Im Zeichen des Kreises

160 Gäste bei 7. Auflage des Trierer Literaturgesprächs

Bei der 7. Auflage des Trierer Literaturgesprächs fehlte der Stargast – trotzdem sahen 160 Besucher in der Stadtbibliothek eine unterhaltsame Diskussion über die drei wichtigsten amerikanischen Romane des letzten Jahres. Anteil daran hatte vor allem Dave Eggers, an dessen kontroversem Bestseller Der Circle sich die Geister scheiden.

Trier. Ohne Hubert Spiegel, der aufgrund gesundheitlicher Beschwerden kurzfristig absagen musste, fehlte dem Trierer Literaturgespräch bei seiner 7. Auflage zwar der traditionelle „Stargast“. Doch auch in Abwesenheit des FAZ-Feuilletonisten lieferte sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion eine interessante Diskussion über drei amerikanische Romane, die im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt haben. Spiegel ließ ausrichten, dass er Trier „wehmütig vermisse“ – noch mehr vermisst haben dürfte er allerdings die Gelegenheit, sich vor Publikum in die Diskussion einzuschalten. Immerhin wählt der Literaturkritiker die Bücher jährlich selbst aus.

Chabons Telegraph Avenue: Am Horizont wabert Ferguson

Dabei war sich das Podium – wie in den vergangenen Jahren bestehend aus Initiator Gerd Hurm, Sebastian Fett und Michael Embach, dieses Mal ergänzt durch Susanne Link – zunächst noch weitgehend einig: Almas Augen, den bemerkenswerte (und bemerkenswert kurze) Erzählung von Daniel Woodrell, empfanden all drei als den wohl gelungensten Roman des Abends. Woodrell – am ehesten bekannt für Winters Knochen (2011) – entspinnt mit seinem jüngsten Werk eine weitere ‚Country Noir‘-Geschichte, deren Handlung sich oberflächlich mit einem Feuerkatastrophe befasst und dabei zu einem abgründigen Querschnitt durch die Gesellschaft einer amerikanischen Kleinstadt gerät. Spannung erzeugt Woodrell dabei nicht allein durch die Täterfrage, sondern durch die Tiefe seiner Erzählung.

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„Gewisse Widerstände bei der Lektüre“: Der Circle stößt auf gemischte Resonanz.

Die Diskussionsrunde, der auch Bürgermeisterin Angelika Birk und Neu-OB Wolfram Leibe zuhörten, besprach außerdem Michael Chabons Telegraph Avenue sowie Dave Eggers‘ Der Circle. Während Ersterer in seiner Liebeserklärung an das runde Vinyl und das Aussterben der Plattenläden auch gleich noch typisch amerikanische Sozialkonflikte anreißt – die Handlung spielt im Jahr 2004 und „am Horizont wabert schon Ferguson“ – begnügt sich Chabon doch mit dem Mikrokosmos, den er beschreibt und einem „Konglomerat von Typen, die in der Gesellschaft nicht funktionieren“. Keine ganz neue Thematik, findet wohl auch Dr. Sebastian Fett, der schließlich resümiert, Telegraph Avenue sei zwar „großartig erzählt, erzähl[e] aber nichts Großartiges“.

Der Circle: Trivial, genial oder unverstanden?

Wesentlich kontroverser fiel die Bewertung von Dave EggersDer Circle aus. Ein Bestsellerroman aus der Feder eines Bestsellerautors über digitale Macht – aktueller, relevanter und vielversprechender geht es kaum. Leider scheint Eggers seine Leser nicht viel zuzutrauen. Die Handlung sei zu platt und übererklärt, so der Tenor: „Dem Leser wird das Denken abgenommen . . . wenn Eggers sagt, er hat nicht viel recherchiert, glaube ich ihm sofort“, bemerkte Fett süffisant.

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Dabei blitzt auch im Circle stellenweise Eggers erzählerische Virtuosität auf, wie Prof. Gerd Hurm anhand einer kurzen Textanalyse veranschaulichte. Gegenrede gab es aus den Reihen der Zuhörer, die Eggers als teilweise unverstanden hielten – exakt die Art von Austausch, die man sich vom Literaturgespräch erhofft. Denn, wie Hurm betont: „Die Subjektivität von Literatur empfinden viele als Nachteil oder als Beliebigkeit, aber es ist die Form, in der man über die Welt reden muss. Sie bietet uns einen anderen Zugang zur Welt als die Wissenschaft“.

“Die Subjektivität von Literatur empfinden viele als Nachteil oder als Beliebigkeit, aber es ist die Form, in der man über die Welt reden muss.

Die Wartezeit bis zum nächsten Jahr lässt sich idealerweise mit Büchern verkürzen. Prof. Gerd Hurm empfiehlt Nathanial Hawthornes Scarlet Letter (neu übersetzt), Jaron Laniers Who Owns the Future sowie Toni Morrissons Home. Wer 2016 dabei sein möchte, sollte sich nicht zu viel Zeit mit der Reservierung lassen: Auch in diesem Jahr war die Veranstaltung früh ausgebucht.

Die vorgestellten Romane


 

Michael Chabon: Telegraph Avenue (Köln: Kiepenheuer & Witsch)

Daniel Woodrell: Almas Augen (München: Liebeskind)

Dave Eggers: Der Circle (Köln: Kiepenheuer & Witsch)

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