Kunst ohne erhobenen Zeigefinger

Elena Villa und Alexander Morrison über die Arbeit mit einem Elefanten

Seit einigen Wochen bevölkert eine bunte Elefantenherde unsere schöne Stadt und macht sie nicht nur bunter, sondern noch schöner. Die Elephant-Parade weist in friedlicher Weise auf ein ernstes Thema hin: die Gefährdung der asiatischen Elefanten, durch das Schwinden ihres Lebensraumes aber auch durch Landminen und Wilderer. 5vier.de sprach mit den Künstlern Elena Villa und Alexander Morrison, die den Elefanten „Mohavi“ gestaltet hatten, darüber, was es bedeutet einen 80 Kilo schweren Gips-Elefanten in der Werkstatt stehen zu haben.

Elena Villa und Alexander Harry Morrison mit Elefant "Mohavi"

Elena Villa und Alexander Harry Morrison mit Elefant „Mohavi“

Drei Blinde gingen durch den Wald. Plötzlich versperrte ihnen etwas den Weg. Sie tasteten es ab und stellten fest: „Es ist ein Stein.“ „Es ist ein Baum.“ „Nein, es ist ein Besen.“ Uneiniger hätten sich die drei Blinden nicht sein können und nicht weniger auf dem Holzweg, denn als ihre Diskussion darum, was sie da vor sich stehen hatten am schönsten und lautesten war, kam Buddha des Weges und klärte die drei Ahnungslosen auf: „Es ist ein Elefant.“ Die Moral von der Geschicht‘ ist, dass alle drei vor demselben Rätsel gestanden haben und aus ihren unterschiedlichen Standpunkten heraus immer etwas anderes wahrgenommen haben.

Verschiedenes wahrnehmen und tolerieren

Eine Geschichte, die schon Jahrhunderte alt ist und dennoch nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Wer kann von sich behaupten, dass er nicht schon mal wie ein Blinder vor etwas stand und sich nicht einig werden konnte, was er da genau vor sich hatte. Die Geschichte rührt nicht nur an, sie inspiriert auch, zum Denken oder, wie im Falle von Elena Villa und Alexander Morrison zur Kunst. „Verschiedene Menschen nehmen in gleichen Situationen unterschiedliches wahr, deswegen entstehen oft Diskussionen, sogar Streit und im schlimmsten Fall Krieg. Wenn es mehr Toleranz für die relative Wahrnehmung geben würde, gäbe es wesentlich mehr Frieden.“ erklärt Alexander Harry Morrison die Gedanken hinter dem Elefanten Mohavi. „Die Hände symbolisieren auch die Geschichte, aber letzten Endes ist die Hand immer ein Symbol für den Menschen an sich, ein schöpferisches Element, das den Menschen auszeichnet.“ so Elena Villa-Hamann. Die Hände sind auch seit Jahrtausenden ein Zeichen für Schutz, für Verantwortung. Selbst bei Höhlenmalereien hat man alte Handabdrücke gefunden, man geht davon aus, dass nachfolgende Generationen in schwierigen Zeiten ihre Hände in die ihrer Vorfahren legten. Beistand und Schutz gesucht haben.

Um Beistand, Schutz und Verantwortung geht es auch bei der Elephant Parade. „Der Schutz der Elefanten wird symbolisch in unsere Hände gelegt.“ so Morrison. In ihrem Elefanten Mohavi überschneiden sich also Fabel und Realität, er ist über und über mit Händen bedeckt, sodass schnell eine neue Betrachtungsweise entsteht. Wer den Elefanten intensiver ansieht, nimmt ihn bald gar nicht mehr als Elefanten wahr, sondern nur noch als die zahlreichen Hände, die ihn umfangen. „Darin liegt eine Subtilität, die man auch bei der Arbeit spüren konnte, irgendwann beginnt der dreidimensionale Elefant sich aufzulösen und sich zumindest partiell in ein zweidimensionales Gemälde zu verwandeln.“ so Morrison.

Mohavi_Interview

„Der Elefant war eine sehr dankbare Leinwand.“ erzählt Villa: „Nachdem die Idee beschlossen war, war es immer wieder faszinierend, mit welcher Selbstverständlichkeit, Freude und Leichtigkeit man sie auf ihm umsetzen konnte.“ Ungewöhnlich leicht verlief auch die künstlerische Zusammenarbeit der beiden. „Von beiden Seiten herrscht ein großes Vertrauen, da man weiß, dass der Andere geschmackssicher ist und man sich darauf verlassen kann. Eine Zusammenarbeit in einem sehr professionellen Bereich.“ erklärt Elena Villa. Die beiden haben viel gemeinsam an dem Elefanten gesessen, aber auch durchaus einzeln. Böse Überraschungen gab es da nie: „Es ist wichtig, dass am Anfang schon klar ist, was am Ende dabei herauskommt.“

