Alexander Kerbst – Was von innen kommt, muss echt sein

Alexander Kerbst hat in seiner Karriere schon öfter imitiert – Rudolf Moshammer, Karl Lagerfeld, Udo Lindenberg und Falco. Den gibt er auch in „Falco – The Spirit never dies“ (5vier berichtete). 5vier.de Mitarbeiterin Stefanie Braun traf sich zu einem Gespräch mit ihm.

Seit gut 25 Jahren ist er im Geschäft. 1988 machte er sein Diplom als Schauspieler. Sein Talent zur Imitation war ihm während seiner Karriere schon manches Mal behilflich. So auch, als die Figur des Falco in sein Leben trat. Vor zehn Jahren spielte er den exzentrischen Künstler in dem Musical „Falco meets Amadeus“, seitdem trifft er immer wieder auf diese massen- und medienwirksame Kunstfigur namens Falco und den sensiblen, zutiefst unsicheren Menschen namens Hans Hölzel.

„Falco kam zu mir und seitdem beschäftigte ich mich immer wieder mit diesem Menschen“, so Kerbst. Ob so eine Imitation nicht viel schwieriger ist, als die Entwicklung einer anderen Rolle, wollen wir wissen. Die Gefahr in ein „billiges Imitat“ abzurutschen erscheint doch viel größer. Doch Kerbst weiß da ein Rezept: „Man muss immer wahre Emotionen mit rein nehmen, der Kern muss ehrlich sein.“

Doch wie bringt man ehrliche, eigene Emotionen in eine Figur, die es wirklich gab und deren eigentliche Gedankengänge und Gefühlswelten man nicht kennen kann? „Es gibt bestimmte Mechanismen, die man entwickelt. Einen bestimmten Rhythmus, man lernt zu abstrahieren und doch aus dem eigenen Gefühlsfundus zu schöpfen“, erklärt Kerbst. Falco jedoch war gerade mit Frauen oft ein brutaler, gewaltvoller Mensch, aus einem solchen Gefühlsfundus kann ein Mensch ohne gewalttätige Neigungen doch gar nicht schöpfen. Oder doch?

Aus dem Fundus schöpfen

„Das ist dann der Abstraktionsvorgang, man sucht in sich nach ähnlichen Gefühlen, nach Situationen, die einen Zugang zu diesen Gefühlen geben. Als Mensch kommt es mir schon komisch vor, so gewalttätig zu sein. Doch die Brutalität der Figur muss dargestellt werden, also sucht man in sich nach Ähnlichem und zieht das größer für die Bühne. Aber man muss es aus sich herausholen, ansonsten ist es nur „gemacht“. Es muss wahrhaftig sein, sonst ist es nicht überzeugend.“ Einem Anfänger würde er eine solche Rolle nicht zumuten wollen, verrät Kerbst. „Natürlich kann man nicht alles festlegen, jede Geste, jede Bewegung. Aber wenn man eine solche Figur „lernen“ möchte, dann kann man das nicht innerhalb von sechs Wochen Probenzeit machen. Gewisse Posen und Bewegungen muss man schon verinnerlicht haben.“ Dass er bereits Erfahrungen mit den typischen Falco-Bewegungen und Gesten machen konnte, kommt ihm nun sehr zugute. „Man braucht einen Vorlauf. Es ist genauso, als würde man das erste Mal in seinem Leben tanzen, da kann man auch nicht sofort Pirouetten drehen.“

Seinen Tänzer-Kollegen hat Kerbst dabei nur eines zu sagen: „Respekt, Respekt, Respekt. Es ist richtig harte Arbeit, was die Kollegen da leisten.“ Er selbst tanzt ab und an mal mit, doch natürlich in seinem eigenen Rahmen. Als Kunstfigur Falco hat er neben den Tänzern eine Außenseiterrolle. Neben den fließenden, rhythmischen Bewegungen stehen seine starken, klar gesetzten Gesten. In Zusammenarbeit mit Regisseurin Amy Share-Kissiov feilte man bis zur Premiere noch an diesen. Eine Regisseurin mit einer Vision. „Sie weiß ganz genau, was sie will. Sie stellt sich vor die Tänzer und weiß, wie es ablaufen soll. Das ist ganz ungewöhnlich.“

Eine Choreographie kann man nicht am Schreibtisch ersinnen, sie entsteht meist in Zusammenarbeit mit den Tänzern und Schauspielern, wird wochenlang im Probenraum geübt, bis man auf die Bühne geht und schaut, was dort noch funktionieren kann.

Die Vision wird sichtbar

„Sie möchte hinter die Fassade von Falco schauen, dabei gibt es den normalen Hans Hölzel und die Kunstfigur Falco, zwischen denen eine immer größere Kluft entsteht. Jetzt wo die Technik, die Kostüme und das Licht dazu kommen, wird diese Vision immer deutlicher.“ Dabei taucht auch die Frage auf, warum es diesen von Grund auf schüchternen, unsicheren Menschen ins Licht der Öffentlichkeit zog. Hans Hölzel litt zeit seines Lebens unter der mangelnden Anerkennung der Mutter, Falco suchte diese Anerkennung dann im Applaus des Publikums. „Gerade diese Abgründe machen einen Künstler doch erst zu dem, was er ist und nur deshalb will man ihn überhaupt sehen. Diese Abgründe machen ihn interessant. Warum sind viele großen Künstler so selbstzerstörerisch, obwohl sie doch oberflächlich alles haben? Weil ihnen eben doch etwas fehlt.“ In Wien traf Kerbst vor ein paar Jahren einige ehemalige Vertraute Falcos, darunter seinen Friseur, der Falco als einen eher schüchternen Typ beschrieb: „Aber er zog alle Blicke auf sich, sobald er einen Raum betrat, weil er genau wusste, was er wollte und wie er es wollte.“

Eigentlich auch vonseiten des Zuschauers ein Akt der Gewalt, gerade dann umso neugieriger hinzuschauen, wenn man merkt, dass es dem anderen an etwas fehlt. Es ihm deswegen vielleicht sogar nicht gut geht. Vielleicht wäre es Falco zeit seines Lebens besser gegangen, wenn er ein einfacher aber zufriedener Hans Hölzel geblieben wäre? „Aber dann hätten wir keinen „Amadeus“ und keine „Jeanny“, eine Biographie kann man nicht ändern und als Künstler kann man nicht perfekt sein und alles richtig und bewusst machen. Man muss nur aufpassen, dass es nicht kippt.“

Die Premiere am 20. April war ein voller Erfolg (5vier.de berichtete). 5vier.de wünscht allen Beteiligten noch viele erfolgreiche Vorstellungen!

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