„Detektiv“ im Dienste des Bistums

Alles andere als gewöhnlich

Trier. Ein Zahnarzt-Polierwerkzeug und kleine Pinzetten in einer Schale auf dem Tisch, kleine Fläschchen mit bunten Farbpigmenten im Schrank, zwei Staffeleien mit alten Ölgemälden: Stefan Schus Arbeitsplatz ist alles andere als gewöhnlich.

Wer auf den ersten Blick vermutet, hier arbeite ein Maler, liegt allerdings falsch. In dem hohen hellen Raum mit den riesigen Glasfenstern offenbart sich auf den zweiten Blick eine kuriose Sammlung unterschiedlicher Gegenstände: Münzen, ein goldenes Kreuz mit Edelsteinen aus dem zwölften Jahrhundert, alte Mauerreste mit Inschriften aus römischer Zeit, ein Weihe-Schälchen für den Gottesdienst: Schus „Büro“ ist eigentlich eine Werkstatt im Souterrain des Museums am Dom. Hier haben jahrzehntelang die Restauratoren des Bistums Trier gearbeitet, der letzte von ihnen ist Schu.

„Ich mag die Atmosphäre hier und wollte auch nicht in ein Büro umziehen, als sich meine Aufgaben hier im Museum geändert haben“, sagt der 50-Jährige. Der gelernte Restaurator ist seit „gefühlt ,,ewigen Zeiten“ beim Bistum Trier beschäftigt: 1989 absolvierte er im Dom- und Diözesanmuseum des Bistums ein dreijähriges Praktikum – den Praxisteil seines Studiums am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz und am Landesmuseum Trier. Und schon in dieser Zeit arbeitete er an einem Mammut-Projekt des Museums mit: den Konstantinischen Deckenmalereien, die unter dem Trierer Dom gefunden worden waren und aus 30.000 Fragmenten zusammengesetzt werden mussten. Ab 1995 wurde Schu dann fest als Restaurator eingestellt und widmete sich in den ersten Berufsjahren archäologischen Funden, die das Bistum bei seinen Ausgrabungen barg – also „der Arbeit, die man sich unter Restaurieren vorstellt“, lächelt er. Grabungsfunde aus Sankt Maximin und Sankt Matthias oder die Deckenmalereien der frühchristlichen Basilika unter der heutigen Dominformation gehörten zu diesen Projekten.

Sein Beruf hat auch ein wenig etwas von Detektivarbeit, sagt er und hievt eine schwere Steinplatte aus einem der Metallregale: „Es hinterlassen nicht nur heute Menschen ihre Inschriften und Graffitis an allen möglichen Orten – auch im Mittelalter haben Besucher des Doms ihre Fürbitten oder auch Namen bevorzugt in Grabplatten geritzt.“ Eines von Schus Lieblingsprojekten war zugleich eine knifflige Fleißarbeit: Das Grabmal des Erzbischofs und Kurfürsten Johann von Baden (1456-1503), das früher im Westchor des Trierer Domes stand, dann aber in den Wirren nach dem Einmarsch französischer Revolutionstruppen 1794 zerstört wurde. „Im Zuge der Aufräumarbeiten um 1803 hat man die Trümmer einfach zur Vermauerung romanischer Nischen verwendet, bis 1902 der damalige Domkapitular und spätere Museumsdirektor Johannes Wiegand sie bei seinen Forschungen entdeckte. Die 400 erhaltenen Stücke wurden im Domkreuzgang aufgebaut – allerdings ziemlich frei interpretiert und später bei der Renovierung des Domkreuzgangs wieder zerlegt“, sagt Schu. Von 1995 bis 1997 bearbeitete er die Fragmente konservatorisch und rekonstruierte das Grabmonument.

In den letzten Jahren änderte sich sein Berufsfeld dann mit der Umstrukturierung des Museums am Dom zunehmend: Heute hat viele Aufgaben das Amt für kirchliche Denkmalpflege übernommen, mit dem er eng zusammenarbeitet, wodurch aber sein eigentliches Arbeitsfeld – die Archäologie – entfällt. Und seit dem Wegfall der zweiten Restauratorenstelle ist Schu der einzige im Museum, der die Sammlung konservatorisch und restauratorisch betreut. Den Unterschied zwischen diesen beiden Vorgängen macht Schu an einem Gemälde in der Werkstatt deutlich: Konservatorische Maßnahmen sollen die historische Substanz des Gemäldes erhalten, zum Beispiel indem man einen durchsichtigen Schutzfilm aufbringt. Restauratorisch würde bedeuten, dass man die Ästhetik des Gemäldes verbessert – also Fehlstellen kittet oder farblich retuschiert. Schu erfasst die Objekte, die bei ihm aus Kirchengemeinden, dem Dom oder anderen Quellen ankommen, bewirkt Schadensprävention, magaziniert sie. Seit 2014 zählt auch der Leihverkehr des Museums zu seinen Aufgaben: Schu begleitet die Objekte auf ihren Reisen durch ganz Europa, überwacht den Transport und dass sie sachgemäß ausgepackt und aufgestellt werden. „Ich finde das interessant, zu anderen Museen und Ausstellungshäusern zu reisen, einfach mal über den „Tellerrand“ zu schauen und mit Kollegen in Kontakt zu kommen.“ Seit der Domschatz 2017 zur Museumssammlung hinzukam, sei die Nachfrage nochmal gestiegen. „Und dann bin ich quasi auch noch Techniker“, schmunzelt Schu, denn die haustechnischen Anlagen etwa mit einer speziellen Klimatisierung überwacht er ebenfalls. Ein typischer Arbeitstag beinhaltet auch den Rundgang durch die Ausstellung und den Kontakt mit Besuchern, denen der stellvertretende Museumsleiter gerne ihre Fragen beantwortet.

„An meinem Beruf liebe ich besonders die Vielfältigkeit, Langeweile kommt da nicht auf.“ Wegen der Fülle der Aufgaben kann Schu aber größere Restaurierungen nicht mehr selbst durchführen, das gebe er meist an freiberuflich tätige Kollegen weiter. Sein derzeitiges Berufsfeld lasse sich kaum in einem Begriff fassen, sagt Schu. „Vielleicht könnte man am ehesten so etwas sagen wie „Kunsttechnologe“, oder eben auch einfach Restaurator, denn unser Berufsbild hat sich in den vergangenen Jahren einfach grundlegend gewandelt.“ Und so arbeitet Schu an einem Ort, an dem er am Computer Kunstwerke ersteigert und im nächsten Augenblick ein reich verziertes Kreuz der Kirchengemeinde Pfalzel aus dem zwölften Jahrhundert in Händen hält, ein Ort, wo sich Vergangenheit und Zukunft verbinden.

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