Buntes: „Typisch deutsch“ – Gespräch mit Autorin Anli Serfontein

Was empfindet man eigentlich als „typisch deutsch“, wenn man nicht aus Deutschland stammt? 5vier.de sprach mit der Autorin Anli Serfontein über Einwanderung, Integration und Weihnachtstraditionen.

Das Gespräch hat noch gar nicht angefangen, da erfüllt sich schon das erste Klischee über Südafrikaner – wir fangen verspätet an. Das gibt mir die Gelegenheit, noch einen Blick in „Basteln, Wandern and Putzen“ zu werfen, Anlis Buch über ihre Erfahrungen als Einwanderin aus Südafrika in Deutschland. Passenderweise schlage ich gleich das Kapitel über die Adventszeit auf.

Als Anli das Café betritt, dreht sich meine erste Frage denn auch prompt um Weihnachtstraditionen. Die Autorin lacht und erzählt, dass sie aus ihrer Kindheit Weihnachten mit Sonne und Strand gewohnt ist. Am deutschen Weihnachtsfest gefalle ihr dafür die Gemütlichkeit, mit Familie zu Hause und Schnee draußen vor der Tür.

Daraus ergibt sich auch gleich eine Folgefrage: wie sehr beeinflusst Südafrika ihr Leben in Deutschland? „Es ist beides eine Heimat“, sagt Anli. Ihre Kindheit in Südafrika hat sie geprägt. „Es wäre manchmal schön, wenn die Deutschen entspannter wären. Manchmal hat man den Eindruck, dass das Leben hier zwei Monate im Voraus geplant wird. Die Menschen in Südafrika sind spontaner.“

Ist das schlecht? „Nein, es ist nur anders.“ 15 Jahre in Deutschland haben abgefärbt, gibt Anli zu. „Es passiert schon mal, dass ich bei Besuchen in Südafrika pünktlich zu Verabredungen komme und niemand da ist, weil die Leute vielleicht noch Lebensmittel kaufen. Oder dass ich zu einem Grillfest gehe und mich ärgere, dass erst um 17 Uhr gegessen wird, obwohl ich mit 13 Uhr gerechnet habe.“

Anli Serfontein und 5vier.de-Redakteurin Ingrid Ewen

Auch nach der langen Zeit, die sie mittlerweile hier lebt, seien manche Dinge einfach schwer zu handhaben. Schwarzer Humor zum Beispiel, in Südafrika ausgesprochen beliebt und in quasi jeder Situation angebracht, sei bei vielen Deutschen fehl am Platz. Am Anfang sei das schwer gewesen. Auch heute noch, wenn sie nach Besuchen in ihrem Heimatland wieder in Deutschland sei, müsse sie vorsichtig sein, nicht anzueecken mit „Witzen, die Deutsche nicht angebracht finden.“

Stichwort anecken – was hält die Südafrikanerin von der momentanen Integrationsdebatte? „Ich finde, Deutschland ist offener geworden in den letzten Jahren.“ Natürlich ist es hilfreich, wenn man jemanden kennt, der einen in die Geheimnisse einer Kultur einführen und manche Dinge erklären kann. In Anlis Fall war das ihr Mann, der sie anfangs auch bei Behördengängen begleiten musste. Aber ein Kernpunkt für gelungene Integration sei vor allem das Erlernen der Landessprache. Anli spricht Afrikaans, Englisch, Französisch, Niederländisch und – natürlich – deutsch. „ex pat communities“, Gemeinschaften von Auswanderern, in denen nur die jeweilige Muttersprache gesprochen wird, sind ihr suspekt. „Wenn ich irgendwo Urlaub mache, kann ich nach einer Woche wenigstens mein Abendessen bestellen. Es gibt aber Leute – auch sehr gebildete, die leben jahrelang in einem Land und sprechen kein Wort der Landessprache. Das macht eine Integration natürlich schwierig.“

„Ändert sich denn nach so langer Zeit in einem anderen Land der Blick auf die Heimat?“ will ich wissen. Anli überlegt eine Weile und sagt dann, in gewisser Hinsicht sei sie besser informiert als ihre Eltern, die noch in Südafrika leben, aber kein Internet haben. Aber mittlerweile sei es schwer für sie, gesellschaftskritische Aussagen zu machen, etwa zum Thema AIDS. „Viele Menschen in Südafrika verleugnen das HIV-Problem und reagieren empfindlich auf Kritik, vor allem von Außenstehenden. Stefan Himpler, ein Pfarrer aus Bitburg, der derzeit in Südafrika lebt und dort mit HIV-infizierten Menschen arbeitet, kann sich dort viel kritischer äußern, als ich es heute könnte.“

Zum Abschluss stelle ich dann lieber noch eine leichtere Frage: nach dem Weihnachtsmenü à la Serfontein. „Typisch deutsch“ mit Gans und Rotkohl oder südafrikanisch? „Weder noch“, kommt die lachende Antwort. „Es gibt Lamm.“ Ihr Mann sei ohnehin der bessere Koch. Und was typisch südafrikanische Küche angeht: vor einigen Wochen hat Anli zum ersten Mal in ihrem Leben Springbock gegessen – in der Mensa der Universität Trier. Südafrika und Deutschland kommen sind also durchaus kompatibel.

Basteln, Wandern and Putzen: From South Africa to Trier ist erhältlich bei der Buchhandlung Stephanus und über Amazon.  ISBN: 978-3-8370-6216-8, PB, 224 S., 14.90€

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