5vier-Bücherecke: Susanna Clarke – “Jonathan Strange & Mr. Norrell”

Da wir letze Woche etwas früh dran waren, hier noch einmal unsere 5vier-Bücherecke für alle, die sie verpasst haben:

Fantasy-Romane gibt es wie Sand am Meer. Leider ähneln sich viele gar zu sehr und es scheint nicht einfach einen originellen Titel zu finden. Wer eine fantastische Reise der besonderen Art antreten will, kann jedoch getrost auf Susanna Clarkes Roman „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ zurückgreifen.

Foto: Silke Meyer
Der Rabe ist allgegenwärtig...

Zwei rivalisierende Zauberer, gefährliche Elfen und ein geheimnisvoller Rabenkönig. Was nach den viel zu oft genutzten Basiszutaten für mittelmäßige Fantasy-Schmöker klingt, wird in Susanna Clarkes faszinierendem Wälzer „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ zu einer Geschichte sondergleichen. Und diese nimmt dann auch stattliche 1024 Seiten ein. Somit ist das Buch sicher kein Fliegengewicht und wer es lesen will, sollte dafür einige Zeit einplanen. Dennoch, keine Seite in diesem grandiosen Werk ist überflüssig.

Im Zentrum des Geschehens steht zunächst der Engländer Gilbert Norrell, ein alter Eigenbrötler und Meister der Magie. Diese stellt er im Januar 1807 eindrucksvoll zur Schau, in dem er die Statuen in der Kathedrale von York zum Leben erweckte. Dabei galt Magie bis dato eigentlich als ausgestorben. Kein Wunder also, dass seine Taten bald publik werden. Somit steht einer erneuten Verbreitung der Zauberkunst scheinbar nichts mehr im Wege. Und während der alte Norrell noch darüber grübelt, ob es nicht eher von Nachteil ist, wenn Hinz und Kunz nun die Kunst der Magie erlernen dürfen, spielt ihm das Schicksal den äußerst begabten Landsmann Jonathan Strange in die Hände.

Der Herr mit dem Haar wie Distelwolle

Trotz mangelnder Sympathie, kann auch Norrell nicht umhin, das Talent des jüngeren Mannes anzuerkennen. Da Strange durchaus einiges an Potential besitzt, entscheidet Norrell, ihn zu seinem Schüler zu erklären. Allerdings ist es nicht einfach, von einem Mann zu lernen, der nur ungern all die Geheimnisse der Magie preisgeben will. Und so wandelt sich die Beziehung der beiden, droht von beiderseitigem Respekt zu Rivalität zu werden. Und als ob dies noch nicht genug Stoff für ein Buch bieten würde, kommt noch der Krieg gegen Napoleon hinzu (der nur mit magischer Hilfe siegreich ausgehen kann) sowie ein hinterlistiger Elf mit Haar wie Distelwolle, dessen finstere Pläne das Leben vieler Menschen durcheinander bringen könnte.

Susanna Clarkes Fantasy-Wälzer mag durch seinen Umfang von über tausend Seiten zunächst abschrecken. Und tatsächlich gestaltet sich auch der Einstieg in die Geschichte als etwas holprig. Hat man sich aber durch die ersten 30 Seiten gekämpft, schafft es das Buch schnell, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Die Geschichte ist sehr ausgefeilt und die vielen Charaktere allesamt interessant. Zudem wird das Spiel mit der historischen Geschichte, das Verweben von Fakt und Fiktion, so gekonnt eingesetzt, dass man fast das Gefühl hat, alles hätte sich genauso abgespielt, wie Frau Clarke es beschreibt.

Keine Scheu vor Fußnoten

Der Schreibstil der Autorin wurde von Kritikern mehrfach mit dem von Jane Austen („Emma“) verglichen. In der Tat ähnelt er diesem sehr. Ihre treffende Ausdrucksweise, die oftmals unterschwellige Ironie und der elegante Stil, machen das Buch zu einem wahren Lesegenuss. Eine Besonderheit stellen zudem die vielen Fußnoten dar, die oft mehr Platz auf einer Seite einnehmen, als der eigentliche Text. Hier verweist die Autorin munter auf Texte und Geschehnisse, die zumeist ebenfalls fiktiv sind. Das mag zunächst ungewohnt sein, da der ein oder andere Leser sich vielleicht dadurch im Lesefluss gestört fühlt. Andererseits entsteht so ein wahres Fantasy-Universum mit jeder menge Details. Somit erschafft Susanna Clarke eine ähnlich ausgeklügelte und umfangreiche Welt, wie einst J.R.R.Tolkien.

Susanna Clarkes beeindruckendes Erstlingswerk war für mehrere Preise, unter anderem den „Guardian First Book Award“ nominiert. Bei den British Book Awards gewann sie 2005 in der Kategorie „Newcomer of the Year“. Und auch der bekannte Fantasy-Autor Neil Gaiman („Coraline“) ist erklärter Fan der Britin und ihrer beiden hitzköpfigen Magier. 2007 erschien mit „Die Damen von Grace Adieu“ ihr zweites Buch, eine Sammlung von Kurzgeschichten. Wer dem Charme von Strange und Norrell erlegen ist, sollte es sich nicht nehmen lassen, auch in dieses Buch einen Blick zu werfen, denn das ein oder andere aus dem ersten Buch bekannte Gesicht, taucht auch hier wieder auf.

„Jonathan Strange & Mr. Norrell“ erschien in Deutschland beim Verlag BVT und ist sowohl mit einem weißen, als auch mit einem schwarzen Cover für je 14,90 € erhältlich. „Die Damen von Grace Adieu“ erschien ebenfalls bei BVT.

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