Einmal Peking und zurück

Einmal in die Ferne schweifen – aber so richtig. Wie ein deutscher Student im chinesischen Alltag verloren geht.

Während sanft die ersten Sonnenstrahlen des Tages über die vergoldeten Dächer der Verbotenen Stadt gleiten, betritt der Kaiser den gewaltigen Innenhof seinen Palastes. Das Rascheln von tausenden Dienern, die sich zu Boden werfen, erfüllt die Luft und Stolz blickt der Herrscher auf seine loyalen Untertanen.

leuchtende Schriftzeichen und Menschenmassen in der Nacht
China am Nationalfeiertag

„Next!“

Abrupt endet die schöne Illusion, als der Fotograph den nächsten Kunden ruft und meine zu kurze Zeit als Kaiser von China beendet ist. Peking heute – der Glanz des einst so mächtigen Kaiserreiches mag verblasst sein, doch während ich mit meinem neuen Souvenir durch abertausende Touristen  hindurch die Palastanlage verlasse, komme ich nicht umhin mich zu fragen: „Hat sich wirklich so viel verändert?“

Aufbruch in eine andere Welt

Als junger Mann, gerade mal 21 Lenze alt, zog es mich in die große Welt hinaus. Die Ausbildung beendet, den Lohn von vielen Jahren harter Arbeit in der Tasche und begierig neue Abenteuer zu erleben. So startete ich damals eine Reise, die mein ganzes Leben verändern sollte.

leuchtende Lichter um einen See
See in Peking bei Nacht

Während andere lieber ihr Geld am Ballermann verprassten oder sich schicke neue Autos kauften, zog es mich in die Ferne. Und was könnte für einen typischen Deutschen exotischer und ferner sein als das Reich der Mitte? Land der Seide und olympischer Kunstturner, Heimat von Jackie Chan, Jet Li und dem berühmten Sack Reis, der immer dann umzufallen scheint, wenn es anderswo nichts interessantes zu berichten gibt.

„Lutz, das wird ein ganz abgefahrenes Jahr.“ Mit diesem Gedanken und einem Rucksack voll Kleidung saß ich nun also im Flieger Richtung Peking und lernte aus einer Infobroschüre mein erstes chinesisches Wort: „Nihao“. Gut, nun konnte ich immerhin schonmal „Hallo“ sagen – und wer konnte ahnen, dass dieses kleine Wörtchen mir mehr als nur einmal Tür und Tor zu einer Welt, wie sie der durchschnittliche Tourist nie erfahren wird, öffnen würde.

Was erwartet man als junger Mensch von China? Während in den westlichen Medien Chinas Wirtschaftsstärke als wachsende Bedrohnung propagiert wird und sich Schlagzeilen à la „Die gelben Spione“ oder „Die gelbe Gefahr“ in den Köpfen der Menschen festsetzen, muss ich gestehen, dass auch ich damals nicht ohne Vorurteile das Flugzeug verließ.

Vorurteile und Bilder zwischen wahr und falsch

Brücke über einen Fluss
Brücke in China

Chinesen sind alle klein, gelb und haben schwarze Haare! So beschreibt wohl jeder Europäer die chinesische Statur, und was soll man sagen? Es stimmt! Fühlte ich mich im Flieger noch als Zugehöriger einer Minderheit in diesem Land, so wurde mir schnell bewußt, dass ich doch eher als Exot unterwegs war. Groß gewachsen, helles blondes Haar und blaue Augen… hier trafen zwei Klischees aufeinander und rangen um Wahrheit.

Gleich am Flughafen erlebte ich diesbezüglich die erste Überraschung. Nach einer sehr ausführlichen Passkontrolle und dem Kampf ums Gepäck, erhaschte ich einen Blick auf eine mir sehr fremdartige Erscheinung. Drei Chinesinnen, in sündhaft teure Kleider gehüllt, die mich allesamt um mindestens eine Kopflänge überragten! So war also meine erste chinesische Erfahrung, die Begegnung mit dem hiesigen Schönheitsideal. Groß, schlank, weiße Haut. Was für ein Start!

Als Tourist mag es vielleicht nicht auffallen, aber als Gast, der länger zu bleiben vermag, merkt man schnell das man in China mit Englisch nicht sehr weit kommt. Während in den bekannten Großstädten wie Shanghai und Peking (Hong Kong bildet hier aufgrund der langen britischen Kolonialherrschaft eine Ausnahme) zumindest ein rudimentäres Englisch in der Bevölkerung vorhanden ist, schwinden die Möglichkeiten der Konversation mit jedem Schritt, den man sich von den Städten entfernt.

lange Treppe, die zu einem typisch chinesischen roten Tempel führt
Chinesischer Tempel

Dabei ist gerade dies der Reiz an China. Großstädte sehen mehr oder weniger auf dem ganzen Planeten gleich aus. Es gibt arme und reiche Bürger, Finanz- und Wirtschaftsviertel und irgendwo auch immer eines, das für reichlich nächtliche Unterhaltung sorgt.

