Martin Schulz zu Gast in Trier

Ein Kommentar von Sebastian Finke

Am 22. August besuchte Kanzlerkandidat Martin Schulz Trier. Anders als seine Vorredner steht er ganz vorne – volksnah. Er pocht auf ein gerechteres Deutschland, spricht wichtige Punkte wie Rente und Bildungsfinanzierung an, aber ein wichtiger Aspekt scheint die ganze Zeit zu fehlen. Neben thematischen Lücken, dazu später mehr, stört mich ein Punkt gravierend. Es mag ja sein, dass ein paar Dinge in Deutschland nicht gerecht ablaufen, die geändert werden müssten, aber Lösungsansätze werden nicht geboten. Demagogisch einwandfrei wird der „Sündenbock“ Merkel persönlich angegriffen, ohne die eigenen angepriesenen Ideen zu konkretisieren. Der gute Herr Schulz redet von Ideen, mit denen er uns in die Zukunft führen will, aber konkrete Angaben werden nicht gemacht. Das Konkreteste sind dabei die Aussage, dass ein neuer Generationenvertrag her müsse (mehr Informationen dazu gab es dazu natürlich auch nicht) und die Aussage, dass man aus- statt aufrüsten solle.

Generell kann man aber nicht sagen, dass Herr Schulz überhaupt nicht konkret sein kann. Immerhin trifft er genaue Worte gegen die AfD, Erdogan, Trump und natürlich sein liebstes Feindbild, Angela Merkel. Seine Betrachtung ihrer Herangehensweisen in einer politisch angespannten Situation scheint absolut töricht. Er versucht sich dadurch zu profilieren, dass er beinahe aggressiv auf unsere Länderpartner, man könnte fast schon meinen es seien Gegner, zugeht und jegliches diplomatische Fingerspitzengefühl, dass man von einem Europapolitiker erwarten würde, vermissen lässt. Auch der Vorwurf, dass kein Plan hinter der ruhigen und zurückhaltenden Art Merkels läge, kann wohl nur vor einem Publikum bestehen, dass sich nicht weiter mit der Situation beschäftigt. Aber genau da liegt auch ein Problem. Herr Schulz legt den Finger in bekannte offene Wunden und trifft dadurch den Nerv der Zeit. Menschen sind in Bezug auf Politik deutlich impulsiver und hängen vielleicht noch mehr an den Lippen lauter Meinungsmacher. (Trotz oder gerade wegen der Möglichkeiten unserer Informationsgesellschaft).

Mir haben die Rede, die Aussagen und das Auftreten klar gezeigt, dass auch ein Martin Schulz laut auf die andern zugehen will, aber ist das denn die sinnvollste Lösung? Vor allem bleibt es ja auch da wieder dabei: Er schreit nach Veränderung, hat aber keinen Vorschlag, wie man diese umsetzen kann.

Neben diesen argumentativen Schwächen hätte ich mir inhaltlich noch mehr zum Thema Bildungspolitik gewünscht, aber von konkreten Zukunftsideen dahingehend sollte ich ja eh nicht ausgehen. Auch der Punkt der Digitalisierung, nur in einem Nebensatz kurz angesprochen, scheint kein allzu großes Defizit aufzuweisen. Und was ist mit dem Thema Umweltschutz? Ist die Energiewende kein rentables Thema mehr und deshalb auf dem Abstellgleis? Kann man mit „Atomkraft – Nein danke!“ Etwa keine Wähler mehr mobilisieren und vor Allem generieren? Wir leben in einer Welt, die tagtäglich weiter zerstört wird.

Der Inhalt zeigt also schnell, dass es mehr darum geht, anderen ihrer Fehler schuldig zu sprechen und weniger darum, eigene Lösungsvorschläge zu unterbreiten.

Was mir während der gesamten Rede auffiel ist, über die Leistungen der SPD in der letzten Legislaturperiode wurde viel gesprochen, es gab sogar zwei hochkarätige SPD-Mitglieder, die sich darüber ausließen. Aber jegliches Scheitern zählt natürlich nur zur „Leistung“ der Union. Dass beide Parteien gemeinsam regiert und auch gemeinsam Fehler gemacht haben, wird verdrängt.

Ich bin selbst ein Freund sozialer Gerechtigkeit, kann es aber überhaupt nicht leiden, wenn jemand nur die Fehler anpreist, ohne jedoch seinen eigenen Vorstellungen („Ideen für die Zukunft!“) zu entsprechen.

Was man Martin Schulz lassen muss, ist, dass er mit seiner Art – der volksnahe Kandidat – bei vielen Wählern gut ankommt. Er spricht direkt, lässt aber auch Witz nicht vermissen. Es ist wichtig, die Leute zu begeistern. Dabei sollte man aber immer überlegen, ob man es schaffen will, indem man den Leuten gibt, was sie verlangen (umso größer ist die Enttäuschung hinterher), oder indem man bedacht und zurückhaltend wirklich realistische Pläne vorstellt. An die Ratio der Menschen glaubend hoffe ich auf die zweite Möglichkeit. Es ist wichtig auf die Menschen zuzugehen und ihnen Sicherheit zu geben, gerade in solch schwierigen Zeiten.

Martin Schulz in Trier
Martin Schulz zu Gast in Trier

Die vollständige Rede von Martin Schulz am 22. August zum Nachhören gibt es hier.

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