Macht Entwicklungshilfe die Menschen zu Bettlern?

Die deutsche Entwicklungspolitik in Kritik

Ein halbes Jahrhundert Entwicklungshilfe für Afrika und was hat es geholfen? – Die Antwort ist ziemlich ernüchternd, nämlich nicht viel. Kurt Gerhardt, einer der schärfsten Kritiker der deutschen Entwicklungspolitik, ging in seinem Vortrag am vergangenen Mittwochabend auf diesen Missstand ein. Seine These: Entwicklungsgelder bringen überhaupt nichts, sondern verletzen die Würde des Menschen. Eine polarisierende These, die für viel Kritik sorgte.

Schaut man auf Ostasien, haben die Länder dort in den letzten 50 Jahren einen gewaltigen, wirtschaftlichen Aufschwung durchlebt. Nicht umsonst werden diese Länder aufgrund dieser wirtschaftlichen Sprünge Tigerstaaten genannt und dabei wird es nicht bleiben, denn es werden weitere Staaten folgen.

Diese Länder schafften es sich in den Weltmarkt einzugliedern und darüber hinaus konkurrenzfähig zu bestehen – und das ganz ohne Demokratie, kaum Bodenschätze oder Entwicklungshilfe.

Die Frage, die Gerhardt nun in den Raum stellt: Warum also ist in Afrika noch nicht solch ein wirtschaftlicher Aufschwung gelungen?

„Wer besitzt ein Smartphone oder einen Laptop einer afrikanischen Marke? – Niemand, weil es das nämlich nicht gibt“, so Gerhardt.

Afrika hat kaum Unternehmer, die auf dem Weltmarkt bestehen können. Es ist ein Land reich an Bodenschätzen und der Handel beschränkt sich fast ausschließlich auf den Export von Unverarbeitetem. Doch Afrika produziert nichts Verarbeitetes.  Auf der anderen Seite investieren ausländische Unternehmen nicht in Afrika. Die unzureichende Infrastruktur, Strom- und Internetversorgung sind für Investoren uninteressant und die Staaten sind nicht in der Lage für ein vernünftiges Stromnetz zu garantieren. Im Bereich der Landwirtschaft sind ähnliche Missstände festzustellen. Das Produktivitätsniveau ist auf einem veralteten Stand, wie es, überspitzt gesagt, bei uns vor 300 Jahren war. Hinzu kommt ein hoher Lebensmittelimport. Wir lassen den Afrikanern keine Chance sich landwirtschaftlich zu entwickeln, allein durch unsere Importe.

Was kann man also für Afrika tun, wenn Entwicklungshilfe nicht mehr greift?

„WIR können Afrika nicht entwickeln. Zu glauben, mehr Geld könnte für mehr Entwicklung sorgen, ist Irrsinn. Warum haben wir das noch nicht gelernt?“ fragt Gerhardt.

Seit 1931 sollte die Entwicklungspolitik eigentlich dem Subsidiaritätsprinzip folgen: Also Hilfe aus Selbsthilfe. Afrika muss sich aus eigener Kraft wirtschaftlich aufbauen.

„Die Eigeninitiative der Bevölkerung geht verloren. Wenn es Probleme gibt, wendet man sich nach außen, anstatt sich selbst zu helfen. Afrika müsste befreit werden von seinen Wohltätern“, so Gerhardt.

Nach ihm verletze die Entwicklungshilfe die Würde des Menschen, da sie diese zu Bettlern mache. Es suggeriert den Menschen: Ohne uns schafft ihr das nicht!

Geld hilft nicht weiter, aber was braucht Afrika dann?

„Afrika braucht kein Geld, sondern Fähigkeiten zur Entwicklung, z.B. Bildung. Sie brauchen Mittel, diese Fähigkeiten umzusetzen und Freiheit“, so Gerhardt.

Diese drei Dinge sind es, nach seiner Meinung, die wirklich für Entwicklung sorgen können, da Afrika aus eigener Kraft wachsen muss. Wenn man mit Geld helfen wolle, dann höchstens mit Mikrokrediten an Menschen, die glaubhaft, sinnvoll Geld investieren können.

Er sieht die Hauptprobleme in der schlechten Wirtschaft, der unzureichenden Infrastruktur und dem fehlenden Willen, der durch die ständige Hilfe von außen verloren gegangen sei.

„Den Drang jemanden ständig schützen zu wollen ist eine gefährliche Haltung. Die Menschen dort müssen gefordert werden“, so Gerhardt.

Kurt Gerhardt, stellte interessante aber auch polarisierende Thesen, die nicht bei allen Zuhörern auf Einverständnis stießen. In der kurzen Zeit des Vortrags, war, seiner Meinung nach, keine differenzierte Herangehensweise möglich und er war gezwungen mit Pauschalisierungen zu arbeiten. Aber betonte, dass seine Thesen nicht für ganz Afrika gelten.

„Ich habe die Wahrheit nicht für mich gepachtet, aber eine ehrliche Meinung“, so Gerhardt.

Zur Person:

Foto: Kurt Gerhard

Der ehemalige Journalist des WDR-Hörfunks, zählt zu den prominentesten und schärfsten Kritikern der Entwicklungspolitik in Deutschland. Aus eigener Anschauung kennt er die Problematik der Afrikahilfe sehr genau. Von 1982 bis 1986 war er als Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) im westafrikanischen Niger als Entwicklungshelfer tätig. Er gehört zu den Mitbegründern der politischen Initiative „Grundbildung in der Dritten Welt“ und des Vereins „Makaranta e.V.“ zur Förderung der Grundbildung in Afrika und ist zudem Mitinitiator des 2008 gegründeten „Bonner Aufrufs für eine andere Entwicklungspolitik!“.

Kurt Gerhardt möchte mit seinen Vorträgen und Publikationen auf die schwerwiegenden Grundprobleme der vergangenen und derzeitigen Entwicklungspolitik aufmerksam machen und helfen, neue Lösungsansätze zu finden, die eine effizientere und wirksamere Entwicklungshilfe in Afrika versprechen.

 

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