Aber wo, außer in China, kann man schon ein Jahrhunderte altes Shaolin-Kloster besichtigen? Oder riesige Reisterassen die sich über Kilometer erstecken, Pagoden die sich in eindrucksvollen Tempelanlagen in den Himmel bohren und eine Landbevölkerung, die trotz ihrer Armut dem westlichen Reisenden Unterschlupf und Verpflegung für die Nacht gewährt.

„Nihao“: Ein Wort öffnet den Zugang zu den Menschen

Es mag seltsam erscheinen, aber ein einfaches „Nihao“ zaubert Lächeln auf Gesichter. Es zeigt, dass man sich zumindest ansatzweise für die chinesische Sprache und Kultur interessiert und ist obendrein schon fast ein sicherer Garant dafür, in sehr vielen chinesischen Fotoalben zu landen.

Dach eines Gebäudes, mit Lichterketten versehen
Erleuchtetes Gebäude am Nationalfeiertag

Ich weiß es nicht wie oft, aber allein am Abend des 1. Oktober, dem Beginn des dreitägigen Nationalfeiertages, lächtelte ich in zig Kameras, posierte mit etlichen Fremden für die Familie daheim oder wurde nur schüchtern und schnell von der Seite geknipst. Was wohl Mao dazu sagen würde? Sein Porträt ist es, dass nun gewaltig und eindrucksvoll über dem Eingang zur Verbotenen Stadt thront. Der „große Führer“ der Chinesischen Kommunistischen Partei, dessen Ansehen zwar mit der Öffnung Chinas dem Westen gegenüber gelitten hat, aber dennoch omnipräsent im Alltag  der 1,3 Milliarden Chinesen vorhanden ist.

großes, mehrstöckiges Gebäude auf einem Berg
Pagode in den chinesischen Wäldern

Ich empfand dieses Jahr als eine Zeit der Freunde und Entdeckung. Nachdem der erste Kulturschock überwunden war, gab es so vieles zu sehen. Gesalzene rohe Schweineohren, die, wenn man nicht aufpasst, aus Jux, ahnungslosen westlichen Touristen als Vorspeise serviert werden, militärische Wachmannschaften auf öffentlichen Plätzen, KungFu Schulen, die Tausende von Schülern beherbergen, Menschenmassen, die an einen Ozean aus schwarz behaarten Köpfen erinnern, Rentner, die abends in den zahlreichen Parks und auf Grünflächen tanzen, Tai-Chi praktizieren oder Brettspiele spielen, Badehäuser, Teehäuser, exotische Speisen und Getränke, die ganz außergewöhnlich gut schmecken, Reklametafeln, die so grell leuchten, dass man Nachts eigentlich keine Straßenbeleuchtung bräuchte und Straßenkreuzungen, die man aus Selbstschutz am besten nur in einem Panzer überqueren sollte.

Eine Liste, die ich endlos fortführen könnte, doch ganz besonders habe ich eines in Erinnerung: Ich habe entdeckt, dass ich selbst zu einem Teil Chinas geworden bin. Man kann über China vieles behaupten und nicht jeder ist mit seiner Politik einverstanden, doch wer einmal dort gewesen ist, der wird sich daran im Guten wie im Schlechten, sein ganzes Leben lang erinnern.

China, ein Land der Kontroversen und gespaltener Gemüter, doch sicherlich kein Land, welches in Vergessenheit geraten wird.

In diesem Sinne, „Zaijian“ und „Auf Wiedersehen“, Reich der Mitte.

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Kommentare (3)

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  1. Frank sagt:

    @Kraus
    Man könnte meinen du redest über Deutschland. Ich war auch mal in China, vielleicht solltest du auch mal hin fahren, dann könntet du mitreden. Das ist wirklich ein tolles Land mit sehr herzlichen und freundlichen Menschen.

  2. GKraus sagt:

    Da ist selbst der Katalog von Neckermann kritischer. Ein schöner Werbeartikel für ein Land, in dem Hinrichtungen an der Tagesordnung sind, in dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden, mit Zwangsumsiedlungen und -sterilisationen. Wo ein hemmungsloser Kapitalismus unter der Diktatur einer einzigen Partei herrscht, wo Umweltschutz, Nachhaltigkeit und der ethische Umgang mit Ressourcen nicht mehr sind als Worthülsen.
    Wo sind die Hinweise dazu in diesem Artikel? Selbst Neckermann würde so etwas nicht drucken…

  3. Giuliana Thomanek sagt:

    Wirklich ein toller Artikel Lutz…
    macht Lust auch mal „rüber zu fliegen“ 😉

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