Bücherecke: „90 Minuten Südamerika“ – Mark Scheppert im Interview

Von Andreas Gniffke, Fotos: Mark Scheppert

In der vergangenen Woche haben wir in unserer Bücherecke „90 Minuten Südamerika“ von Mark Scheppert vorgestellt (zur Besprechung). Der Autor stand 5vier.de-Redakteur Andreas Gniffke nun auch in einem ausführlichen Interview Rede und Antwort und spricht bereitwillig über Reiselust, sein Verhältnis zur deutschen Nationalmannschaft und empfiehlt allen Fans, 2014 zur Weltmeisterschaft nach Brasilien zu reisen!

Die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien wird ein ganz besonderes Erlebnis, verspricht Autor Mark Scheppert

5vier.de: Sie begegnen dem Leser in Ihrem Buch als Suchender. Man bekommt gerade am Anfang den Eindruck, dass ein tiefes Gefühl der Heimatlosigkeit Antrieb für Ihre Reisen war. Was haben Sie denn gesucht? Und was gefunden?

Mark Scheppert: Um es gleich zu Beginn zu sagen: Der Mauerfall 1989 war für mich das schönste und wichtigste Ereignis meines Lebens. Der Westen öffnete mir eine prall gefüllte Wundertüte. Ich konnte die Welt sehen, machte eine einjährige Weltreise und meine Freunde und Bekannte leben heute weit verstreut, viele auch in Westdeutschland. Dennoch hatte ich gerade zu Beginn der Wiedervereinigung das Gefühl, dass ich weder Fisch noch Fleisch, weder Ost noch West, nicht gestern heute oder morgen war. Ich hatte eine Vergangenheit mit Eltern, die sich über ihre DDR definierten und Nichten und Neffen, die diese nicht mehr kannten. Ich war nie ein „Jammer-Ossi“, doch ich wollte mich auch nicht bevormunden und mir erzählen lassen, wie es „bei uns“ gewesen war.
Vielleicht war dies zu Beginn ein Antrieb für meine Reisen nach Südamerika. Dort traf ich auf Menschen, mit denen man sich auf Augenhöhe unterhalten konnte, die mir zuhörten, die das Gefühl verstanden, dass man soeben „eine Heimat“ verloren hatte und sich mit „der neuen“ erst einmal arrangieren muss. Letztendlich habe ich in der Fremde gefunden, bzw. begriffen, dass diese neue Heimat – das Gesamtdeutschland – gar kein so übles zu Hause ist. Die Wiedervereinigung hat irgendwann auch in meinem Herzen stattgefunden. Manchmal muss man dafür eben sehr weit reisen…

5vier.de: Nach dem Titel und der Gliederung des Buches wäre eigentlich einer der zahlreichen Fußballreiseberichte zu erwarten gewesen. Entsprechend groß war die Überraschung, dass Fußball vor allem in der ersten Hälfte des Buches eine untergeordnete Rolle spielt. Kein Interesse am Groundhopping?

Nur ein Zufall: Die Reisegruppe mit Regencapes in Peru

Mark Scheppert: Gut, das Werk war ursprünglich gar nicht als „Fußballbuch“ konzipiert. Ich wollte in ein paar Kurzgeschichten über die Abenteuer mit Freunden oder Frauen in meinem Lieblingskontinent Südamerika berichten. Doch irgendwann entdeckte ich einen „roten Faden“ (ich hoffe der Leser auch), denn all diese Reisen hatten parallel zu einer Fußball-WM oder EM stattgefunden. Meine Beziehung zum Nationalmannschafts-Fußball begann zunächst ablehnend, schlug in jugendliche Schwärmerei um und mündete schließlich in euphorische Begeisterung.
Ähnlich ist es mir beim Vereinsfußball ergangen. Anfang ging ich als Berliner ein paar Mal gelangweilt zur Hertha oder zu Union, wenn ich gerade in Hamburg, Köln, Frankfurt oder Kaiserslautern war, eben auch mal zu den dortigen Mannschaften. Doch gerade in den letzten Jahren zog es mich auch hinaus in die weite Welt – in große Stadien, zu bedeutenden Spielen. Nennen wir es eher „Nobel-Groundhopping“, denn ich war zuletzt zu Besuch bei Flamengo Rio de Janeiro, Arsenal London, Chelsea FC, beim Clasico zwischen Real und Barca in Madrid und vor allem beim Championsleague-Finale 2012 in München. Allerdings kam mir zugute, dass ich gerade 40 geworden war und die Karten größtenteils Geschenke von Freunden waren.

