„Wer wirklich hilft, der wird schief angeguckt.“

Adrian Michels ist ein Trierer weit weg von zu Haus. Er arbeitet als Architekt an einem Projekt für Ärzte ohne Grenzen im Süden von Afghanistan. 5vier.de sprach mit dem Helfer.

Adrian Michels reicht afghanischer Frau mit einem Kind Medikamente
Adrian Michels (links) ist in Afghanistan, um Menschen durch medizinische Versorgung zu helfen.

Adrian Michels ist ein unauffälliger Mann um die 40, der aussieht, als hätte er in den letzten Tagen viel zu wenig geschlafen. Er ist nun seit knapp zwei Monaten als Helfer mit Ärzte ohne Grenzen in Lashkargah im Süden von Afghanistan.

Die Internetverbindung ist schlecht und immer wieder gestört. Viel Zeit bleibt uns nicht für unser Gespräch, das Satellitentelefon hat nur drei Stunden am Tag Empfang – nicht viel Zeit für fast 20 Personen, die Kontakt in ihre Heimat suchen.

5vier: Guten Abend Herr Michels. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen mit uns zu sprechen. Bitte erzählen Sie uns, wie ein Trierer nach Afghanistan kommt.

Michels: Ich habe in einem Architekturbüro in Luxemburg gelernt und an der Universität Trier Geographie studiert. Mehr aus Zufall kam ich während eines Praktikums auf ein Angebot einer französischen Hilfsorganisation, die einen Architekten für ein Brückenbauprojekt brauchte. Das hat mich fasziniert und ich habe mich beworben.

5vier: …und Sie wurden angenommen?

Michels: Nein, zunächst nicht, aber mein Interesse war geweckt. Ich habe diesen Zweig meiner Beschäftigung einfach weiter verfolgt, bis ich schließlich mein erstes Angebot bekam.

5vier: Was genau ist Ihre Aufgabe in Lashkargah?

Blick von oben auf eine Wüstenstadt
Lashkargah liegt im Süden Afghanistans.

Michels: Die Aktion Ärzte ohne Grenzen betreibt hier seit November 2009 ein Krankenhaus – eines von zweien im Süden des Landes. Ich war für den Umbau eines der Gebäudes verantwortlich, so dass es als OP und Kinder- und Entbindungsstation zu gebrauchen ist.

5vier: Das klingt nach schwierigen Umständen.

Michels: Nichts, was ich Ihnen beschreiben könnte, würde den Verhältnissen hier nahe kommen. Wir mussten alle Leitungen ersetzen, nur hatten wir keine neuen. Also haben wir angefangen mit Zündkabeln von Autos zu arbeiten. Die Wasserversorgung ist ein Problem, dass wir immer noch nicht vollständig im Griff haben.

5vier: 2004 zog sich Ärzte ohne Grenzen aus Afghanistan zurück, als fünf seiner Helfer ermordet wurden. Erst Ende 2009 kehrte die Organisation zurück. Sie waren unter den ersten Helfern, die das Krankenhaus in Lashkargah übernahmen. Was fanden Sie vor?

Michels: Praktisch nichts.

Menschen sitzen in einem Gang vor einer Tür
Warten auf medizinische Versorgung

5vier: Wie dürfen wir das verstehen?

Michels: So wie ich es gesagt habe. Es gab praktisch keine Medikamente, ausgebildetes Personal und nur unzureichende Einrichtungen. Der Bedarf an Hilfe war enorm – und ist es noch immer.

5vier: Haben Sie Angst, dass sich ein Vorfall, wie der von 2004 wiederholen könnte?

Michels (schweigt lange): Natürlich. Das haben wir alle. Aber irgend jemand muss hier ja helfen.

5vier: Die Soldaten…?

Michels: Ja, die auch. Wir haben hier Soldaten aus vielen Nationen, die wirklich versuchen zu helfen. Sanitäter schieben hier in ihrer Freizeit Schichten im Krankenhaus und wir bekommen oft dringend benötigtes Material von den Armeen hier. Jeder tut halt was er kann. Ich bin hier  inzwischen auch schon zur Krankenschwester geworden. (lacht)

5vier: Herr Michels, Sie sind verheiratet und haben eine 13jährige Tochter. Wie stehen die zu dem, was Sie tun?

Michels: Die sind mächtig stolz auf mich. Viele meiner Freunde und Bekannten sehen das allerdings anders.

5vier: Inwiefern?

Arzt versorgt einen verwundeten Mann
Ein Mann legt einem Patienten einen Verband an.

Michels: Wer wirklich hilft, der wird oft schief angeguckt. Wenn man etwas riskiert, auf die Annehmlichkeiten unseres Wohlstandes verzichtet, oder sich sogar in Gefahr begibt, dann heißt es ganz schnell ‚Lass das doch, das ist doch viel zu gefährlich für dich!‘ An die Menschen hier unten wollen die meisten lieber nicht denken. Es ist leicht Mitleid zu haben – etwas zu bewirken, dass ist schwer.

5vier: Haben Sie manchmal Bedenken?

Michels: Nein. Ich helfe hier so gut ich kann und ich sehe, was ich hier bewege. Allein die Dankbarkeit der Menschen ist all die Anstrengung wert. Und ich gehe hier erst weg, wenn ich nicht mehr gebraucht werde. Auch wenn ich Deutschland manchmal sehr vermisse.

5vier: Was vermissen Sie am meisten?

Michels: Meine Familie natürlich. Ich habe hier zwar eine Menge Menschen kennen gelernt, die ich schon fast als Familie betrachte, aber nichts ersetzt ein richtiges Zuhause. Oh, und natürlich den Moselwein! (lacht)

5vier: Herr Michels, ich bedanke mich für das Gespräch.

Lizenz: Alle Bilder wurden von einem Kollegen von Adrian Michels gemacht und werden mit seiner freundlichen Genehmigung verwendet. Sie sind ausdrücklich von der CC-Lizenz ausgenommen. Für den Text gilt: Creative Commons Lizenzvertrag
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Kommentare (1)

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  1. Cara Richards sagt:

    Schönes Interview, das deutlich zeigt, mit welchen Schwierigkeiten zivile Helfer oft zu kämpfen haben. Ich bewundere Herrn Michels für sein Engagement!

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