Euro 2012: Nach dem Turnier ist vor dem Turnier – Was bleibt?

Die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine ist vorbei. Vorbei sind die Hoffnungen, dass es für Jogi Löw und seine goldene Generation nach der makellosen Qualifikation zum Titel reichen könnte. In der Bewertung des Turniers gibt es extrem unterschiedliche Meinungen. Eine davon hat 5vier.de-Redakteur Andreas Gniffke. Hier ist sein persönlicher Rückblick auf die Euro 2012!

Aus der Traum - Für Deutschland reichte es erneut nicht zum ersehnten Titel (Foto: Andreas Gniffke)

Ein Turnier zum Vergessen

Spanien ist Europameister 2012. Viel Geld war auf dem Markt für Sportwetten mit dieser Voraussage nicht zu machen, zu dominant präsentierte sich die rote Bestie in den vergangenen Turnieren. Doch diesmal war es anders. Zwar demontierte man in einem starken Finale Italien mit 4:0, dem höchsten Finalsieg der EM-Geschichte, doch die Mannschaft sah sich harscher Kritik und Pfiffen von den Rängen ausgesetzt. Ihr Tiki-Taka-Fußball, der auf Ballbesitz mit überraschenden Pässen in die Spitze basiert, wirkte längst nicht mehr so souverän wie zuvor. Meist ließ Meistertrainer Vicente del Bosque die Mannschaft ohne Stürmer agieren, mit einem Mittelfeld, das sich die Bälle nach Belieben zuschob und die Zuschauer, wenn es sich nicht um spaßresistente Taktikfreaks handelte, meist in Grund und Boden langweilte. Doch der Erfolg gibt ihnen am Ende Recht.

Man kann nicht wirklich behaupten, dass die Euro 2012 als die Renaissance des Offensivfußballs in die Annalen der Fußballgeschichte eingehen wird. Ausgerechnet die Catenaccio-Künstler aus Italien waren die einzige Mannschaft, die mit zwei Stürmern agierte. Alle anderen Teams (außer Spanien) spielten ein 4-2-3-1-System mit nur einer Spitze. Entsprechend wenig Spektakel gab es in den Strafräumen zu bestaunen. Die überwiegende Zahl der Tore fiel per Kopfball nach Flanke von außen. Gähn …

Es fällt schwer, die stärksten Spiele herauszugreifen. Keine Mannschaft überzeugte über das gesamte Turnier hinweg und auch sonst gab es wenig zu bestaunen. Das aufregendste Spiel der EM boten zweifellos Schweden und England in der Vorrunde. England stand mit dem Rücken zur Wand und lag 1:2 zurück, als sich die „Three Lions“ eindrucksvoll zurück ins Spiel kämpften. Theo Walcott erzielte aus der Distanz den Ausgleich und dann sorgte Danny Welbeck mit dem schönsten Tor des Turniers per Hacke doch noch für den 3:2-Erfolg der Engländer.

Ansonsten regierte Tristesse. Die Favoriten taten sich schwer, Spanien stand gegen Kroatien vor dem Aus, Holland enttäuschte mit drei Niederlagen auf der ganzen Linie und präsentierte sich als zerstrittener Haufen. Nur Deutschland spazierte mit drei Siegen durch die Vorrunde, sah sich im abschließenden Gruppenspiel gegen die Dänen nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich allerdings mit dem Aus konfrontiert. Zuvor hatte man viel Glück gegen Portugal und siegte zumindest souverän gegen die wie erwähnt miserablen Niederländer. Auch die Viertelfinals hielten zu keinem Zeitpunkt, was sie versprachen. Portugal setzte sich gegen schwache Tschechen durch, Spanien gegen überforderte Franzosen. Nach torlosem Spiel gewann Italien verdient gegen England im Elfmeterschießen und Deutschland siegte dank einer starken Offensive mit 4:2 gegen Griechenland. Im Halbfinale hatten die Portugiesen den Nachbarn Spanien am Rand einer Niederlage, der Favorit taumelte, fiel aber nicht und gewann mit ganz viel Dusel im Elfmeterschießen. Über das zweite Halbfinale wird später noch zu reden sein.

