Freizeit: Wider dem Gedudel: Weihnachtsmusik mal anders

Auch dieses Jahr kann man der Fahrstuhl-Weihnachtsmusik kaum entgehen. 5vier macht drei ungewöhnliche Weihnachtsmusik-Vorschläge.

George Michael kann einem irgendwie schon leid tun. Da wird er für Oralsex auf der Männertoilette verhaftet und versucht verzweifelt mit Männergeschichten und Drogenpartys zu zeigen, was für ein wilder Kerl er ist und trotzdem wird er jedes Jahr aufs Neue zum Schnulzenkönig, wenn Wham!’s „Last Christmas“ zu Weihnachten rauf und runter gedudelt wird.

Womit wir beim Thema wären. Haucht mir noch ein Musikschul-Frühabgänger seine ganz persönliche Schmalzversion von „Stille Nacht“ mittels des Einkaufsradios in den Gehörgang, dann setze ich den Supermarkt in Brand – glücklicherweise bieten die ja mehr als genügend Kerzen zu dieser Jahreszeit an. Ich weiß, ich weiß – sich über das Weihnachtsgedudel aufzuregen gehört ja schon fast zum guten Ton. Deswegen habe ich mir dieses Jahr vorgenommen mal etwas Konstruktives zu tun. Da gab es zwei Möglichkeiten: alle Lautsprecher aus den Kaufhäusern klauen oder einfach ein paar Alternativen zum hirn- und herzerweichenden Allerlei anbieten. Ersterer Plan hat zwar einen gewissen Reiz, aber ich habe mich aus rechtlichen Gründen dazu entschieden, euch lieber drei Tipps für die etwas andere Weihnachtsmusik zu bieten.

1. Jazz: The Christmas Album – Till Brönner

Eigentlich fast schon ein Tiefschlag gegen meinen ernsthaften Versuch, Weihnachtsmusik neu vorzustellen. Wer Till Brönner nicht kennt, der hat in den letzten Jahren offensichtlich Abstand von der deutschen Musikszene gehalten (und die hat ganz nebenbei immer noch mehr als nur DSDS zu bieten). Brönner hat den deutschen Jazz wieder salonfähig gemacht und gezeigt, dass man kein Malle-Star sein muss, um als Deutscher erfolgreich Musik zu machen. 2007 nahm der Ausnahmejazzer ein Weihnachtsalbum auf, welches seine ganz persönlichen Interpretationen der Weihnachtsklassiker enthält. Wurde schon tausendmal probiert, aber wenn der Till das macht, dann darf man ruhig mal hinhören. Wer also noch ein wenig Toleranz für Weihnachtslieder hat und Brönners Stil schätzt, der darf sich hier ruhig die rote Pudelmütze aufziehen.

Besonderer Hörtipp: Man sollte es kaum glauben: „Last Christmas“ – nur damit man dieses Lied mal wieder ohne Suizidgedanken genießen kann.

2. Country: All I want for Christmas is a real good Tan – Kenny Chesney

Nun wird es ein wenig freaky – zumindest für die meisten Einheimischen. Ich bleibe meinen Hillbilly-Countrywurzeln hier unbeirrt treu und möchte dieses Album an alle herantragen, die sich von Country-, Dixie- und Island-Klängen auf ihren Weihnachtsalben nicht abschrecken lassen. Kenny Chesney – hier in Deutschland de facto ein unbeschriebenes Blatt – mischt einige klassische Weihnachtslieder mit eigenen Kompositionen. Während erstere eher durchschnittlich sind, darf man sich bei den authentischen Stücken des in Tennessee geborenen Countrystars auf eine Menge Humor, Schmalz und gut erzählte Geschichten freuen – alles in bestem Middle-Western Style mit Einschlägen der Island- und New Orleans Folk-Schiene. Zeit den Cowboyhut abzustauben und den Schnee von den Jeans zu klopfen.

Besonderer Hörtipp: „The Angel at the Top of my Tree“ – ein Country Song über Weihnachten mit mehr Drive, als man in „Oh Tannenbaum“ je reingeschnulzt bekommt. Einfach erfrischend.

3. Hard Rock: Trans Siberian Orchestra

Wer sich auch nur halbwegs in der Hard Rock und Power Metal Szene auskennt, dem werden die Namen im Booklet der TSO-Scheiben bekannt vorkommen. Zurecht. Hinter dem Namen Trans Siberian Orchestra stecken unter anderem das Herz und die Seele der Metal Formation Savatage. Aber keine Angst, bei TSO handelt es sich nicht um Metal. Auch nicht um Rock oder um Weihnachtslieder – obwohl sich alles davon in den famos geschriebenen Weihnachtsalben findet. „Christmas Eve and other Stories“, „The Christmas Attic“ und „The lost Christmas Eve“ folgen immer dem gleichen Konzept: Ein Engel wird zu Weihnachtszeit auf die Erde geschickt und findet dort die wahre Bedeutung von Weihnachten. Was sich wie eine Zusammenfassung des Rosamunde Pilcher Christmas-Specials liest entpuppt sich schnell als mitreißendes Stück Musikgeschichte. Immer wieder klingen bekannte Weihnachtsmelodien durch die Gitarren und John Olivas technisch perfektes Klavierspiel, die vielseitigen Sänger und die intelligenten Texte der TSO-Alben wissen zu verzaubern. Erstaunlich düster und unerwartet lustig – vor allem aber weitab von den üblichen Weihnachtsklischees darf man hier ein Weihnachten mit verlorenen Gestalten in einer New Yorker Bar („Old City Bar“) und Jazzmusikern zu Jesu Zeiten („The three Kings and I – What really happened“) erleben. Zum Lachen, zum Weinen und auf jeden Fall zum immer wieder Anhören: Trans Siberian Orchestra zeigt, wie Weihnachtsmusik zu sein hat.

Besonderer Hörtipp: Das eben bereits erwähnte „Old City Bar“ vom ersten TSO-Weihnachtsalbum „Christmas Eve and other Stories“. Besser kann man den Geist von Weihnachten wohl kaum noch in die heutige Zeit übersetzen.

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