Die politischen Oscars 2017 – Dauerfeuer auf Washington

Von Donald Trump, Matt Damon und Oscar-Pannen...

Der glamouröse Höhepunkt der diesjährigen Film-Award-Season ist dieses Jahr vor allem eines: politisch!
Trier / Hollywood. Schon im Intro macht Late-Night-Talker und diesjähriger Oscar-Host klar, dass es dieses Jahr neben Matt Damon in Hollywood vor allem ein Gesprächsthema gibt: US-Präsident Donald Trump. Während der begehrteste Filmpreis der Welt letztes Jahr selbst im Zentrum der Kritik stand für die als rassistisch empfundene Auswahl der Nominierten, kann man sich 2017 mit einer deutlich durchmischteren Auswahl zurücklehnen und reinen Gewissens Richtung Ostküste schießen.

Die US-Westküste und vor allem das künstlerische Hollywood gilt seit jeher als liberale Hochburg, in der konservative Politik wenig Chance hat. Dementsprechend eindeutig ist die Positionierung gegen die erst 4 Wochen alte Politik des amtierenden US-Präsidenten. Frühe Standing Ovations und tosenden Applaus gibt es gar für die Anspielung auf die 20. Oscar-Nominierung von Meryl Streep. Die hatte bei den vergangenen Golden Globes scharf gegen Donald Trump geschossen…

….und bekam prompt die Antwort von Donald Trump – wie es sich für einen US-Präsidenten gehört – via Twitter.

 

Heute Nacht ist überdeutlich: Hollywood steht hinter Meryl Streep und ihrer angeblich mittelmäßigen Arbeit, die ihr neben der Rekord-Anzahl an Nominierungen auch dreimal die tatsächliche Trophäe einbrachte. Und Hollywood steht nach dem Krisenjahr 2016 dieses Mal deutlich hinter der multikulturellen Zusammensetzung im Dolby Theatre in Los Angeles und ist stolz auf das, was die Amerikaner „diversity“ nennen: „Vielfalt“.

Auch wenn Moderator Kimmel stellenweise scharf schießt, bleibt die Kritik größtenteils politisch absolut korrekt. Wie die letzten Wochen bewiesen haben, kann aber auch das schon genügen, um den Zorn des weißen Hauses auf sich zu ziehen. Kimmel sorgt an der Stelle schonmal vor und schickt gleich zu Beginn alle Reporter der „L.A. Times“, der „New York Times“ und generell aller Zeitungen, die auf „Times“ enden aus dem Gala-Saal.

Gar nicht erst im Dolby Theatre aufgetaucht ist der iranische „The Salesman“-Regisseur Asghar Farhadi, der damit gegen den kontrovers diskutierten Muslim Ban protestiert und ein kurzes Statement vorlesen lässt. So geht der deutsche Beitrag „Toni Erdmann“ wie befürchtet leer aus, um den politischen Standpunkt der Verleihung mit der Wahl eines iranischen Films deutlich zu untermauern.

Um das Polit-Bashing nicht zu übertreiben, wird die akribisch durchgeplante Show mit einer Bus-Ladung Touristen aufgelockert, die völlig unvorbereitet von Kimmel durch den Saal geleitet werden und eigentlich gedacht haben, sie bekämen eine Auswahl an Oscar-Kleidern zu sehen. Stattdessen geht es den Selfie-Stick schwingend vorbei an dutzenden Hollywood-Stars, u.a. auch Meryl Streep. Kimmel stellt unbeeindruckt vor: „That’s Meryl Streep….overrated“ und empfiehlt den „Jerk behind her“ doch bitte zu ignorieren: Matt Damon. Er ist der einzige, der an diesem Abend das Schicksal von Trump teilt…aus völlig nachvollziehbaren Gründen:

Zwischen Polit-Kritik, Hollywood-Tour-Pranks und alten Insider-Gags treten die Filme dieses Jahr fast völlig in den Hintergrund. Angesichts immer weiter sinkender Quoten aufgrund der bieder abgearbeiteten Award-Show wirkt die heutige Oscar-Nacht wie ein Umschwung zu mehr Relevanz und weniger glamouröser Selbstbeweihräucherung. Wer auf eine unpolitische Preisverleihung klassischen Formats gehofft hatte, wird zumindest in Teilen enttäuscht. Kimmel taucht öfter auf als die Hosts der letzten Jahre und positioniert sich als Medien-affiner Multimedia-Moderator, der mitten in der Show entsetzt feststellt, dass der US-Präsident noch nicht einmal über die laufende Show getwittert hat und daher prompt einen Tweet Richtung Donald Trump schickt inklusive dem Hashtag „#merylsayshi“.

