Eintracht Trier: Der etwas andere Jahresrückblick – Teil 1

Von Martin Köbler

Es ist Mittwoch, der 9. Juni 2010. Überall herrscht Vorfreude auf die in gerade einmal zwei Tagen im entfernten Südafrika beginnende Fußball-Weltmeisterschaft. Egal, ob auf den Schulhöfen in München, Berlin, Castrop-Rauxel oder Grevenbroich, in Plenarsälen oder Wartezimmern, in Steuerberaterkanzleien oder Schalterräumen – für Gesprächsstoff ist, so man denn an das runde Leder denkt, mehr als reichlich gesorgt. „Wer schießt das erste Tor der WM?“ – „Wer wird Weltmeister?“ – „Wie weit kommen wir, die Deutschen?“ Die Monotonie der gleichen Fragen ist schier unendlich, blicken doch viele nur alle vier Jahre mit gesteigertem Interesse auf die schönste Nebensache der Welt, die in 48 Stunden ihre weiten Tore wieder öffnet, um einen ganzen Monat omnipräsent die Menschen auf dem Globus dauerhaft zu beschallen – ob sie wollen oder nicht.

Doch an diesem Morgen des 9. Juni 2010 gibt es im tiefen Südwesten der Republik unweit der luxemburgischen Grenze auch andere Fragen, die in den Köpfen der Fußballbegeisterten umherschwirren. Fragen, die die sonst so große Vorfreude auf das Erlebnis Weltmeisterschaft nicht nur schmälern, sondern geradezu im Keim zu ersticken drohen. „Was wird aus der Eintracht?“ ist eine davon. Auch hier – Monotonie der immer selben Frage, aber im Gegensatz zum Großereignis der Fußball-Weltmeisterschaft wahrlich aus dem Herzen kommend, von einer überschaubaren Menge von Anhängern dieses Sports in quälenden Wiederholungen immer und immer wieder ins Gedächtnis zurückgeholt. „Ja, Herr Gott noch einmal, was wird aus der Eintracht?“

Foto: „Quo vadis?“ – Bis in den Juni eine Frage, deren niederschmetternde Antwort wie durch ein Wunder ausblieb.

Was aus der Eintracht wird, das war seit Ende Mai eigentlich klar. Ein letztes desaströses 0:3 vor heimischem Publikum gegen den 1. FC Kaiserslautern II unter den Hohngesängen des spärlichen mitgereisten Lauterer Anhanges sollte den Schlußpunkt unter das Kapitel Regionalliga und unter die Viertklassigkeit des Vereines setzen, der seit seiner Gründung bis zum Jahre 2006 im Ligensystem niemals unterhalb einer dritten Staffel angesiedelt war. Kein Sieg in der Rückrunde, Mario Baslers Wunsch, etwas „aufzubauen“, etwas „stark zu machen“, längst torpediert, vergessen und ad absurdum geführt weil ins Gegenteil verkehrt, Reinhold Breu installiert, verschlissen und durch Roland Seitz ersetzt. Eben jenen Roland Seitz, der nur knappe vier Jahre vorher bereits an der Mosel aktiv war, die Eintracht aus einem Scherbenhaufen in der Oberliga auf Anhieb an die Tabellenspitze hievte, ehe er dem Ruf des Profi-Fußballs nach Paderborn folgte. Doch der Ruf, er hallte nicht lange nach. Paderborn, Aue, Reutlingen – und nun wieder Trier. Das Echo der Vergangenheit hat den Oberpfälzer mit dem wirren Schnurrbart Mitte April wieder eingeholt – zu einer Zeit, da ein anderes Echo – nämlich das der glorreichen Vergangenheit des Trierer Traditionsvereines – langsam aber sicher zu versiegen drohte. Dabei war nahezu jedes Wort, dass man über den Verein und die Mannschaft Eintracht Trier im Frühsommer 2010 verlieren wollte, zuviel. Tradition ist eben doch das Weiterreichen des Feuers – und nicht das Anbeten der Asche.

Foto: „Was habe ich mir das bloß wieder angetan?“ – Roland Seitz während des letzten Ligaspieles 2009/2010 gegen den 1. FC Kaiserslautern II.

