First Class gratis – Die Geschichte des Ben Schlappig

Ein Märchen aus tausend und einem Vielfliegerprogramm

Sonntag ist Reisetag! 643.000 Kilometer im Jahr, das reicht fast für einmal zum Mond und wieder zurück…oder 16 Erdumrundungen. Bricht man die gewaltige Zahl auf 365 Tage herunter, sind das über 1700 Kilometer am Tag. Ben Schlappig ist 25 Jahre und reist diese Schwindel-erregende Kilometerzahl jährlich in Flugzeugen…zum Großteil in sündhaft teuren Business Class und First Class-Sitzen. Dafür bezahlt er meist nichts. Sein bisheriges Leben wirkt wie die ungewöhnlichste Erfolgsgeschichte der Welt.

Trier. „Immer noch besser als Marihuana zu rauchen“, soll sein Vater zu dem 14-jährigen Ben Schlappig gesagt haben, als dieser seinen Eltern eröffnete, dass er seine Sommerferien damit verbringen wollte, kreuz und quer durch die Vereinigte Staaten zu fliegen. Am Ende des Sommers konnte er seiner Familie eine Reise nach Deutschland bezahlen: mit gesammelten Meilen!

Ben Schlappig

Private Minibar und Tischlampe: die First Class-Kabine bei Emirates
(Foto: Bill Holler; https://flic.kr/p/8vP5ZU)

Meilen, oft auch als Avios bezeichnet, sind die Währung von Vielfliegerprogrammen der großen Fluggesellschaften. Die merken sich die zurückgelegten Meilen und belohnen den Kunden nach Erreichen bestimmter Mengen mit Prämien. Die variieren von kostenlosen Freiflüge, ermäßigten Flüge, Upgrades in höhere Klassen, Zutrittsberechtigungen für luxuriöse Airport-Lounges bis hin zu Ermäßigungen bei Hotels, Autovermietungen etc..

Ben Schlappig hatte im Alter von 17 Jahren eine halbe Million Bonusmeilen und rückblickend war das nur der Anfang. Schlappig investierte einen Großteil seiner Zeit in Internet-Communities wie FlyerTalk und tauschte sich mit anderen Vielfliegern über besonders lukrative Meilenprogramme, Error Fares und Schlupflöcher aus. Wie in einer Parallelwelt existiert hier dazu eine ganze Community, die auch mal im Rahmen sogenannter „Mileage-Runs“ um den halben Globus fliegt, um Meilen zu sammeln. Denn erst wer für die Airline als Vielflieger gilt, genießt das volle Programm an Vorteilen. Die Lufthansa staffelt das beispielsweise in Frequent Traveller (35.000 Statusmeilen/Jahr), Senator (100.000 Statusmeilen/Jahr) und HON Circle Member (600.000 Statusmeilen/2 Jahren). Wer es in eine der 3 Kategorien schafft, behält diesen Status nur für ein Jahr, in welchem man wieder auf’s Neue sammeln muss. Dafür winken Vorteile wie bessere Upgrade-Möglichkeiten, garantierter Lounge-Zugang am Airport uvm.

Ben Schlappig

In einer Lounge lässt sich das stressige Airport-Leben gleich besser aushalten
(Foto: Miki Yoshihito; https://flic.kr/p/aiVHEQ)

All diese Mechanismen kennt Schlappig in und auswendig. Er sammelt Meilen mit seiner Kreditkarte bei der Buchung des Flugs, beim Flug selber und manchmal sogar nochmal davor. Wenn ein Flug beispielsweise überbucht ist, werden Fluggästen Gratismeilen angeboten, wenn sie sich auf einen späteren Flug umbuchen lassen. Anhand seiner Erfahrung mit den einzelnen Flugzeugtypen und der Auswertung von Statisktiken kann Schlappig mit beeindruckender Präzision vorhersagen, welche Flüge überbucht sind und ist dementsprechend oft zur Stelle, wenn es mal wieder ein paar tausend Gratismeilen für einige Stunden im Flughafen abzustauben gibt. Darüberhinaus bucht er Hotels und Mietwagen, die mit den Meilenprogrammen der Airlines zusammenarbeitet oder sammelt in den separaten Hotel-Rewards-Programmen Punkte, die er dann wieder in Gratis-Übernachtungen umwandelt. So kommt ein Lifestyle zustande, der ihn fast ausschließlich in First-Class- und Business-Flügen und teuren Business-Hotels übernachten lässt, aber ihn auch rund um die Uhr  beschäftigt. Immer auf dem neuesten Stand sein, jede Promo-Aktion mitnehmen, Kreditkarten mit Meilen-Geschenken beantragen und rechtzeitig wieder abmelden und zwischen all der Recherche zum richtigen Zeitpunkt den genau richtigen Flieger buchen. In seinem Blog „One Mile at a Time“ zieht er verträumten Nachahmern den Zahn und beschreibt bis ins kleinste Detail, wie viel harte Arbeit in seinem momentanen Leben in Reiseflughöhe steckt. Nichtsdestotrotz motiviert die Lektüre auch, denn auch wenn Schlappig das Meilen-Sammeln auf die Spitze treibt, ist mit ein bisschen Geschick auch für den Otto-Normalverbraucher der ein oder andere Gratis-Flug oder das Upgrade in die Business Class kein absolutes Ding der Unmöglichkeit.

Zunächst sollte man sich für eine Airline-Allianz entscheiden und jede Flugreise mit den Airlines aus dem entsprechenden Verbund planen. Auch wenn so ziemlich jede größere Fluglinie ihr eigenes Meilen-Programm betreibt, schließen die Big Player sich in sogenannten Allianzen zusammen, damit ihre Fluggäste von einem weitaus größeren Streckennetz profitieren können. Im Falle der Lufthansa ist das die Star Alliance (Luxair, Singapore Airlines, United uvm.), Air Berlin fliegt für One World (British Airways, American Airlines, Qatar uvm.) und die französischen und niederländischen Nachbarn von Air France und KLM sind bei SkyTeam (Delta Airlines uvm.) unterwegs. Es ist sinnvoll sich beim Sammeln nur auf eine Allianz zu konzentrieren.

Dabei macht Fliegen nicht mal den größten Faktor beim Sammeln aus. Wer seinen wohlverdienten Urlaub über Flugsuchmaschinen und damit möglichst billig bucht, bekommt wegen der günstigsten Buchungsklasse nur den Bruchteil der eigentlich geflogenen Meilen gut geschrieben. Wichtiger ist es, ständig Augen und Ohren nach Promo-Aktionen offen zu halten. Die kostenlose Giro-Kontoeröffnung wird von Banken schon mal mit 5-stelligen Meilen-Geschenken belohnt, Mietwagen-Neukunden bekommen 5-stellige Willkommensmeilen, diverse Kreditkarten der Airlines bieten Meilenprämien für jeden ausgegebenen Euro, man kann gar sein Payback-Konto mit dem Meilenkonto verknüpfen. Egal welchen Kauf man gerade plant, ein Blick auf mögliche Promo-Aktionen oder Airline-Partner lohnt sich fast immer, so dass sich die unscheinbare Zahl im Meilenkonto stetig in die Höhe schrauben kann, ohne dass man auch nur einmal den festen Boden unter den Füßen verloren hat. Die Zeit-aufwendige Internet-Recherche gibt einen winzigen Einblick auf das, was Ben Schlappig jeden Tag auf sich nimmt, um wieder irgendwo in der Welt in der First Class auf Reiseflughöhe einzuschlafen, bevor er auf einem anderen Kontinent, in einer anderen Zeitzone und einer anderen Kultur wieder erwacht.

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