5vier-Meinung: Ist Eintracht Trier reif für die 3. Liga?

Von Florian Schlecht und Stephen Weber

Endlich erwacht der Fußball wieder aus dem Winterschlaf. Hobby-Optimisten sagen im Überschwang der Emotionen bereits den Aufstieg ihres Vereins voraus. Die Skeptiker halten dagegen und befürchten ein bitteres Einstürzen auf der Zielgeraden. Wenige Fans können von dieser Achterbahnfahrt der Gefühle ein besseres Lied singen als die von Eintracht Trier. Packen wir diesmal den Sprung in die 3. Liga? Diese Frage wird sich jeder glühende Anhänger schon gestellt haben, bevor die Regionalliga am Samstag mit dem Heimspiel gegen den SC Freiburg II startet. 5vier hat in die Glaskugel geschaut und versucht sich an Antworten. Unsere Mitarbeiter Florian Schlecht und Stephen Weber nehmen dabei ganz unterschiedliche, extra zugespitzte Positionen ein.

Eintracht Trier ist reif für die 3. Liga

Jubel, Trubel, Heiterkeit: Schafft Trier den Sprung in die 3. Liga? Foto: Anna Lena Grasmück

Ist Eintracht Trier reif für die 3. Liga? Unbedingt. Auch wenn an der Mosel jedes Jahr vom Aufstieg geträumt wird: 2013 stehen die Sterne günstig, dass der Innenstadtbereich vom Hauptmarkt bis zur Porta Nigra im Juni zur blau-schwarz-weißen Partymeile wird. Warum?

Ganz klar: Eintracht Trier hat den besten Torjäger in der Regionalliga. Chhunly Pagenburg hat sich mit 16 Treffern durch die Hinrunde geballert. Ob wuchtige Kopfbälle, coole Abschlüsse oder Buden aus dem Nichts wie der 25-Meter-Hammer gegen Ulm: „Chhun“ trifft aus allen Lagen. Ihn in Verbindung mit Alon Abelski und Steven Lewerenz auszuschalten, das ist für die Gegner ein Rätsel, so schwer zu knacken wie der Da-Vinci-Code. Das Trio zaubert wie einst das magische Dreieck in Stuttgart. Und der Mann ganz vorne wird weiter treffen. Immerhin will Pagenburg ja irgendwann noch zum Gerd Müller der kambodschanischen Nationalmannschaft werden.

Ganz klar: Eintracht Trier hat die besten Fans der Liga! Wer im Winter eine spektakuläre Spendenaktion für Neuzugänge ins Leben ruft und innerhalb von vier Wochen über 17.000 Euro sammelt, muss einfach belohnt werden. Nicht nur mit Interviews in der „11Freunde“ und im „kicker“. Am liebsten mit Fahrten von Saarbrücken nach Rostock, von Osnabrück bis Burghausen. Entsprechend motiviert werden die neuen Spieler sein. Denn sie sind die einzigen Fan-Stürmer der Regionalliga. Marco Quotschalla wird unter Beweis stellen, warum er einst als Wunderkind galt. Und Erdogan Yesilyurt sagt, dass er gerne vom Flügel nach innen zieht und dann Abschlüsse sucht. Das klingt wie bei Arjen Robben, nur dass der 19-Jährige die Bälle dann hoffentlich nicht wie der Niederländer hoch und weit aus dem Stadion schießt – sondern am liebsten ins Tor.

Ganz klar: Trier ist ein Krisenmeister! War das ein Chaos im September nach dem 0:1 gegen Elversberg, der dritten Niederlage in Folge. Trainer und Spieler standen in der Kritik, vor dem VIP-Zelt kochten die Emotionen hoch. Trier wankte dem Keller entgegen. Und was folgte dann? Mannschaft und Coach setzten sich zusammen, entwarfen eine neue Taktik, wuchsen in der Krise zusammen. Ein 2:0 in Kassel bildete den Anfang eines Laufs mit mittlerweile neun Spielen ohne Pleite. Das ist meisterhaft. Und was machen die Führungsspieler? Sie reden so, als wäre „Aufstieg“ einen ihnen völlig unbekannter Begriff aus dem Fremdwörterlexikon. Und betonten gebetsmühlenartig nur die nächste Aufgabe. Das mag für die Öffentlichkeit manchmal nicht nach Spannung klingen – spricht aber für die Bodenständigkeit und Ernsthaftigkeit, mit der auf die Ziele hingearbeitet wird.

Ganz klar: Eintracht Trier ist der Favoritenschreck Deutschlands! Sollen doch in der Relegation die Millionentruppen von RB Leipzig, Viktoria Köln und Holstein Kiel kommen. In Trier sind schon ganz andere Riesen auf Normalgröße geschrumpft. Die Eurofighter von Borussia Dortmund und Schalke 04 wurden hier einst im DFB-Pokal rausgekegelt. Und Co-Trainer und Lokalheld Rudi Thömmes kann den Jungs bestimmt erzählen, wie man solche Favoriten kräftig ärgert. Im Notfall schnürt er selber wieder die Fußballschuhe und trifft wie in alten Tagen. Denn bis zu den Aufstiegsspielen im Juni ist auch der Achillessehnenriss von „Ruuuudi“ wieder verheilt. Florian Schlecht

Alles bleibt beim Alten

Ist die Eintracht ohne Pagenburg im freien Fall? Foto: Anna Lena Grasmück

Wie lernte man als Kind so pädagogisch wertvoll in den Asterix-Büchern: „A solis occasu, non ortu, describe diem.“ (dt.: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben). Eine Weisheit, die den Trierer Fußball pointiert beschreiben könnte. Denn auch die Moselstadt gleicht einem kleinen, gallischen Dorf, das sich im Regionalligabetrieb immer wieder gegen finanziell überlegene Gegner behaupten muss. Nach heroischen Siegen schwelgt dann die Fangemeinde freudetrunken bei ein paar Cervisia um das Lagerfeuer und träumt vom nächsten großen Triumph auf dem immergrünen Schlachtfeld. So glaubt auch in dieser Saison ein Gros der Anhängerschaft, dass der Aufstieg in die dritte Liga nach der formidablen Hinrunde nur noch einen Hinkelsteinwurf entfernt ist – und so werden sie ferner in dieser Saison wieder spüren, dass das knallharte Fußballgeschäft wenig mit einem fiktionalen Comicband gemein hat.