Wenige Kategorien später, flaniert Kimmel routiniert moderierend am Publikum entlang und stolpert über das ausgestreckte Bein von…na von wem wohl? Wann immer sich zu viel Politik oder Show-Routine einschleicht, darf der interaktive Kleinkrieg zwischen Kimmel und Damon als abfedernder Puffer herhalten. Und wenn Jennifer Aniston mit beinahe Tränen-erstickter Stimme das „In Memoriam“-Interlude ankündigt und dabei den erst gestern verstorbenen Schauspieler-Kollegen Bill Paxton erwähnt, findet auch der wirklich emotionale Moment seinen Weg in die Show. Zum ersten Mal wirken die Oscars fast filmreif, zwar nach wie vor straff durchstrukturiert, aber mit allen Elementen, die auch einen guten Film ausmachen.

Am Ende zählen aber bei aller Inszenierung und politischer Positionierung natürlich trotzdem die Auszeichnungen:

Bester Filmsong: „City of Stars“ aus „La La Land“

Beste Filmmusik: Justin Hurwitz für „La La Land“

Beste Kamera: Linus Sandgren für „La La Land“

Bester Kurzfilm: „Sing“

Bester Dokumentar-Kurzfilm: „The White Helmets“

Bester Schnitt: John Gilbert für „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“

Beste visuelle Effekte: Robert Legato, Adam Valdez, Andrew R. Jones und Dan Lemmon für „Das Dschungelbuch“

Bestes Szenenbild: David Wasco und Sandy Reynolds-Wasco für „La La Land“

Bester Animationsfilm: „Zoomania“

Bester animierter Kurzfilm: „Piper“

Bester fremdsprachiger Film: „The Salesman“ (Iran, Regie Asghar Farhadi)

Beste Nebendarstellerin: Viola Davis in „Fences“

Bester Ton: Kevin O‘ Connell, Andy Wright, Robert Mackenzie und Peter Grace für „Hacksaw Ridge“

Bester Tonschnitt: Sylvain Bellemare für „Arrival“

Bester Dokumentarfilm: „O.J.: Made in America“

Bestes Kostümdesign: Colleen Atwood für „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“

Bestes Make-Up und beste Frisuren: Alessandro Bertolazzi, Giorgio Gregorini und Christopher Nelson für „Suicide Squad“

Bester Nebendarsteller: Mahershala Ali in „Moonlight“

Bestes Original-Drehbuch: Kennetz Lonergan für „Manchester by the Sea“

Bestes adaptiertes Drehbuch: Barry Jenkins und Tarell Alvin McCraney für „Moonlight“

Beste Regie: Damien Chazelle für „La La Land“

Bester Darsteller: Casey Affleck für „Manchester by the Sea“

Beste Darstellerin: Emma Stone für „La La Land“

Vor der Verleihung des Oscars für den besten Film, stellt Jimmy Kimmel nochmal klar, dass nun der wichtigste Moment der Show für ihn gekommen ist, da er Zeuge werden kann, wie Matt Damon (der „Manchester by the Sea“ produziert hat) keinen Oscar gewinnt. Ein letzter Lacher vor der finalen Entscheidung, der wichtigsten Kategorie:

Bester Film: „La La Land“

….und dann endet der Abend mit einer Panne, die sich gewaschen hat. Im Umschlag steckt der falsche Zettel. Die „La La Land“-Crew hat bereits ihre Dankesreden gehalten, da wird der Fehler aufgeklärt und „Moonlight“ gewinnt nachträglich die begehrteste Trophäe des Abends und die „La La Land“-Crew muss die Bühne ohne Oscar verlassen und das „Moonlight“-Team darf ihre Dankesreden auch noch halten.

 Damit schließt die 89ste Oscar-Verleihung mit sechs statt sieben Trophäen für „La La Land“, der mit doppelt so vielen Nominierungen ins Rennen gegangen ist. Letztendlich gibt es dafür an diesem Abend wohl nur einen Schuldigen: Danke, Matt Damon!

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