Die Fans und die Gastgeber

Viel war über die Gastgeber im Vorfeld geschrieben worden, doch sowohl Polen als auch die Ukraine bewiesen sich als würdige Gastgeber. Die befürchtete Gewaltorgie blieb trotz der Krawalle im Umfeld der brisanten Begegnung Polen gegen Russland aus und ansonsten verlief die EM in geordneten Bahnen. Die Stadien waren zufriedenstellend gefüllt und auf den Fanmeilen herrschte trotz des frühen Ausscheidens der heimischen Teams gute Stimmung. Man war offensichtlich nicht nur im ukrainischen Propagandaministerium stolz, sich der Welt präsentieren zu können.

Ansonsten schaffte es selbst die UEFA mit den von ihnen gesteuerten Livebildern nicht, die gewünschte Feierstimmung in die Wohnzimmer zu transportieren. Man setzte sich vielmehr der Lächerlichkeit aus, als mehrfach auffiel, dass Bilder manipuliert wurden, was sogar offizielle Beschwerden nach sich zog. So war im Falle der deutschen Mannschaft eine Szene eingefügt worden, in der Jogi Löw Schabernack mit einem Balljungen trieb. Doch der tiefenentspannte Trainer, das sollte hier wohl suggeriert werden, hatte nicht während des Spiels die Ruhe weg, sondern lange vor der Begegnung. Ansonsten herrschte oft Grabesstille in den Stadien, wenn sich die Zuschauer nicht einmal mehr durch die von der Stadionregie vorgegebenen und unsagbar peinlichen Laola-Wellen in „Fußballstimmung“ bringen ließen. Ob sich viele Fans von der negativen Berichterstattung im Vorfeld abhalten ließen, in den Osten zu reisen? Es fiel auf, mit wie wenigen Anhängern England angereist war. So wenig Stimmung war bei den sangesfreudigen Briten wohl selten. Anders dagegen die Iren. Trotz einer chancenlosen Rolle der eigenen Mannschaft, gaben die Anhänger auf den Rängen alles und wurden zu Recht von der UEFA für ihr Verhalten ausgezeichnet. So sorgten die Iren für den Gänsehautmoment der EM, als sie beim Stand von 0:4 gegen Spanien das Volkslied „Fields of Athenry“ zum Besten gaben. Zum Glück hielt Kommentator Tom Bartels den Mund und zerquatschte diesen Moment nicht:

Deutschland: Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt

Das Ausscheiden der deutschen Mannschaft nach der absolut verdienten 1:2-Halbfinalniederlage gegen Italien war ein Schock. Fünfzehn Begegnungen in Folge war man ungeschlagen geblieben, hatte damit einen wertlosen Weltrekord aufgestellt. Und hatte nun wieder keinen Titel in der Hand. Das Urteil des Boulevards war hart: „Gomez hat nur die Haare schön“, „Lahm labert wie ein Politiker“, „Jogi ist schuld am EM-Aus“ titelte die BILD. Dieselbe BILD, die nach dem Gomez-Tor zum Auftakt gegen Portugal den Stürmer als Giganten bezeichnet hatte. Die Jogis Goldhändchen nach den Wechseln gegen Griechenland feierte und feststellte: „Uns schlägt keiner mehr“. Leider doch, wie man feststellen musste, denn Fußball funktioniert zum Glück nicht nach den Regeln des Boulevards. Dennoch muss sich die Mannschaft genau wie Trainer Joachim Löw kritische Fragen gefallen lassen. Löw machte im Halbfinale zweifellos taktische Fehler, die er auch eingestand. Er wurde für seine Winkelzüge gegen Griechenland gefeiert, als er Lars Bender aus dem Hut zauberte und auf einmal mit Klose, Schürrle und dem starken Marco Reus eine komplett neue Offensive aufbot. Mit Erfolg gegen einen überforderten, aber zweitklassigen Gegner. Was dann im Bundestrainer vorging, kann wohl nur er selbst erklären. Fühlte er sich nun herausgefordert, gegen Italien wieder eine Überraschungstaktik zu präsentieren, oder hatte er schlicht Angst vor dem im Turnier bis dahin stark spielenden Andrea Pirlo? Zumindest opferte er die rechte Außenbahn und brachte mit Toni Kroos einen weiteren Spieler fürs Zentrum und beraubte die deutsche Mannschaft damit einer ihrer Stärken, nämlich das Flügelspiel. Und es ging kolossal schief, woran noch andere Fehlentscheidungen des Trainers Anteil hatten. So setzte er weiterhin auf Bastian Schweinsteiger, obwohl der in der Presse zuvor geradezu darum gebettelt hatte, doch auf die Bank gesetzt zu werden. Schweinsteiger opferte sich leidenschaftlich auf, war der Spieler, der am Ende die weitesten Wege zurückgelegt hatte, doch er war nur ein Schatten seiner selbst.

