„Der Wildschütz“ in Trier: Typen ernst nehmen – Vorschau zur Theater-Premiere

Gespräch mit Regisseur Matthias Kaiser

Am Samstag, 15. Februar, wird die Oper „Der Wildschütz“ Premiere im Theater Trier haben. Regie führt dabei Matthias Kaiser, Operndirektor am Theater Ulm. 5vier.de-Redakteurin Stefanie Braun traf sich vorab mit ihm zum Gespräch.

Graf und Gräfin haben schon lange nichts mehr miteinander. Statt Liebesgeflüster herrscht im Bett nur gähnende Langeweile, zumindest miteinander. Denn Graf und Gräfin haben ein Abkommen getroffen: sie bleiben, wie standesgemäß üblich, miteinander verheiratet, aber sie haben nichts dagegen, wenn sich der jeweils andere etwas anderes sucht. Eine kleine Nebenbeschäftigung zum tristen Ehe-Alltagsgeschäft sozusagen. Dass sie dabei schon ein wenig aus der Übung gekommen sind, sich gnadenlos blamieren und noch eine rasante Verwechselung entsteht, tut dem komödiantischen Anteil dieser Oper keinen Abbruch.

Matthias Kaiser_Interview
Matthias Kaiser

Im Gegenteil: Die Oper „Der Wildschütz“ lebt gerade von diesen Elementen. Die lockerleichte, frohsinnige Musik von Komponist Albert Lortzing schafft die richtige Atmosphäre, nur die Texte kommen heutzutage etwas eingestaubt daher. Damit man den Witz nicht ganz so arg suchen gehen muss, hat Regisseur Matthias Kaiser den Texten aus dem Jahre 1842 auf die Sprünge geholfen. Kurzum hat er die alten Textpassagen gestrichen und sinngemäß in eine etwas moderne Sprache übersetzt. „Es gibt nur einen Grund, warum man ein solches Stück aufführt: um Spaß zu haben. Das Publikum soll Spaß haben und die Beteiligten auch.“ so Kaiser im Interview. „Dabei kann Spaß natürlich verschiedene Quellen haben, hier haben wir ein großes satirisches Potential. Es wird sich lustig gemacht, über die Doppelmoral und Bitgotterie der feinen Gesellschaft.“ Ein Witz, der niemals alt wird und den Kern der Inszenierung für Kaiser ausmacht.

Witz, komm raus

Den Witz in der Handlung bringt dabei die Verwechselung auf der Bühne, ein nettes Theatermittel, laut Kaiser. „Es ist wie eine Maske, die jemand trägt, obwohl man weiß, wer unter der Maske steckt. Man kann die Maske nutzen, als Alibi, um mal nicht so zu handeln, wie man es eigentlich sollte. Allerdings benutze ich das sehr augenzwinkernd.“ Darin liegt der Trick der Komödie, der Zuschauer weiß mehr als die Figuren auf der Bühne. Kaiser greift ganz natürlich auf dieses Mittel zurück, ohne es dabei allzu ernst zu nehmen; was er jedoch ernst nimmt, sind die Sorgen und Nöte der Figuren auf der Bühne: „Diese Figuren werden von ihrer Liebe und ihren Gelüsten getrieben, das nehme ich sehr ernst, was ich auch tun muss, um überhaupt komisch sein zu können.“ Kaiser glaubt den Figuren ihre Sorgen und Nöte; den Herren, wie den Damen, die ebenfalls nicht unaktiv sind.

Des Kaisers letzte Inszenierung in Trier: "Peter Grimes"
Des Kaisers letzte Inszenierung in Trier: „Peter Grimes“

Komponist Lortzing nimmt die Doppelmoral der biedermeierlichen Gesellschaft aufs Korn: „Tagsüber das „Rühr mich nicht an“ spielen, aber sobald das Licht ausgeht…“ Dies alles geschieht in der Zweideutigkeit und den Andeutungen der Zeit. Was man auf der Bühne sieht sind Archetypen, die immer funktionieren. Der Graf ist ein hoffnungsloser Schwerenöter, hoffnungslos auch im Sinne von erfolglos, denn seine Flirt- und Eroberungsversuche machen ihn regelmäßig zum Gespött. Die Gräfin ist eine (erotisch) unterforderte Frau, die ihre Liebesflaute mit Halbwissen zu überspielen versucht. Statt Liebeserfahrungen sammelt sie lieber Kenntnisse über die Antike, wenn auch ebenfalls nicht besonders erfolgreich. „Gerade diese Figuren, die sich eigentlich als unangreifbar, weil die besten und treusten unter ihresgleichen hinstellen, blamieren sich in einer Tour. Die Doppelmoral, die dahinter steht, soll entlarvt werden. Auf komödiantische Weise. In gewisser Weise ist es auch ein Stück über Wahrheit.“

Ist eine erotisch angehauchte Komödie in heutiger Zeit überhaupt noch anschaubar? Oder entsteht die Komik eher unfreiwillig, durch die heute fast niedlich wirkenden Eskapaden? Zündet das noch? Laut Matthias Kaiser, ja! „Es geht eben nicht nur um die nackten Tatsachen, sondern auch um jede Menge Humor dabei. Die Herausforderung liegt nicht darin, die Leute mit Erotik hinterm Ofen hervor zu locken, sondern damit, dass es was zu lachen dabei gibt.“

5vier.de dankt Matthias Kaiser für das schöne Interview und wünscht allen Beteiligten für die kommende Premiere Toi Toi Toi.

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