Und wenn wir es Liebe nennen? – Premiere „Der letzte Vorhang“ im Theater Trier

Premiere im STUDIO des Theater Trier

Von Stefanie Braun

Am Donnerstag, 20. Februar, hatte das Stück der niederländischen Autorin Maria Goos Premiere im Studio des Theaters Trier. Ihr Stück „Der letzte Vorhang“ dreht sich um die gemeinsame Arbeit und Liebe des Schauspielerpaares Lies und Richard, gespielt von Sabine Brandauer und Peter Singer.

Richard und Lies alias Peter Singer und Sabine Brandauer
Richard und Lies alias Peter Singer und Sabine Brandauer

Zwanzig Jahre teilten sie Bett, Bad und Beruf miteinander: Lies und Richard. Beides talentierte Schauspieler, Drama auf der Bühne, wie im Leben. Sie saufen zusammen, sind fies zu Kollegen, die weniger begnadet sind, streiten und lieben sich auf der Bühne und im wahren Leben. Bis Lies dem Theater unvermittelt den Rücken kehrt, einen Gynäkologen heiratet und mit ihm nach Frankreich auswandert. Richard bleibt allein zurück. Zehn Jahre später kämpft er mit drei großen Problemen: Seinen Allüren, seinem Alkoholkonsum, der längst jedes Maß verloren hat und seiner drohenden Arbeitslosigkeit. Denn seine beiden ersten Probleme vergraulen ihm sämtliche Bühnenpartnerinnen. Da kann nur eine helfen: Der Regisseur des Stückes, welches in ein paar Wochen Premiere haben soll, zumindest sofern eine verlässliche Bühnenpartnerin gefunden wird, bekniet Lies zurück zu kommen und ihm und Richard aus der Misere zu helfen. Lies kommt und bringt ihren Gynäkologen-Ehemann mit. Doch das die beiden ehemaligen Kollegen nicht nur das Stück probieren, sondern auch gleich ihre Vergangenheit und ihre alte Liebe, ist schnell klar.

Sie zanken...
Sie zanken…

Maria Goos‘ Stück findet Anlehnung an zwei real existierende Personen. Ebenfalls Schauspieler, ebenfalls ein Liebespaar, selbst die Namen sind gleich: Lies und Richard oder auch Liz und Richard. Liz Taylor und Richard Burton sind das reale Schauspielerpaar, welches hier Modell stand. Zwei, die sich liebten, vielleicht zu sehr liebten. Genauso wie Lies und Richard und auch das Paar, welches sie in dem gemeinsamen Stück auf der Bühne verkörpern: David und Kate. Ein Säuferpaar, zusammen am Leben und an ihrer Beziehung gescheitert, das in allabendliche Diskussionen verfällt, Streit- und Vorwurfsplatten auflegt um dann in den frühen Morgenstunden nach dem Grund zu suchen, warum man zusammen bleibt und geblieben ist. Man einigt sich schließlich auf eine Antwort: „Und wenn wir es Liebe nennen?“

Drama auf der Bühne…

Bevor Lies und Richard an ihrer Beziehung zerbrachen, türmte sie in ein Leben der milden, schonenden Eintönigkeit. Neben ihrem langweiligen, milden, schonenden Mann, ein Leben in sicherer Routine, umringt von wertvollen, heißgeliebten Kunstwerken. Richard verbleibt auf seinem Weg, befreundete Wirte haben ihm mittlerweile ein Klappbett in der Wirtshausküche aufgeschlagen, damit er es abends nicht mehr so weit hat vom Tresen ins Bett. Als Lies zurückkehrt, kehrt auch die alte Liebe zurück, doch mit ihr auch die alten Probleme.

...und lieben sich...
…und lieben sich…

Nicht nur Richard und Lies sind eine explosive Mischung, sondern auch Peter Singer und Sabine Brandauer. Der Charakterdarsteller mit dem Feuer und die feurige Darstellerin mit Charakter. Gemeinsam auf der Bühne ergibt das mal einen schnellen, kompromisslosen Schlagabtausch, dann wieder ein verletzliches Versteckspiel der eigenen Gefühle. Zwei, die sich in die Augen sehen, auf gleicher Höhe begegnen, rein beruflich und somit perfekt ein Paar wiedergeben können, welches sich ebenso begegnet. Sabine Brandauers Lies ist eine gereifte, immer noch sinnliche Frau, die ihre Ehe mehr als einen Erholungsurlaub von ihrem eigentlichen Leben betrachtet, dieses liegt schon Jahre zurück und war eng verwebt mit den Aufs und Abs ihrer Beziehung zu Kollege Richard. Stark und bissig, dann wieder gerührt und verletztlich. Schämt sich mal für ihren unsicheren, hinter einer Maske aus Kunstverständnis und Arroganz versteckenden Ehemann, dann wieder für ihren bohrenden Exfreund, der beim gemeinsamen Abendessen zu dritt mit Nachfragen und Nachschenken solange nicht locker lässt, bis ihr Ehemann erbrechend unterm Tisch liegt. Am Schluss wünscht sie sich einen Schürhaken, um beide damit zu erschlagen.