5vier.de: Die Kapitel und Berichte orientieren sich an der Reihenfolge der großen Turniere. Was haben Sie denn in den Zwischenjahren gemacht, oder ist die Chronologie der künstlerischen Freiheit geschuldet?

Mark Scheppert: Anfangs war es natürlich Zufall, dass ich alle zwei Jahre und genau in den Jahren der großen Turniere nach Lateinamerika gereist bin, doch irgendwann wurde das zum Pflichtprogramm. Auch dieses Jahr zieht es mich wieder in den Süden (nach Ecuador) und 2014 ist Brasilien natürlich ganz fest eingeplant – dann natürlich auch direkt während der Spiele. In den Zwischenjahren verschlug es mich auch mal in europäische Länder oder nach Asien bzw. Australien. Und einige deutsche Ecken sind auch ganz schön!

5vier.de: Ihr Verhältnis zur deutschen Nationalmannschaft ist zu Beginn des Buches, nach dem Fall der Mauer, gestört, es ist nicht Ihre Nationalmannschaft. Gegen Ende des Buches hat sich dies entscheidend geändert. Wie erleben Sie die Mannschaft in Polen und der Ukraine?

Mark Scheppert als Fan von Flamengo Rio de Janeiro 2010

Mark Scheppert: Ich finde, dass unser Team seit einigen Jahren ein völlig neues Gesicht bekommen hat. Gerade diese bunte Mischung mit Spielern wie Khedira, Özil und Boateng repräsentiert unser Land mit viel mehr Charme als das in den Neunzigern noch der Fall gewesen war. Neulich war ich in Polen an der Ostsee und habe gegen ein paar polnische Kids Fußball gespielt. Viele von denen wollten Klose oder Podolski sein und auch der Ukraine haben wir etliche neue Anhänger gewonnen, wie mir Augenzeugen berichtet haben.
Die Welt hat gelernt, uns mit anderen Augen zu sehen und ich finde es steht Deutschland ganz gut zu Gesicht, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht nur willkommen sind, sondern auch eine wichtige Rolle einnehmen können. Außerdem spielen sie momentan auch guten und vor allem sehr erfolgreichen Fußball!

5vier.de: In Ihrem Buch „Mauergewinner“ erzählen Sie, dass Ihre Liebe zum BFC Dynamo nach der Wende erkaltete. Wem drücken Sie nun die Daumen?

Bolivien 2000

Mark Scheppert: Richtig, als Kind hatte mich mein Vater zum BFC mitgeschleppt und nach der Wende war es gar nicht so einfach gewesen, sich auf ein neues Team einzulassen. Ein brasilianisches Sprichwort besagt, dass man die Ehefrau wechseln kann, aber niemals den Verein seines Herzens.
Wie jeder Ossi hatte ich einen Westverein, dem ich die Daumen drückte, bei mir war das Borussia Mönchengladbach, aber auch da ist der Funke (aufgrund der räumlichen Entfernung) nie so richtig übergesprungen. Als ich in Hamburg wohnte, ging ich immer zum FC St. Pauli und besuche noch immer deren Spiele, wenn sie in Berlin kicken. In meiner Studienzeit in Mannheim war ich Supporter des 1. FC Kaiserslautern und erlebte zusammen mit ihrem Anhang den Aufstieg in die 1. Liga und danach den Meistertitel. Was für zwei Jahre! Und obwohl das eigentlich aufgrund meiner Vergangenheit nicht möglich ist, gehe ich mittlerweile auch ganz gern zu Union Berlin an die Alte Försterei, nicht nur weil das Stadion in Fahrradnähe ist. Die Stimmung ist dort grandios.Ich bin also Fußballfan geblieben, habe aber seit der Wende kein eigenes Team mehr. Nur noch bei großen internationalen Turnieren leide und fiebere ich richtig mit einer Mannschaft: Deutschland.