Tabellenletzter, niederschmetternde 28 Punkte nach 34 Spieltagen, seit November 2009 ohne Sieg und Ewigkeiten ohne eigenen Torerfolg. All das, was den Fußball so liebenswert macht, schien überall zuzutreffen – nur nicht an der Mosel. Spieler flüchteten (wie Gustav Schulz), wurden aussortiert (wie Florian Bauer), kehrten dem Verein dem Rücken (wie Martin Wagner) oder wurden förmlich vom Hof gejagt (wie Sahr Senesie). Selbst die Metaphorik eines Scherbenhaufens wäre ein Lob gewesen für die Eintracht, die längst nicht mehr in den Spiegel schauen konnte. Kritik am Vorstandstrio um Ernst Wilhelmi, Harry Thiele und Roman Gottschalk wuchs, ein kompletter Neuanfang wurde gefordert. Den SV Auersmacher und Alemannia Waldalgesheim vor Augen, blätterte auch der letzte Rest der goldenen Vergangenheit am Ebenbild der Eintracht ab, Eiszeit drohte ob Gegnern wie den Sportfreunden aus dem Eisbachtal oder – um die Schmach zu steigern – der Reservemannschaft des SV Elversberg 07.

„Glück“, so sagte einst der preußische Generalfeldmarschall Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke, „hat auf Dauer nur der Tüchtige.“ Da hat er die Rechnung allerdings ohne die Eintracht gemacht – was logisch erscheint, ist Graf von Moltke doch auch bereits vierzehn Jahre vor der Gründung des T.F.C. 1905 durch Ernst Vent bereits verstorben. Denn wenn sich die Eintracht in den letzten fünf Jahren durch etwas nicht ausgezeichnet hat, dann war es Tüchtigkeit. Zu oft sind die Anhänger enttäuscht worden, auf den tränenreichen Abschied aus der zweiten Liga am 22. Mai 2005 im Saarbrücker Ludwigspark folgte das Desaster Regionalliga Süd, zwei Jahre Oberliga, eine mit Mühe und Not ins Ziel gerettete Qualifikation für die neu gegliederte Regionalliga, langer Abstiegskampf, Zwischenhoch im DFB-Pokal und in der Liga, Absturz ins Bodenlose. Glück hat nur der Tüchtige – oder derjenige, der drei Vereine findet, die untüchtiger waren als der eigene. Es scheint ein Absurdum zu sein, aber einzig und allein die Beschaffenheit der Regionalliga-Struktur, gegen die Verein, Mannschaft und Anhänger seit Anbeginn der Ligenreform protestierten und sich vehement wehrten, sichern am Nachmittag dieses Mittwoches zwei Tage vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft zumindest die Viertklassigkeit. Rot-Weiß Essen, Bonner SC, Waldhof Mannheim. Alle drei sind entweder Opfer eigener Planlosigkeit und Selbstübeschätzung (Essen), zu geringer liquider Mittel (Bonn) oder zu großer Lasten der Vergangenheit (Essen und Mannheim). Doch sie alle vereinen das, was alle seit der Taufe der dreigleisigen Regionalliga mit mahnenden Worten gen DFB-Zentrale in Frankfurt am Main sandten: „Dies ist der Tod eines jeden Traditionsvereines.“

Es ist skurrill, sonderlich und fast nicht zu begreifen, dass durch die Bewahrheitung dieser Aussage der Kollaps eines anderen Traditionsvereines vermieden werden konnte.

Stichworte:

Kommentare (2)

Antworten | Trackback URL | RSS

  1. Karl-Heinz Müller, Köln sagt:

    Da wir in Köln wohnen und zu jedem Heim- und Auswärtsspiel der Eintracht fahren, aber hier natürlich keinen haben mit
    dem man sich über die Eintracht unterhalten kann, ist es
    für uns sehr erfreulich ihre Artikel zu lesen. Diese tun
    einem richtig gut und lassen sich sehr gut lesen.
    Ihr macht das hervorragend!!!
    Weiter so.
    Alles gute im „Neuen Jahr“
    Viele Grüße aus Köln
    Karl-Heinz und Angelika Müller

  2. Guido sagt:

    Wow, toller Artikel!

Antworten

Wir freuen uns über Kommentare und möchten allen Lesern die Möglichkeit geben, kritisch zu den Themen und Artikeln Stellung zu beziehen und ihre Meinung kundzutun. Wir behalten uns das Recht vor, jeden Kommentar vor Veröffentlichung redaktionell zu überprüfen und nur Kommentare freizuschalten, die sich sachlich mit dem Thema des Beitrags beschäftigen.
Spielregeln