Das deutsche Genre-Kino – Leidensweg und Lichtblicke

Star Wars in der Eifel und Neon-Gangster in Hamburg

Ab heute werden mit Effekt-geladenen Weltraum-Schlachten voraussichtlich wieder hunderte Millionen verdient. „Rogue One“ soll weniger Space-Opera, als viel mehr ein Stück Genre-Kino im Star Wars-Universum sein. Genre-Kino, das heißt laut Duden ein auf ein breites Publikum zielendes Kino, dass sich in bekannte, klar abgegrenzte Sparten wie Western, Horror oder Action einteilen lässt. In Deutschland ist Genre-Kino quasi nicht existent, ein Science-Fiction-Kracher wie „Star Wars“ geradezu undenkbar. Woran liegt das eigentlich?

Trier. Wir haben mit Shawn Bu, Regisseur des u.a. in der Eifel gedrehten Star-Wars-Kurzfilms „Darth Maul: Apprentice“ und Ben Bernschneider, renommierter Fotograf und Regisseur des Kurzfilms „Bad Sheriff“ über den Status der deutschen Filmindustrie gesprochen, die seit Jahren scheinbar auf der Stelle tritt.

Der erfolgreichste deutsche Film ist seit über 15 Jahren Michael Bully Herbig’s „Der Schuh des Manitu“ mit über 11,7 Millionen Zuschauern, gefolgt von „(T)Raumschiff Surprise“ mit 9,1 Millionen Kinobesuchern. Die Liste lässt sich fortführen mit „Fack Ju Göhte 2“ (7,6 Millionen), „Fack Ju Göhte“ (7,4 Millionen), der Til Schweiger-Komödie „Honig im Kopf“ (7,2 Millionen) und dem Otto-Klamauk „7 Zwerge – Männer allein im Wald“. Das deutsche Kinopublikum liebt seine Komödien, die zur Zeit im Jahresrhythmus von den drei Big Playern Til Schweiger, Matthias Schweighöfer und Elyas M’barek auf den Markt geworfen werden.

Genre-Kino
Ben Bernschneider am Set von „Bad Sheriff“

Regisseur Ben Bernschneider führt die Lage auf den verhältnismäßig kleinen Markt zurück: „Der Markt hier ist so winzig, dass ein ganzes Land mit seinen unterschiedlichen Schichten in einen Film rennen muss, damit dieser wirklich erfolgreich ist […]. Bei uns muss es ein „Schuh des Manitu“ sein, wo auch jeder Vollidiot noch mitlachen kann, wenn ein Pferd furzt.“

Regisseur Shawn Bu schätzt die Lage ähnlich ein: „In Deutschland ist einfach das Problem, dass das Geld nicht so da ist und dadurch auch der Mut zum Risiko fehlt. Die ganzen Komödien von Schweighöfer und Schweiger, eben die Sachen, die funktionieren werden weitergemacht. Es dominieren die Geschichten, die im Hier und Jetzt spielen, Genrefilme sieht man nur sehr, sehr wenige.“

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Regisseur Shawn Bu am Set von „Darth Maul: Apprentice“

Bu ist bekannt geworden, als er im März 2016 sein komplett eigenfinanziertes Star-Wars-Fanprojekt und gleichzeitig Abschlussfilm für sein Studium, „Darth Maul: Apprentice“, bei Youtube veröffentlichte. Das 17-minütige Werk folgt dem unter Fans beliebten, in der Star Wars-Saga aber sträflich vernachlässigten Bösewicht Darth Maul durch mehrere hochprofessionell inszenierte Lichtschwert-Duelle, die unter anderem in der Teufelsschlucht in der Eifel gedreht wurden.

„Für mich haben die verschiedenen Planeten immer viel zur Faszination von Star Wars beigetragen“, erklärt Bu. „Ich war nie ein Fan davon, alle Kulissen digital zu erstellen, deswegen sollte der Großteil in realen Locations stattfinden. Wir haben in Aachen studiert und die Eifel war da nicht so weit weg. Da findet man viele Orte, die ursprünglicher wie die Wälder um Aachen sind. Die Schlucht war dann Liebe auf den ersten Blick.“

 

 

„Darth Maul: Apprentice“ ist das beste Beispiel, dass auch Genre-Produktionen aus Deutschland international begeistern können. Mit über 11 Millionen Klicks bei Youtube und begeistertem Feedback aus der ganzen Welt kommt der Kurzfilm aus West-Deutschland überall fantastisch an. Selbst Comic-Legende Stan Lee postet den Clip auf seiner Facebook-Seite mit den Worten „The Force is strong with these creative fans“. Auch Greig Fraser, der Kameramann des aktuellen „Star Wars“-Spinoffs „Rogue One“, hat den Film gesehen und sehr gelobt.