5vier.de: Die Erlebnisse wirken autobiographisch, Sie schreiben aber unter Pseudonym. Warum?

Mark Scheppert: Bei meinem ersten Buch „Mauergewinner“ war ich nicht gerade zimperlich bei der Beschreibung meiner Eltern gewesen. Ich wollte sie durch das Pseudonym „Mark Scheppert“ eigentlich schützen. Allerdings habe ich gerade von ihnen äußerst positives Feedback erhalten, sodass ich auch unter meinem „Echtnamen“ hätte schreiben können. Spiegel Online hat das ja auszugsweise auch getan. Andererseits ist es vielleicht bei einigen Suff- und Sexgeschichten ganz gut, dass mich nicht sofort jeder Arbeitgeber „googeln“ kann. Somit habe ich „Mark Scheppert“ später einfach beibehalten.

5vier.de: Apropos Suff und Sex. Beides wird ausführlich und detailliert beschrieben. Als literarisches Stilmittel oder was versuchen Sie zu vermitteln?

Mark Scheppert: „90 Minuten Südamerika“ habe ich ohne einen Lektor geschrieben, da ich ahnte, dass mir gerade diese Passagen um die Ohren gehauen werden. Wenn ich das Buch heute noch einmal lese, denke ich allerdings auch, dass da manchmal zu viel gesoffen wird. Das Wort „Bier“ taucht 123 Mal auf und „Cerveza“ 13 Mal. Anderseits wollte ich vermitteln, dass wir jung, unbekümmert und verrückt gewesen waren. Und seien wir doch mal ehrlich: Alkohol spielt beim Fußballschauen schon eine gewisse Rolle und amouröse Abenteuer gehören in Südamerika (oder beim Reisen in jungen Jahren) einfach dazu. Man verliebt sich dort eben oftmals nicht nur in das jeweilige Land…

5vier.de: Was erwarten Sie denn für eine WM 2014 in Brasilien? Ist die Reise schon gebucht, wie es am Ende des Buches anklingt?

Venezuela 1998

Mark Scheppert: Wenn wir die EM mal außer Acht lassen, wird die Fußball-WM 2014 in Brasilien im Gegensatz zu der in Südafrika (und den Turnieren danach) ein gigantisches, euphorisches Fest werden. Die Brasilianer sind nicht nur begeisterungsfähig, sondern vor allem extrem gastfreundlich. Es gibt dort so ein ergreifendes Miteinander, eine Harmonie und Ausgewogenheit der Rassen, dass mir schon jetzt ganz warm ums Herz wird. Der Rhythmus, die Gesänge und Tänze – alles wird passen. Selbst die Infrastruktur ist gar nicht einmal so übel, lediglich die weiten Entfernungen der Spielorte werden für anreisende Fans ein Problem darstellen.
Da man Flugtickets noch nicht zwei Jahre vorher buchen kann, ist meine Reise noch nicht im Detail geplant. Allerdings habe ich zumindest in Rio de Janeiro schon eine Unterkunft klargemacht und werde auf jeden Fall am im Buch genannten Treffpunkt erscheinen. Hoffentlich spielt die deutsche Mannschaft ihre Vorrunde dann auch unter dem Zuckerhut in Rio, denn beispielsweise Manaus (ein anderer Austragungsort) ist zwar sehr schön, aber eben auch mitten im schwül-warmen Dschungel am Amazonas gelegen. Aber was macht man nicht alles, wenn man ahnt (oder sogar weiß), dass Deutschland 2014 Fußball-Weltmeister wird.

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