Zwischen Pop und Propaganda: Wie Lyrik unser Leben beeinflusst

Tagung der Universität Trier

Mit 150 Wissenschaftlern aus 23 Ländern und zehn Fächern untersucht die Kolleg-Forschergruppe „Lyrik in Transition“ das weltweit zunehmende Phänomen der Lyrik – 1. Tagung in Trier vom 28. Februar bis 3. März

Wochenlang wird über ein angeblich sexistisches Gedicht an der Fassade einer Berliner Hochschule diskutiert, auf Instagram schafft es ein selbst ernannter Lyriker auf eine Million Klicks, und kein Tag vergeht, an dem sich nicht irgendwo Menschen in Poetry Slams an Gereimtheiten zu überbieten versuchen. Vor allem dort, wo wenig Zeit und wenig Platz ist, da ist Lyrik. SMS, Chats, Twitter – Soziale Medien haben Lyrik noch einmal einen Aufwind verschafft. Lyrik lebt, sie boomt beinahe und sie beeinflusst Mensch und Gesellschaft, Sprache und Kultur, in gedruckter, in vorgetragener und in musikalischer Form. Nicht von ungefähr ging der vorletzte Literatur-Nobelpreis an Bob Dylan.

Ganz besonders verbreitet ist die russischsprachige Lyrik, verstärkt durch den Umbruch seit Ende des Kalten Krieges, durch die besondere politische und gesellschaftliche Entwicklung in Russland und durch Migration über den gesamten Erdball. Von spontanen Vorträgen in Linienbussen bis zu Reimen aus der Regierung, von Pop bis Propaganda – russischsprachige Lyrik tangiert fast alle Lebensbereiche. Durch zunehmende Mobilität und Vernetzung überwindet sie buchstäblich alle Grenzen, dringt ein in andere Kulturen, insbesondere in Europa, China, Japan oder Nordamerika. Umgekehrt nimmt sie Einflüsse von dort auf.

Die Zusammenhänge von Lyrik und Sprache, Kultur und Gesellschaft zu untersuchen und zusammenzubringen, und das weltweit – nicht mehr und nicht weniger ist das Ziel der von Trier aus gesteuerten internationalen Kolleg-Forschergruppe. Hier arbeiten nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Philologien zusammen, und zwar sowohl aus Sprach-, Kultur wie Literaturwissenschaft: Slavistik, Sinologie, Anglistik, Japanologie, Amerikanistik und Romanistik – allein das ist schon eine Besonderheit. Hinzu kommt die gemeinsame Forschung der Philologien mit der Philosophie und auch den Sozialwissenschaften.

Gestartet ist das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund 5 Millionen Euro geförderte Kolleg im Herbst 2017. Seither forscht das Trierer Team vor Ort mit Fellows, tauscht sich auf Tagungen weltweit mit anderen Kollegen aus und lädt die Öffentlichkeit auch zu Vorträgen und poetischen Darbietungen ein.

Vom 28. Februar bis 3. März kommen 40 Wissenschaftler zur ersten Tagung in Trier zusammen, um sich dem ersten der vier Forschungsgebiete Grenzen der Gattung zu nähern: Unter dem Titel „Lyrik und Erkenntnis“ bearbeiten Philologen und Philosophen in Vorträgen und Diskussionen Fragen wie: Welche Formen von „Erkenntnis“ sind in der Lyrik überhaupt möglich? Gibt es Subgenres der Lyrik, die im Hinblick auf Erkenntnisfunktionen besonders relevant sind? Welche Rolle spielt Erkenntnis überhaupt in der Gegenwartslyrik?

 

Lyrik gilt vielfach als hermetisch, gefühlszentriert oder allein der Ästhetik verpflichtet – und dennoch gab und gibt es literarische und soziale Praktiken, in denen Lyrik unter Umständen ein Mittel zur Vermittlung von Erkenntnis, Erfahrung oder Wissen ist. Die Tagung sucht nach Praktiken und Formen, die bis in die Gegenwart Erkenntnisfunktionen in der Lyrik herstellen, und geht grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis von Lyrik und Erkenntnis nach.

 

Zum Auftakt des Treffens am 28. Februar kommen die Gäste am ersten Abend zu einem Plenum zusammen, das mit einer besonderen Aufführung schließt: Angelika Schmitt, Postdoc im Trierer Team, wird jonglieren – eine Performance zu russischer Lyrik. Gäste sind willkommen.

Programm zur Tagung
https://lyrik-in-transition.uni-trier.de/events/event/konferenz-in-trier-lyrik-und-erkenntnis

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