 

 

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Braucht sich vor dem großen Vorbild nicht zu verstecken: „Darth Maul: Apprentice“

Wieso funktioniert deutsches Genrekino auf Youtube, aber nicht im Kino? Bei „Darth Maul: Apprentice“ spielte mit Sicherheit das „Star Wars“-Setting eine große Rolle. Aber der Look des Films geht weit über eine bloße Amateur-Produktion hinaus. „Es war der Versuch mit wenigen Mitteln einen Hollywood-Look zu erreichen.“ Die Filmförderung hat das Erfolgspotenzial und das Engagement der Männer und Frauen um Shawn Bu, die sich als T7 Productions formiert haben, aber auch nicht überzeugt: „Es gab keine Filmförderung, es wäre auch direkt abgelehnt worden, weil es nicht ins Schema passt. Der Star Wars-Film sollte unterhalten, Spaß machen und begeistern…der fällt irgendwie raus.“

„Was Spaß macht, anders und nervenaufreibend ist, wird ja nicht gefördert“, bestätigt Ben Bernschneider die Lage in der Filmförderung. Er ist nicht nur Regisseur von düsteren Kurzfilmen, sondern hat in den vergangenen Jahren auch als Texter, Drehbuchautor und Fotograf viele Einblicke in die deutsche Medienlandschaft sammeln können. Er vermisst den Spaß am Kino: „Ich finde Deutsches Arthouse-Kino zum Teil wahnsinnig anstrengend und düster. Aber nicht düster cool, sondern düster scheiße. Für wen soll ein Film gut sein, bei dem ein junger Familienvater Krebs bekommt, stirbt und wir zwei Stunden dabei zusehen, wie die Kinder darunter leiden. […] Das Leben, die Nachrichten, alles erinnert uns die ganze Zeit daran, wie schlimm das Leben ist – warum sollte das Kino uns das ebenfalls noch auf’s Brot schmieren? Ich will Eskapismus, Ruhe von dem Wahnsinn. Und nicht noch ein fremdes Kind mit Krebs im Kino beweinen. Diese Regisseure können doch unmöglich Freude am Kino haben.“

Der zweifache Oscar-Gewinner Christoph Waltz („Inglourious Basterds“, „Django Unchained“) kramt gerne bei Interviews zu den Unterschieden zwischen deutscher und amerikanischer Filmindustrie ein Zitat des deutschen Schauspielers und Regisseurs Wolfgang Liebeneiner hervor:

 

„In Amerika wird Film hergestellt wie Kunst und verkauft wie Ware, und in Deutschland ist es genau umgekehrt.“

 

Waltz wurde durch niemand geringeren als Quentin Tarantino in die amerikanische Filmindustrie eingeführt, einem Filmemacher, der das Genre-Kino kennt, wie kaum ein anderer und seine Werke mit unzähligen Referenzen versieht. Die Regie-Ikone gehört auch zu Bernschneiders Vorbildern: „Tarantino hat so unvoreingenommen alle Genrefilme aller Länder und Jahrzehnte in sich aufgesogen und weiterverarbeitet, dass jede Einstellung bei ihm wie eine Liebeserklärung an das Kino selbst wirkt. Und genau dieses Metakino macht mich richtig glücklich.“

Betrachtet man den Trailer zu „Bad Sheriff“, Bernschneiders aktuellstes Werk, kann man sich der Assoziationen zu Quentin Tarantinos Gangster-Klassikern gar nicht erwehren. Die Inspiration zu dem Film kam ihm dann auch tatsächlich in Tarantinos eigenem Kino in Los Angeles: „Ich war August in L.A. und hatte meine Arbeit zu „Return of an American Summer“ beendet und war im Beverly Cinema und hab seit langer Zeit mal wieder einen Film auf 35mm gesehen. Da waren nur Filmliebhaber, für die das Rattern des Projektors wie das Schnurren einer Katze war. Da hat es mich wieder ein bisschen erwischt. Und eine Woche später bin ich in Palm Springs bei dem Celluloid-Dealer von Quentin und tausche eines meiner Bücher gegen eine Original-Pulp-Fiction-35mm-Filmrolle aus seinem Privatbesitz ein. Das Ding hab ich im Flugzeug unter’m Arm gehabt. Da brannte mein Herz wieder und ich musste ganz schnell was drehen. So schrieb ich dann Bad Sheriff. Noch völlig angesteckt.“

BAD SHERIFF (Trailer) from Ben Bernschneider on Vimeo.