Das Schicksal im Halbfinale neigte sich diesmal eindeutig in Richtung der Italiener (Foto: Andreas Gniffke)

Trotzdem ist die Schärfe der Kritik an Löw und der Mannschaft nicht berechtigt, wobei man Widerspruch geradezu provoziert. Alles wirkt unter der DFB-Leitung um Löw und Bierhoff glattgebügelt, Spieler, die auch einmal polarisieren, fehlen in der Mannschaft von stromlinienförmigen Musterprofis. Interviews und Pressekonferenzen mit Philipp Lahm und Konsorten geraten so in schöner Regelmäßigkeit zur belanglosen Farce. Eine angsterfüllte und über weite Strecken, zumindest nach dem Rückstand, blutleere Vorstellung gegen Italien war Wasser auf die Mühlen der Opposition. Nur die Tränen von Thomas Müller wirkten echt, der Rest nahm die Niederlage scheinbar teilnahmslos hin und versuchte sich in professionellen Erklärungsversuchen, die kein Anhänger der deutschen Mannschaft zu diesem Zeitpunkt hören wollte. Chancenlos waren wir gegen Italien sicherlich zu keinem Zeitpunkt, selbst mit der taktisch offensichtlich falsch aufgestellten Mannschaft war Deutschland mindestens ebenbürtig. Aber an der Spitze entscheiden Kleinigkeiten und Italien macht unmissverständlich klar, dass der Außenseiter, den kaum ein Experte angesichts von Manipulationsskandalen und vermeintlichen Skandalkickern wie Cassano und vor allem Balotelli auf der Rechnung hatte, den Sieg mehr wollte als Jogis Jungs. Warum das so war, müssen die Entscheidungsträger in den kommenden Wochen klären. Wenn bis dahin nicht schon wieder alles in der schwarz-rot-geilen Euphorie nach Siegen gegen die Färöer (7. September) oder Österreich (11. September) in der WM-Quali untergegangen ist.

Von Usedominas und dem „Skandal“ um Scholli

Nicht, dass es irgendwie überraschend gewesen wäre: Es war traurig mit anzusehen, wie die Öffentlich-Rechtlichen die teuer erworbenen TV-Rechte dazu nutzten, ein belangloses Beiprogramm und hundsmiserabel kommentierte Spiele zu präsentieren. Im Zentrum der Kritik bewegte sich zunächst das ZDF, das sich entschlossen hatte, die beiden Moderatoren Kathrin Müller-Hohenstein (KMH) und Oliver Kahn (Olli) nicht an die Spielorte zu schicken, sondern die Spiele von einer Seebühne auf Usedom aus zu moderieren. Eine Fehlentscheidung, wie sich schnell herausstellen sollte. Das EM-Studio mit Public Viewing verströmte die Atmosphäre eines Seniorennachmittags mit Kaffee und Kuchen, wenn die Liegestühle im mäßigen Sommer nicht direkt unbesetzt blieben. KMH wurde von der Boulevardpresse wegen ihres dem Wind trotzenden und streng zurückgebundenen Haarkleids in Verbindung mit ihrem unnahbaren Moderationsstil gleich zur „Usedomina“ ernannt und auch ihr Gegenüber Olli Kahn blieb seltsam unverbindlich. Eine ermüdende Veranstaltung für alle Beteiligten.

