, die einem in den Sinn kommt und sie ist auch die erste, die sich eigentlich von selbst beantwortet. Die beiden jungen Männer, die an diesem Morgen im Laden und der Werkstatt anzutreffen sind, sind Albert und Hermann, die beiden Söhne des Inhabers Josef Kling. Albert, der ältere von beiden, hat seine Ausbildung in Italien absolviert und dort auch seine Meisterprüfung abgelegt. Er wird den Familienbetrieb in vierter Generation weiterführen. Hermann ist der Auszubildende des Betriebs, wie auch sein Bruder hat er von Kindesbeinen an eine klassische Musikausbildung genossen. „Wir bauen die Instrumente nicht nur, wir spielen sie auch. Natürlich kann man auch ein guter Geigenbauer werden, ohne ein super talentierter Instrumentalist zu sein, aber es bringt definitiv Vorteile“, so Albert. Während er vor allem die Geige und Bratsche beherrscht, ist Hermanns Bereich das Cello. Albert, dessen Talent ihn zu zahlreichen Solo-Engagements führte, plante eigentlich, Musik zu studieren, wie es auch der Vater tat, entschied sich dann aber doch bewusst für den Geigenbau.

Der Hauptarbeitsbereich des jungen Meisters ist der Neubau von Geigen, sein Vater Josef konzentriert sich vor allem auf die Restauration, auch von Bratschen, Celli und Bässen. Vor allem beim Neubau kommt das anfangs erwähnte Vorstellungsvermögen zum Tragen: „Man kann nicht einfach anfangen, eine Geige zu bauen. Das fertige Produkt muss vorher im Kopf existieren, und zwar nicht nur optisch, sondern auch hinsichtlich der gewünschten Klangeigenschaften.“ So wundert es kaum, dass Neubauten auch ausschließlich für geübte Geiger angefertigt werden, nicht etwa auch für Anfänger, immerhin beginnt die Preisliste zwischen 6000 und 7000 Euro. Auch die laienhafte Frage, ob die verschiedenen Brauntöne, die das äußere Erscheinungsbild der Instrumente prägen, von unterschiedlichen Hölzern herrühren, beantwortet Albert geduldig: „Grundsätzlich werden für den Grundkörper der Geige oder Bratsche nur zwei Holzarten verwendet, nämlich Fichtenholz für die Decke, also die Front, und Ahorn für die Seitenwände und den Boden. Die Farbe wird lediglich über den Lack bestimmt, den wir natürlich auch selbst herstellen, was wiederum Einfluss auf den Klang hat. Da hat jeder Geigenbauer seine eigenen Mischungen.“

Wie Kunstwerke werden die Instrumente „komponiert“

Das spannendste Projekt, an dem er je gearbeitet habe, sei neben seiner Meistergeige die Arbeit an einer originalen Guarneri del Gesù im Wert von etwa fünf Millionen Euro gewesen. Die Instrumente dieser Geigenbauerdynastie sind noch rarer und gelten deshalb als noch exklusiver als die berühmten Stradivaris, auch nach Alberts Meinung sind die Guarneri del Gesù der Perfektion noch ein Stück näher. „Die derzeit teuerste angebotene Geige ist ebenfalls eine Guarneri del Gesù, der aufgerufene Preis liegt momentan bei etwa 18 Millionen Euro. Diese Summen sind meiner Meinung nach auch gerechtfertigt, denn diese Instrumente sind einmalige Kunstwerke, vielleicht versteht man das besser, wenn man den Vergleich zu den Werken berühmter Maler zieht, für die ja noch höhere Summen bezahlt werden. Es einmal zu schaffen, ein Instrument von solcher Perfektion zu kreieren, das ist das Ziel jedes Geigenbauers“, erklärt Albert.

Für das, nach eigener Aussage des Geigenbauers, in der Werkstatt herrschende Chaos entschuldigt er sich mehrmals, man habe momentan viel Arbeit. Der Beruf des Geigenbauers, also eine krisensichere Branche? Voll und ganz bestätigen will das Albert nicht. Zwar habe man einen festen Kundenstock von Sammlern und professionellen Musikern, die asiatische Konkurrenz mit ihren billigen Massenprodukten könne man aber trotzdem nicht einfach ignorieren. Anstatt ein vom Geigenbauer gehandeltes und somit natürlich teureres Instrument zu kaufen, entschieden sich viele Anfänger für ein solches Produkt, das in Qualität und Klang natürlich nicht annähernd mit einem von Hand hergestellten Instrument mithalten kann. Aber auch im Neubau spiele diese Konkurrenz eine Rolle, sei es doch wichtig, sich vor allem was den Aspekt des Designs angeht zu unterscheiden und eine eigene Identität zu wahren. „Was noch hinzukommt ist, dass immer weniger Kinder oder junge Leute sich dazu entscheiden, ein Streichinstrument zu erlernen. Es sind nun mal die mit am schwierigsten zu erlernenden Instrumente und das unablässige Üben erfordert viel Disziplin, das halten viele nicht durch“, resümiert Albert.

Nach diesem Besuch bei den Klings ist klar: Geigenbauen ist nicht bloß ein Beruf, sondern immer eine Berufung.  Nicht nur, dass Flexibilität gefordert ist, wenn zum Beispiel der Notfall eintritt, dass ein Instrument kurz vor einem Auftritt repariert werden muss, auch ist es so, dass das Grübeln über Probleme und Projekte nicht mit dem Feierabend endet. Es verbindet Leidenschaft, Hobby, Faszination und Hingabe mit dem fast schon nebensächlich erscheinenden Broterwerb zu einem „Fulltimejob“.

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