 

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Soap-Star goes Bad Ass! Gregory B. Waldis bei den Dreharbeiten zu „Bad Sheriff“

Auch Bernschneiders Film ist komplett eigenfinanziert. Der Aufwand, der hinter der Produktion steckt ist auch hier enorm und zeugt von der Leidenschaft auch in Deutschland gutes Genrekino auf die Beine stellen zu wollen. Und nicht nur hinter der Kamera brennt das kreative Feuer, auch bei den Schauspielern hat „Bad Sheriff“ einige Überraschungen zu bieten. Aus bekannten Soap- und Telenovela-Darstellern wie dem „Rote Rosen“-Schurken Gegory B. Waldis wird in Bernschneiders Neon-überfluteten Film-Noir-Tarantino-Gedächtnis-Shortie ein stilvoller Revolver-schwingender Ganove, der in seiner optischen Erscheinung auch einem Tarantino-Werk entsprungen sein könnte. Auch Bernschneiders Frau Henrike Fehrs und Florian Wünsche kennt man aus der deutschen Soap-Landschaft („Verbotene Liebe“), von deren Fließband-Charakter der Regisseur kein großer Fan ist: „Dafür können ja die Darsteller nix, die von irgendwas leben müssen und sich noch darüberhinaus in so einer Produktion den Arsch wund drehen. […] Das sind alle drei gute Darsteller, außerdem hat Bad Sheriff eine gewisse Theatralik, die man mancher Soap vorwerfen würde. Die Darsteller mussten wie in den 70/80er Jahren agieren, immer ein bisschen zu cool und drüber.“

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„Verbotene Liebe“-Star Florian Wünsche in „Bad Sheriff“

Zu sehen gibt es „Bad Sheriff“ erst im kommenden Jahr: „Der Film wird final um den 30. Dezember fertig sein“, so Bernschneider. „Dann rücke ich auch mit der Sprache raus und hoffe, dass wir auf vielen Filmfestivals vertreten sind.“ Im deutschen Mainstream-Programm wird der in Neon-Lichter getränkte Streifen voraussichtlich nicht stattfinden, genauso wenig wie es „Darth Maul: Apprentice“ Anfang des Jahres tat. Die deutsche Kinolandschaft wird weiter mit Schweiger/Schweighöfer/M’barek-Komödien überflutet, schwere Geschichts-Kost wird gefördert und im deutschen Fernsehen laufen weiter Tatort, Rosamunde Pilcher und Trash TV rauf und runter.

Die Beispiele Shawn Bu und Ben Bernschneider zeigen deutlich, dass es in Deutschland nicht an kreativem Potenzial für besondere Filme mangelt. Deutsche Regisseure wie Oliver Hirschbiegel, der mit „Das Experiment“ und „Der Untergang“ bekannt wurde, sowie Robert Schwentke, der 2002 mit „Tattoo“ einen waschechten Genre-Thriller auf die Leinwand wuchtete, zeigen, dass es in den letzten Jahren immer wieder talentierte Filmemacher gab, die mit frischen Ideen versuchten, dass deutsche Kino aus dem 08/15-Schlaf zu erwecken. Doch bevor die deutsche Filmindustrie den Wert dieser Kreativköpfe erkannte, hatte Hollywood schon zugeschnappt und die Männer ins Land der unbegrenzten Film-Möglichkeiten gelockt. Nicht nur die deutsche Kinowelt, sondern auch die deutsche TV-Landschaft tickt zu langsam um neue, mutige Talente zu halten. Bernschneider dazu: „Die Pest im TV sind Redakteure. Wie Kontakter in Werbeagenturen. Beamte, die das, was sie da tun, als Job ansehen. Die sollen dann Künstlern, wie den Autoren reinreden und gucken, dass es massenkompatibel für Leute gemacht ist, die vor dem Fernseher einschlafen. Das Fernsehen ist für mich, bis auf 2-3 Sendungen komplett tot und auch nicht wiederzubeleben.“

Weder „Darth Maul: Apprentice“-Regisseur Shawn Bu, noch Ben Bernschneider lassen sich dadurch von ihrer Liebe zum Film abbringen. Bu spielt zur Zeit mit dem Gedanken eine Web-Serie anzugehen, während Bernschneider bereits an einem kompletten Spielfilm schreibt. Beide können sich vorstellen für Hollywood zu arbeiten. Mit Blick auf den aktuellen Status der deutschen Filmindustrie im Hinblick auf’s Genre-Kino fasst Bernschneider die Lage mit einer Frage treffend zusammen: „Wer würde da nicht weg wollen?“

 

Mehr Infos zu der Arbeit von Ben Bernschneider: Ben Bernschneider Photography

Mehr Infos zu der Arbeit von Shawn Bu: T7 Productions

 

 

 

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