Den meisten Kommentatoren konnte man nicht zuhören (Foto: Ellen Friese)

Hoffnung gab es dagegen in der ARD, denn dort stand mit Mehmet Scholl ein Experte bereit, der bis zu dieser EM dafür bekannt war, neben fachlich guten Analysen seine Meinung erfrischend unverblümt zu äußern. Das dürfte sich nun erledigt haben. Seine Bemerkung über die Leistung von Mario Gomez gegen Portugal („Ich hatte zwischendrin Angst, dass er sich wund gelegen hat, dass man ihn wenden muss“) schlug hohe Wellen und wurde intensiver diskutiert als die alles andere als souveräne Leistung der deutschen Mannschaft. Gomez sprach nach dem Spiel gegen Holland von Zentnerlasten, die ihm nach den beiden Treffern von den Schultern gefallen wären. Scholl nahm sich die Kritik, die über ihn völlig unerwartet heranprasselte, offenbar massiv zu Herzen. In der Folge vermied er jeden der manchmal flapsigen, aber oft erfrischenden Kommentare, die ihn zuvor so beliebt gemacht hatten. Kritik an Spielern der Nationalmannschaft wurde angesichts des Erfolges wohl als Majestätsbeleidigung aufgefasst.

Die Kommentatoren standen der niedrigen Qualität in nichts nach. Bela Rethy schafft es immer mehr, sich in die wenig erstrebenswerten Fußstapfen von Altmeister Marcel Reif zu quasseln. Immerhin ertrug er die Gewitterunterbrechung beim Spiel Ukraine-Frankreich stoisch auf seinem Reporterplatz und versäumte es nicht die Zuschauer zu informieren, dass es sich ja schließlich um eine Dienstreise mit entsprechenden Pflichten handeln würde. Thomas Wark verlor im Spiel England-Frankreich völlig den Überblick und bekam weder das Ergebnis noch die Torhüter auf die Reihe. Die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen.

Was kommt? Ein Ausblick

Nach dem Turnier ist vor dem Turnier und Deutschland wird den Blick auf die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien richten, um einen neuen Anlauf zu nehmen, einen der beiden großen Titel zu gewinnen. Leichter wird dies ganz sicher nicht, wenn es neben den europäischen Spitzenteams gegen Gastgeber Brasilien, Argentinien und Uruguay gehen wird. Doch zunächst muss erst einmal die Qualifikation ausgespielt werden und es steht ja noch ein weiteres Fußballhighlight vor der Tür, nämlich das olympische Fußballturnier. An legendären Spielstätten wie dem Londoner Wembleystadion oder Old Trafford in Manchester messen sich die leicht ergänzten U23-Mannschaften ‒ Deutschland hat die Qualifikation leider verpasst. Dennoch verspricht das Turnier hochspannend zu werden, vor allem Brasilien und Argentinien treten mit absoluten Topmannschaften an. Ansonsten beginnt bereits am heutigen Dienstag die Qualifikation für die Champions- und Europa League mit interessanten Begegnungen auch in Luxemburg (5vier.de berichtete).

Und wie sieht die Zukunft der Europameisterschaften aus? In vier Jahren trifft sich die europäische Elite in Frankreich, doch für 2020 wird noch nach einem Ausrichter gesucht. UEFA-Chef Michel Platini kündigte bereits Revolutionäres an. Warum sollte die EM 2020 nicht in den besten Stadien ganz Europas stattfinden? Die Frage nach den Reisekosten für die Fans konterte der merkwürdige Franzose gelassen. Es gäbe doch Billigflieger. Na dann …

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Kommentare (1)

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  1. Sebastian sagt:

    Ich fand die EM auf jedenfall besser als die letzte WM, lag aber wahrscheinlich vor allem an den (gottseidank) fehlenden Vuvuzelas. 🙂

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