Wenn ein Underdog erfolgreich sein möchte, muss meistens sehr, sehr viel stimmen. Ob das in Trier der Fall ist? Die Außenseiterrolle nehmen sie jedenfalls schon einmal gerne an. So ist es fast zu einer gebetsmühlenartigen Floskel geworden, dass man betont, dass der nächste Gegner finanziell weitaus besser ausgestattet ist, als man selbst. Ob es taktisch klug ist, eine derartige Mentalität in den Köpfen aller Beteiligten einzuimpfen, ist durchaus fraglich. Denn sollte man schließlich nach kräftezehrenden 36 Spieltagen trotz ökonomischer Defizite die Relegationsphase erreichen, warten dort mit RB Leipzig und Holstein Kiel ja erst die richtigen wirtschaftlichen Schwergewichte auf den SVE. David gegen Goliath war im Vergleich dazu ein Duell auf Augenhöhe.

Hinzu kommt die dünne Personaldecke. Der Traum vom Aufstieg in den bezahlten Fußball ist abhängig vom eigensinnigen Körper des Chhunly Pagenburgs. Dass der Stürmer trotz Verletzungsleiden regelmäßig trifft, darf als kleines Fußballwunder bezeichnet werden. Ob er allerdings diesen Lauf gleichfalls in der Rückrunde konstant halten kann, dürfte mehr als ungewiss sein. Fällt der Mann aus, der 16 der 30 Trierer Tore erzielte, sieht es für das blau-schwarz-weiße Angriffsspiel wahrlich düster aus. Zwar wurden im Winter zwei neue Spieler transferiert, die jedoch beide nicht als etatmäßige Stürmer gelten und somit einen etwaigen Ausfall von Pagenburg nur geringfügig kompensieren könnten.

Aber es geht noch weiter: Wie im zurückliegenden Jahr war der Trainingsauftakt nach dem Winterschlaf bei der Eintracht von Widrigkeiten geprägt. Durch anhaltenden Frost konnte man gar nicht bis kaum auf dem Grün trainieren und sämtliche Testspiele, mit Ausnahme gegen Kaiserslautern, fanden auf Kunstrasen statt – von denen obendrein nur das gegen die unterklassigen Völklinger gewonnen werden konnte. Eine optimale Vorbereitung sieht anders aus. Gewarnt dürfte man allerdings sein: So sah man doch in der vergangenen Saison, wohin einen eine solche durchwachsene Planung im Endeffekt führt. Aber für ein Trainingslager ist ja bekanntermaßen kein Geld vorhanden. Auch wenn Trier gerne die Geschichte des kleinen Dorfes voller Widerständler schreiben würde, werden sie doch den kommenden Sommer als geschlagene Römer an der Porta Nigra verbringen müssen, um in der nächsten Spielzeit abermals Anlauf zu nehmen. Stephen Weber

Welche Ansicht teilt ihr? Ist die Eintracht ein ernstzunehmender Kandidat für den Aufstieg oder müssen sie nach der Saison weiterhin ihre Schuhe in der Regionalliga schnüren? Schreibt uns eure Meinung!

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Kommentare (4)

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  1. sve-torsten sagt:

    @Eintrachtlerin: Dem ist nichts hinzuzufügen. Sehe ich alles ganz genauso 🙂
    Ich befinde mich irgendwo zwischen beiden Positionen, allerdings mit Tendenz zur ersten Position. Nach den ganzen Jahren seit 2005 ist es nicht immer einfach, den puren Optimismus zu versprühen, aber ich gebe mir Mühe 🙂

    Vielleicht gelingt uns ja der große Wurf. Für Trier und die Eintracht wäre das ein absoluter Gewinn, und verdient wäre es wirklich mal wieder.

  2. Eintrachtlerin sagt:

    Eine coole Idee, die beiden Positionen einmal so darzustellen. Ich glaube in den Köpfen vieler Eintracht-Fans gibt es eigentlich beide Positionen. Die, des ewigen Optimisten, der immer an das Fußball-Wunder glaubt. Auf der anderen Seite aber meldet sich diese pessimistische Trierer Stimme: „Oh, dat mit der Aaantracht, dat git neist mie!“
    Es wird wohl wirklich auf die ersten Spiele ankommen. Sollten wir super aus der Winterpause starten, ist meiner Meinung nach alles möglich… auch ein Aufstieg in die 3. Liga!

  3. Storno sagt:

    Ich bin ziemlich großer Optimist, wir werden 2ter und fertig, wichtig wird aus den ersten 3 Partien min. 6 Punkte zu holen dann ist alles drin…

  4. docweb sagt:

    Schöne Idee. Kienzle und Hauser, Pat und Patachon. Dick und Doff, Schneewitchen und …. Ich wünsche Trier freilich den Aufstieg, wiewohl mir die Contra-Argumente etwas realiter anmuten. Aber – und das ist gur für Trier – ich bin notorischer Pessimist.

    Gruss

    Docweb

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