Buntes: Freiwilligendienst als Wegweiser und besondere Erfahrung

Nach Anlauf des derzeitigen Semesters und Ausbildungsjahres hofft die Bundesregierung auf einen erneuten Zuwachs an Bewerbern für Bundes- und Jugendfreiwilligendienste, die eine Wartezeit überbrücken können und den Teilnehmern eine berufliche Orientierungsmöglichkeit bieten. 5vier sprach mit zwei Absolventen über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Freiwilligendienst.

Der seit der Abschaffung der Wehrpflicht eingeführte Bundesfreiwilligendienst (BFD) konnte bisher den weggefallenen Zivildienst nur spärlich ersetzten. Das Bundesfamilienministerium rechnete im Herbst mit einer ansteigenden Nachfrage an Arbeitsstellen, da viele angehende Studenten Wartesemester und andere Schulabsolventen die Zeit bis Ausbildungsbeginn überbrücken mussten. Der Bundesfreiwilligendienst ergänzt den namenhaften Jugendfreiwilligendienst, auch bekannt als Freiwilliges Soziales Jahr (FsJ) oder Freiwilliges ökologische Jahr (FöJ). Beides kann sich der Teilnehmer als Wartesemester oder Praktikum anrechnen lassen.

Der Rahmen des Freiwilligendienstes

Während das FsJ und FöJ nur junge Erwachsene bis zum Alter von 27 Jahren anspricht, ist die Altersgrenze des Bundesfreiwilligendienstes nach oben offen. Die Idee der Förderung des bürgerschaftlichen Engagements ist aber die selbe. Sowohl FsJ als auch der BFD sollen der Anteilnahme und dem Mitwirken in sozialen, ökologischen und kulturellen Bereichen nutzen und Wegbereiter für das lebenslange Lernen sein.

In der Regel dauert der Freiwilligendienst zwölf Monate, mindestens aber sechs um anerkannt zu werden. Die Arbeit erfolgt überwiegend in Vollzeit, kann aber auch in Ausnahmefällen als Teilzeitdienst geregelt werden. Neben der Arbeitszeit besuchen die Teilnehmer insgesamt 25 Seminarstunden, in denen fachliche Kompetenzen und politische Bildung vermittelt werden sollen.

Die Arbeitszeit wird mit einem „Taschengeld“ vergütet welches Verpflegung und Unterkunft decken soll. Ergänzend kann der Dienstleistender Wohngeld, Kindergeld oder in einzelnen Fällen Hartz IV beantragen. Rechtliche Regelungen dazu finden sich im Bundes- und Jugendfreiwilligendienstegesetz.

Seit 2002 erweiterte sich das Feld des Freiwilligen sozialen Jahres um kulturelle, ökologische sportliche Bereiche und darüber hinaus auch um den Bereich der Denkmalpflege. Der Bundesfreiwilligendienst umfasst ebenfalls all diese Zweige.

Erfahrungen aus einem FsJ im ökologischen Bereich

Eine ehemalige FöJ’lerin beleuchtet ihre Erfahrung des eher unbekannteren Dienstfeldes in der Freiwilligenarbeit, das freiwillige ökologische Jahr:

„Nach der Schule wollte ich erst einmal etwas Praktisches machen und Erfahrungen sammeln, da bin ich per Zufall auf das FÖJ gestoßen.“ Die Stelle in einem Forstamt erschien Anne K. als anreizend, denn dort wurden zum einem praktische Aufgaben erledigt, zum anderem lernte sie auch die anfallenden Büroarbeiten im Forstamt kennen. Darüber hinaus erfuhr sie viel über Umweltbildung (in Form der Wald-AG in einer Ganztagsschule, Planen von Lagerfahrten etc.).“ So hatte ich z.B. die Möglichkeit, an der Seite eines Försters sowie Waldarbeiters mich neuen ungewohnten Aufgaben zu stellen wie Markieren der Bäume, Verbisschutz an Bäumen anbringen, Bäume pflanzen, ich habe einen Imkerkurs besucht, Amphibienschutzzäune begutachtet und gewartet, einen Motorsägenführerschein gemacht, gelernt wie man Obstbäume richtig schneidet und und und.“

„Diese Liste stellt nur einen Bruchteil der eigentlichen anfallenden Arbeiten dar, aber man sieht bereits wie vielseitig so ein Freiwilligendienst sein kann. Nebenbei finden über das Jahr verteilt insgesamt fünf Seminare unter unterschiedlichen Fragestellungen statt. Diese waren informativ, man erhielt Hintergundwissen über das Thema Energie und Ernährung, zudem konnte man aber auch andere FÖJ’ler kennenlernen um sich mit ihnen austauschen. Ein besonderes Highlight war die einwöchige Segelfahrt auf der Ostsee. Es war immer Raum, sowohl in den Seminaren als auch in der sogenannten Einsatzstelle, um eigene Projekte zu verwirklichen. Heute kann ich zurückblickend sagen, dieses Jahr war bisher das vielfältigste,spannendste und interessanteste Jahr in meinem Leben. Es ermöglichte mir mich selbst auszuprobieren und neue persönliche Grenzen zu entdecken, und natürlich nicht zu vergessen, mich auch orientieren zu können.“