…wie im Leben.

Peter Singer tut als Richard, was er am besten kann: er schlüpft munter von einer Rolle in die nächste. Spielt Richard, der Lies‘ Ehemann spielt, der beim Essen den arroganten Schnösel gibt. Spielt Richard, der David spielt. Spielt den alten Richard, der den jungen Richard spielt. Mal griesgrämig, mal rührselig, mal gemein und entlarvend, dann wieder melancholisch und verliebt und zeichnet dabei einen Richard, wie aus einem Guss. Einen Schauspieler, der „immer noch traurig ist, wenn er nicht auf der Bühne steht“, einen Mann, der nicht aus seiner Haut kann, der seinen Beruf als Auftrag versteht, die Menschen zu bewegen. Fast nebenher zeichnen Singer und Brandauer dabei auch ein Bild von der Schauspielkunst an sich, zwischen Kunstauftrag und Entertainment. Lies sieht sich mehr auf der Seite des Entertainments, doch Richard erkennt ihr Talent und macht ihr den Auftrag bewusst, den sie damit bekommen hat. Für Richard ist selbiger Ehrensache, für Lies eine Herzensentscheidung, allerdings nicht für den Beruf, sondern für den Bühnenpartner.

... und schauspielern.
… und schauspielern.

Rolf Heiermanns Inszenierung springt im Bühnenbild von Sabine Mann von einer Ebene zur nächsten. Entführt in die Hotellobby, dann wieder auf den Rücksitz von Richards altem Auto, zurück zu den Bühnenproben, dann zur Premiere. Und das alles auf einem alten Sofa, einer Theatergarderobe und einer Hausbar. Die Übergänge von der einen Ebene zur nächsten sind weich und fließend. Wenn Kate und David nach der Probe die Brillen abnehmen und wieder Lies und Richard sind, heißt es für beide erstmal durchatmen, aus der Rolle schlüpfen. Schön, dass es dem Zuschauer da nicht anders geht. Heiermann setzt den Fokus nicht nur auf die traurige Liebesgeschichte der beiden, sondern besonders auf die Situation ein Schauspieler zu sein. Durch diesen Handgriff rückt man etwas weg von den eigentlichen Figuren, sodass am Ende keine Träne darüber fließen kann, dass sich die beiden nicht kriegen. Der Zuschauer bekommt, auf eine gute Weise, schnell den Eindruck, dass alles nur gespielt ist. Wie die beiden proben, wie sie sich über ehemalige Kollegen lustig machen und dabei in deren Rolle schlüpfen, wie sie einen Abend mit Ehemann resümieren. Yvonne Wallitzers Kostüme markieren diese Sprünge in der Handlung, ein gelber Pollunder über die Schultern für den Ehemann, ein altbackener Strickpulli für die vergraulte Bühnenpartnerin. Die Schauspielerei wird zu einem nicht weg zu denkenden Teil von Lies‘ und Richards Beziehung, sodass es nicht verwundert, dass Richard nach der Premiere griesgrämig in seiner eigenen Welt verschwindet, statt zur Premierenfeier zu gehen. Was für Lies ein Grund zum Feiern ist, nämlich nach einer gelungenen Premiere von der Bühne zu gehen, ist für Richard ein Grund verschlossen und grantig in seiner Lieblingskneipe zu verschwinden.

Fazit: Dieses Stück rührt nicht unbedingt das Herz, dafür sind der Schauspieler und der Mensch dahinter zu eng verwebt. Dafür ermöglicht es, gerade dieses Gewebe nach zu empfinden. Was es für einen Schauspieler bedeutet auf der Bühne zu stehen und was eben nicht auf ihr zu stehen. Und was dieses Leben für einen Partner bedeutet. Der letzte Vorhang im Studio lohnt sich genau deswegen: wegen seiner Schauspieler.

Fotos: Marco Piecuch

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