Vermalen kann man sich aber trotzdem mal. „Das spricht auch für die Kunst: Immer erstmal schauen, ob der „Fehler“ nicht doch gut aussieht.“ Zur Absicherung gab’s von den Veranstaltern dann aber doch einen Miniatur-Modell Elefanten, der zuerst anhand der Bewerbungsarbeit bemalt wurde. „Wir hatten vier Tage Zeit einen Entwurf zu machen und die Bewerbung für die Parade abzugeben.“ Vier Tage um eine Idee zu entwickeln, sie im kleinen Rahmen umzusetzen und auf den Weg zu schicken. Klingt nach einem Kreativitäts-Spurt. Dabei sind Villa und Morrison den Kreativitäts-Marathon gewöhnt. „Ich habe alleine sechs Kollektionen im Jahr, da muss man auf den Punkt kreativ sein. Es ist wie ein Schalter, den man umlegt.“ so Villa. „Man ist permanent im Flow, im Outputbereich.“ Dabei bedeutet das hohe Tempo nicht, dass der künstlerische Anspruch heruntergeschraubt wird, um möglichst schnell arbeiten zu können: „Der professionelle Anspruch vermischt sich mit dem künstlerischen, um ein möglichst universelles Endergebnis heraus zu bekommen.“

Menschliches darstellen

Eines dieser Ergebnisse ist der Elefant Mohavi. „Der Elefant hat etwas Einleuchtendes, Zugängliches, fast Menschliches.“ So Elena Villa. Gerade das ist der Auftrag der Kunst: Menschlichkeit in Objekten ausdrücken. „Es wird immer mehr nach Perfektion und Funktionalität gesucht, dabei ist gerade das nicht menschlich. Die Kunst soll die Menschlichkeit wieder einfangen. Künstler ist vielleicht einer der letzten Berufe, in denen man sich wirklich frei entfalten kann und dies auch tun soll.“ gibt Morrison zu Bedenken. Auch in völlig unterschiedlichen Formen: „Die Sprache alleine kann oft nicht treffen, was die Kunst sagen will. Ähnlich ist es mit der Musik, die geht auch direkt ins Herz oder sie tut es eben nicht.“ weiß Villa. Mit dem Perfektionismus brechen, mit dem Alltag brechen, wieder staunen, das ist es was die Kunst ausmacht und warum die Elefanten als solche gelten müssen. „Oft fehlt in den Städten das Moment des Staunens.“ weiß Morrison. „Der Elefant, der nicht in den städtischen Kontext gehört, zwingt einen seine Aufmerksamkeit auf ihn zu richten.“ Und auf das Thema, welches auf seinen breiten Dickhäuterschultern ruht. „Der Elefant bot eine schöne Möglichkeit Kunst ohne erhobenen Zeigefinger zu gestalten, auf ein ernstes Thema hinzuweisen, ohne selbst ernst sein zu müssen. Kunst soll nicht im Elfenbeinturm stattfinden und etwas elitäres sein, sondern mitten unter uns.“ weiß Elena Villa.

Die beiden bei der Eröffnung im Juli

Die beiden bei der Eröffnung im Juli

Mitten unter ihnen war auch der 80 Kilo schwere, weiße Gips-Elefant; den beiden Künstlern schoßen bei seiner Ankunft sofort zwei Gedanken durch den Kopf: „Der passt hier nicht rein.“ Das füllige Rüsseltier musste mit mehreren Leuten durch die schmale Küche ins Atelier geschoben und gehoben werden. Wie ging das? „Mit viel Luftpolsterknallen.“ lacht Elena Villa: „Mit Heben und Drücken ging es dann, aber es war eine Sache von Millimetern.“ „Wir haben uns oft gefragt, mit wievielen Schichten Farbe wir ihn bemalen dürfen, damit er später nochmal durch die Tür passt.“ lacht Morrison. Der zweite Gedanke kam beim Auspacken. „Der Elefant roch am Anfang etwas seltsam.“ weiß Elena Villa noch. Und „Jedes Mal, wenn man den Raum betreten hat, hat man sich vor ihm erschreckt, er wirkte so unwirklich in der Atelier-Umgebung.“ Dafür erlangte er schon bald so etwas wie eine Persönlichkeit. „Man sprach mit ihm oder täschelte ihn, bevor man abends nach Hause ging. So was würde man mit einer Leinwand nie machen.“ erzählt Morrison. Die Trennung war dann vor allem eines: „Schrecklich. Es riss ein richtiges Loch ins Atelier. Wir haben ihn mit einer Vernissage verabschiedet und ihn dann den Veranstaltern übergeben, die uns von Anfang an eine große Unterstützung gegeben haben.“ so Villa. „Als Künstler zweifelt man schon mal, da ist es wichtig, dass man ab und an ein paar freundliche Worte als Aufwind bekommt.“ weiß Morrison. Noch heute vermissen die beiden ihren Elefanten ein wenig, sie hoffen, dass er von einem Einheimischen ersteigert wird. Aber „unser größter Wunsch ist, dass er einer breiten Öffentlichkeit zugänglich bleibt, damit er seine Botschaft weiter in die Welt hinaustragen kann.“

Den Elefanten Mohavi gibt es noch bis zum Ende der Elephant-Parade vor dem Weinstand am Hauptmarkt zu sehen. 5vier.de dankt Elena Villa-Hamann und Alexander Harry Morrison für das tolle Gespräch!

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