Werdegang einer FsJ’lerin

Weitaus bekannter als die Zweige Ökologie, Kultur, Sport und Denkmalpflege ist der Bereich des sozialen Freiwilligendienstes. Hierzu erzählte uns die heutige Erzieher Christina J. ihre persönliche Entwicklung innerhalb des Freiwilligen sozialen Jahres: „Als ich 17 Jahre alt war hatte ich inzwischen eine Klasse wiederholt und um unvorbelastet mein Abitur anzugehen, einen Schulwechsel hinter mir. Trotzdem fehlte mir jegliche Perspektive. Wofür braucht man schon ein Abi? Auf Grund mangelnder Motivation erzielte ich dementsprechende Noten und der Frust wuchs und wuchs… Zu meinem 18. Geburtstag machte ich mir somit ein vermeidliches „Geschenk“ indem ich mich einfach von der Schule abmeldete. Und nun? Kopflos und ohne eine Idee, was ich nun machen sollte, entschied ich mich dafür ein Freiwilliges Soziales Jahr zu machen. Besser, als rumzuhängen, dachte ich. Was dieses Jahr letztendlich für mich bedeuten würde, weiß ich jetzt.“

„Ich leistete mein Jahr in einem Wohnheim für beeinträchtigte Erwachsene ab. Vor allem beinhaltete die Arbeit die Strukturierung und Aufrechterhaltung eines stabilen Tagesablaufes für die Menschen, die dort wohnen. Außerdem begleitet man sie zu sämtlichen Arztterminen, koordinierte und übernahm viele administratorische Aufgaben und unterstützt sie in sämtlichen alltagspraktischen Belangen. Klar musste ich auch Dinge tun, die mich an meine Grenzen zu bringen schienen. So gibt es für mich schon schönere Vorstellungen als ältere Menschen zu waschen oder ihnen die Zähne zu putzen. Aber ich glaube, oft unterschätzt man sein Entwicklungspotential und reift vor allem an Dingen, die zu Beginn undenkbar erscheinen. Das Taschengeld, dass ich damals verdiente war für mich eine kleine Entschädigung.“

„Während der fünf Seminare lernte ich viele verschiedene Menschen kennen und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, nicht alleine zu sein, mit meinem Entschluss gegen die Erwartungen der Eltern oder Lehrer entschieden zu haben, als ich die Schule abbrach und ein FSJ absolvierte. Gerade während der Seminare profitierte ich unheimlich von den Erfahrungen anderer FSJ’ler und konnte auch meine nützlich einbringen. Endlich befasste ich mich mit Theorie, die ich in Praxis umsetzen konnte und stellte mir nicht mehr die Frage, ob ich Binomische Formeln eigentlich zum Einkauf benötige.“

Das FsJ – eine Orientierungsmöglichkeit

„Das Freiwillige Soziale Jahr gab mir eine Orientierung und im Laufe des Jahres eröffneten sich mir immer mehr Perspektiven. Letztendlich entschied ich mich dazu, weiterhin im sozialen Bereich arbeiten zu wollen und absolvierte die Ausbildung zur Erzieherin. Und siehe da… mit einer Perspektive und der nötigen Motivation waren schlechte Noten Geschichte.“

„Meine Ausbildung ist nun schon einige Jahre her und nach wie vor arbeite ich als Erzieherin in einer Jugendhilfeeinrichtung, habe zusätzliche Qualifikationen durch Fortbildungen erworben und mein Weiterbildungswille ist noch lange nicht gestillt. Ich könnte mir für mich keinen besseren Beruf vorstellen und bin im Nachhinein unendlich froh darüber mit 17 Jahren eine vielleicht kopflose und nicht nachvollziehbare Entscheidung getroffen zu haben.“

Wenn Ihr euch über die Erfahrungsberichte hinaus über den Freiwilligendienst informieren möchtet, besucht einfach mal die Homepage des Bundesfreiwilligendienstes, der sozialen Lerndienste des Bistums oder der Jugend Trier.

Rechtliches zu Bundes- und Jugendfreiwilligendienst findet Ihr unter Gesetze-im-Internet/bundesrecht/bfdg und unter Gesetze-im-Internet.de/bundesrecht/jfdg.

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