Der nackte Wahnsinn – Premiere im Theater Trier

Zwar nicht nackt, aber urkomisch!

Am Samstag, den 28. September gab es die zweite Premiere für die laufende Woche: Die Komödie Der nackte Wahnsinn. Regie in dem turbulenten Stück führte Caroline Stolz, das Bühnenbild stammt von Jan-Hendrik Neidert, die beide das erste Mal in Trier arbeiten. 5vier.de war vor Ort…

Ganz toll: Alina Wolff
Ganz toll: Alina Wolff

Unter normalen Umständen wäre diese Inszenierung eine reine Katastropheninszenierung gewesen: Fast jeder Einsatz wird verpatzt, Gänge werden nicht richtig durchgeführt, geschweige denn in der gewünschten Reihenfolge. Requisiten bleiben stehen und sorgen in den nächsten Szenen für Verwirrung oder werden unverhofft mitgenommen und fehlen dann in den entscheidenden Momenten. Dazu werden Eifersüchteleien und Konkurrenzdenken verdeckt hinter oder offen auf der Bühne ausgetragen. Regisseur und Intendant würden die Hände überm Kopf zusammenschlagen und den letzten Vorhang fallen lassen, um sicherzugehen, den eisernen gleich mit.

Detailreich…

Doch nicht hier, handelt es sich bei Michael Frayns Der nackte Wahnsinn doch um ein Stück im Stück. Ist also alles nur gespielt, eine Komödie eben. Man sieht eine Schauspieltruppe in der Endprobenphase ihres neuen Tourstückes, besser gesagt in der Generalprobe. Gut, dass es Glück bringt, wenn in der Generalprobe so einiges schief geht, denn hier geht so einiges schief. Dotty, die die Haushälterin Misses Clacket spielt, kriegt das mit den Sardinen und dem Telefon einfach nicht hin. Dabei sind die doch so immens wichtig für den Fortgang des Stückes, welches man gerade einstudiert, denn sobald Dotty, alias Angelika Schmid, abgeht, betreten auch schon Roger Tramplemain, alias „Schauspieler“ Garry Lejeune, alias Jan Brunhoeber, und seine neue Eroberung Vicki, alias „Schauspielerin“ Brooke Ashton, alias Alina Wolff, das Haus.

DerNackteWahnsinn_3_bearbeitetDie lassen Sardinen, Telefon und Zeitung mal ausnahmsweise unangerührt und verschwinden lieber gleich im Schlafzimmer, nur damit im darauffolgenden Moment das nächste liebestolle Paar hereinstürmt: Die Figuren Philip und Flavia Brent, dargestellt von den „Schauspielern“ Frederick Fellowes und Belinda Blair, gespielt von Klaus-Michael Nix und Barbara Ullmann. Und dann gibt es da noch den Einbrecher, der ein kleines Problem mit den Einsätzen hat und gespielt wird vom „Schauspieler“ Selsdon Mowbray, der ein kleines Problem mit dem Alkohol hat.

In Trier werden die beiden wiederum gespielt von Manfred-Paul Hänig, der weder mit Text noch mit Spiel ein Problem hat. Göttergleich thront über allem der Regisseur Lloyd Dallas (Peter Singer) und lässt mit donnernder Stimme die Puppen tanzen. Seine rechte Hand und mehr als das: Regie-Assistentin Poppy (Friederike Majerczyk) und der Mann für alle Zwecke: Inspizient Tim (Tim Olrik Stöneberg).

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…intelligent…

Schauspieler also, die die Rolle von Schauspielern spielen, die gerade eine Rolle spielen. Klingt verwirrend, ist es aber nicht. Im Gegenteil, es präsentiert sich ein rasantes, munter fröhliches Spiel, in dem das Fach sich selbst in einem grellen, amüsanten Licht beleuchtet. Dabei ist jedes Detail ein Sahnebonbon. Angefangen bei den Schauspielern, von denen jeder seine Rolle(n) so perfekt und minutiös, dabei unangestrengt und ganz „natürlich“ spielt, dass man sich kaum entscheiden kann, wem man nun zuschauen soll. Dem herrlich unsicheren Frederick, alias Klaus-Michael Nix oder der verhuschten Dotty, alias Angelika Schmid? Der vorwitzigen, ehrgeizigen Belinda, gespielt von Barbara Ullmann oder dem schwerhörigen und schwergängigen Selsdon, gespielt von Manfred-Paul Hänig? Oder doch lieber Garry (Jan Brunhoeber), der sich genauso schnell einschleimt, wie er eben noch in die Luft gegangen ist? Oder der wunderbar naiven, nach Uhrwerk spielenden Brooke (Alina Wolff)?

Die Auswahl fällt unter so vielen hervorragenden Schauspielern wirklich schwer. Ins Auge fällt, nicht nur wegen ihres knappen Kostüms, welches meist nur aus Unterwäsche besteht, Alina Wolff. Für sie ist die Rolle der Brooke nahezu perfekt, mit viel Spielfreude und Detailverliebtheit kann sie sich ganz dem Moment hingeben. In aller Seelenruhe minutenlang Sprechübungen machen und einzelne Gesten einpauken, dabei bleibt sie so in sich versunken, dass es fast etwas Meditatives hat, ihr zu zuschauen. Auch Neuzugang Friederike Majerczyk beweist sich zwischen eingespielten Kollegen, als dauergestresste Regieassistentin wirbelt sie über die Bühne, gibt Einsätze, kocht „Käffchen“, schubst mal eben auf die Bühne, um den Einsatz zu retten oder schickt den kostümierten Inspizienten (Tim Olrik Stöneberg), um den gestürzten Schauspieler zu ersetzen.

…witzig!

Guter Neuzugang: Friederike Majerczyk
Guter Neuzugang: Friederike Majerczyk

Wer so viel Gutes aus seinen Schauspielern herauslocken kann, muss natürlich auch eine gute Show abliefern können. Regisseurin Caroline Stolz ist zum ersten Mal in Trier und zeigt hier ordentlich, was sie kann und vor allem, dass sie wert wäre, noch einmal engagiert zu werden. Minutiös inszeniert sie, lässt sich immer wieder was Neues einfallen, verleiht auch einer rasanten Komödie den „nötigen“ Tiefgang. Keine der neun Figuren hat dabei ein Nachsehen oder gelangt ins Hintertreffen. Es ist die Entscheidung des Zuschauers, wo er gerade hinschaut; aber was zum Gucken gibt’s immer.

Die vielseitig einsetzbare, funktionale und doch stimmungsvolle Ausstattung Jan-Hendrik Neiderts tut da ihr Übriges, um die Inszenierung zu dem Schmankerl zu machen, die sie ist. Die Bühne auf der Bühne, zusammen mit den Kostümen transportieren eine 50er Jahre Film Atmosphäre, mit lustigen Verwirrspielen und drolligen Situationslachern. Ein schönes Beispiel: Das Sardinen-und-Beutel-Verschwinde-und-Auftauch-Spiel oder, dass Philipp seine Mahnbescheide von der Steuer nicht mehr aus den Händen lassen kann; weil er sich an ihnen festgeklebt hat.

Fazit: Diese Inszenierung macht einfach Spaß. Sie ist detailreich, mit viel Freude und Geist inszeniert. Mit tollen Schauspielern, die alles aus sich herausholen und, zusammen und einzeln, eine tolle Show abliefern. Ganz großes Kino. Eine erwachsene Komödie, ohne Hektik und Fremdschämen, trotzdem rasant und aktionsreich. Unbedingt ansehen!

Fotos: Theater Trier

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