Angehört: Rotterdam Ska-Jazz Foundation – „MoTiv Loco“

Am 17. Februar bringt das Casino am Kornmarkt einen coolen Stilmix auf die Bühne: die Rotterdam Ska-Jazz Foundation spielt Reggae, Ska und Jazz. Wir hören rein.

Man kennt sie ja, die Klischees. Jazz ist verkopft, Ska ist wie Party, Reggae ist wie Urlaub. Alles Käse – schon ein kurzer Blick in die Wikipedia genügt, um klarzumachen, dass die Stile vielfältige Verbindungen haben. Die Rotterdam Ska-Jazz Foundation ist eine jener Gruppen, die diesen Verbindungen hinterherspüren. Mit großem Line-Up: Die Bläser-Fraktion besteht aus Arjen Bijleveld an der Posaune, Zoot an Alt- und Tenorsaxofon sowie Joep van Rhijn an der Trompete, während die Saitenarbeiter Jeroen van Tongeren an der Gitarre und Merijn van de Wijdeven am Bass das Beat-Fundament von Dimitri Jeltsema (Schlagzeug) ergänzen. Klavier und Orgel dürfen in der Person von Hidde Wijga natürlich ebenfalls nicht fehlen.

Für diesen Beitrag versuche ich mich ein Experiment: Wie hört man ein Album von einer Band, die man am besten live hören sollte? Zur musikalischen Begleitung empfehle ich die MySpace-Seite von der Rotterdam Ska-Jazz Foundation – da gibt es einen Player mit einigen Songs. Und wenn euch das zusagt, solltet ihr euch Donnerstag, den 17. Februar vormerken: Da spielt die Band ab 20 Uhr für wenig Geld im neu eröffneten Casino am Kornmarkt.

MoTiv Loco“: Musik von der Rotterdam Ska-Jazz Reggae Foundation

Viele Köpfe, viele Stile: die Rotterdam Ska-Jazz Foundation (Foto: Natasha Padabed, von der CC-Lizenz ausgenommen).

Die letzte Scheibe „MoTiv Loco“ liegt mit ihrer Veröffentlichung im Jahr 2007 schon ein ganzes Weilchen zurück. Neues Material liegt laut Website schon bereit – vielleicht bekommt ihr es ja sogar live auf die Ohren. Vorerst jedoch konzentrieren wir uns also auf die letzte Platte – und die hat trotz Namen der Band weniger mit Ska und Jazz zu tun, als man vermuten würde.

Natürlich hört man Jazz. Da wäre etwa der schöne Walking Bass in „Goldie“, ein Stück, das mit verschiedenen Tempi spielt und einem gedrosselten Beginn eine weitere Verlangsamung folgen lässt, bevor dann am Ende noch einmal angezogen wird. Auch „Milestones“ ist sehr jazzig – angefangen von den mal synkopische Akzente setzenden, mal modal anmutende Melodien spielenden Bläsern bis hin zur schönen Orgel-Improvisation. Und natürlich gibt es Ska auf der Platte. „M9“ beginnt mit einem Afrobeat und wird schließlich zu einem adrenalingeladenen Ska-Ungetüm – schon simples Mit-dem-Fuß-Wippen treibt einem die Schweißperlen auf die Stirn.

Aber der größte Teil der Songs ist eher dem Reggae verpflichtet. Da wäre zum Beispiel „Shameless“, eine Bläser-Improvisation über einem Reggae-Fundament. Oder „The Movement“, das sich mit smoothen, synkopierten Reggae-Rhythmen im Gehörgang festsetzt, bevor Saxofon und Hammond-Orgel einige unaufgeregte Akzente setzen können. Dann folgt „Ranglin Man“ – Tempo raus, feeling easy rein, nur am Ende folgen einige Saxofon-getriebene Uptempo-Ausbrüche. Beim Titelgeber „MoTiv Loco“ hört man dann zum ersten Mal Stimmen auf der Platte – wenn sie mit ihren kurzen „Looking for a Motiv Loco“-Ausrufen auch eher rhythmische Bedeutung haben. „Knead The Dough“ ist Entspannung pur, bei der die einzelnen Musiker im Wechsel zärtlich Dimitri Jeltsemas Synkopen umspielen. „El Penumbra“ schließlich lebt von einem rhythmische Akzente setzenden Klavier und einer warmen Gitarre wie direkt aus der Karibik.

Auch andere Genres kommen zu Gehör: „No More Sorrow“ klingt mit Rockabilly-Beat und der dreckigen Orgel so tarantinig, dass man sich fragt, warum Tarantino ihn noch nicht als Soundtrack für einen Film ausgewählt hat. „Revolver“, einer der Höhepunkte des Albums, mutet zunächst orientalisch an, entwickelt dann jedoch einen derart nervös-zittrigen Beat, dass man sich wünscht, niemals jemandem gegenüberzustehen, der einen vergleichbar zittrigen Finger am Abzug hat.

Es ist eine eklektische Mischung, die man zu hören bekommt, umgesetzt mit liebevollen Details und stets mit Elementen aus anderen Stilen variiert. Ein wenig klingt die Rotterdam Ska-Jazz Foundation so, wie man sich eine vielbereiste Hafenstadt vorstellt: weltoffen, neugierig und stets alle Entdeckungen in die eigene künstlerische Identität integrierend. Aber da wären wir ja wieder bei einem Klischee.

Ach ja, und wenn ihr am Donnerstag ins Casino geht: Nehmt einfach mal ein Wechsel-T-Shirt mit. Es könnte nötig werden, wenn die vielköpfige Band das Tempo anzieht.

Bildnachweis des Aufmachers: „Free Eighties Vinyl Records Albums Various Musicians Creative Commons“ von D. Sharon Pruitt, CC BY

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