Fußball: Fans als Risiko – Der Sicherheitsgipfel und die Folgen

Von Andreas Gniffke und Florian Schlecht

Vor wenigen Tagen trafen sich die Vertreter der deutschen Profivereine auf Einladung von DFB und DFL in Berlin, um über die Sicherheit in deutschen Fußballstadien zu beraten. Auch Innenminister Friedrich war anwesend, es scheint schlimm zu stehen um den deutschen Fußball. Verabschiedet wurde ein Verhaltenskodex, der eine deutliche Warnung an die Fußballfans enthält. Beschlossen wurde aber auch, die Fanprojekte finanziell stärker zu unterstützen. Das Vorhaben droht aber zur Mogelpackung zu werden.

Ein Fanprojekt gibt es auch in Trier. Die Ergebnisse des Sicherheitsgipfels werden dort skeptisch gesehen.

Es ist eine paradoxe Situation. Vereinsvertreter und Verbandsfunktionäre setzen sich mit Politikern an einen Tisch und sprechen über den Fußball. Nicht am Tisch sitzen die, um die es geht, nämlich die Fans. Schlug man vonseiten des DFB und der DFB in den letzten Monaten nahezu jedes Angebot aus, mit den Fanvertretern in Kontakt zu treten und den Dialog zu suchen, schloss man diese beim groß angekündigten Sicherheitsgipfel gleich vollständig aus. Dass dies die Fronten weiter verhärten wird, wurde wissentlich in Kauf genommen und ist vielleicht sogar gewünscht.

Nur einer der eingeladenen 56 Profivereine widersetzte sich der obskuren Veranstaltung: Union Berlin. In einer Presseerklärung des Vereins erklärte Präsident Dirk Zingler die Gründe.

Die Kürze der Zeit ließ eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Vorschlag für einen gemeinsamen Kodex der Vereine sowie eine Diskussion über Maßnahmen und Vorschläge zu den Bereichen Prävention, Kontrollsysteme und Sanktionierung leider nicht zu. Wir erachten einen breiten Konsens innerhalb unseres Vereins unter Einbeziehung möglichst vieler Beteiligter, wie z. B. der Fanbeauftragten, Sicherheitsbeauftragten und Gremien sowie der Fan- und Mitgliederabteilung als zwingende Voraussetzung, um Maßnahmen, welche unseren Verein und seine Fans betreffen, auch wirksam umsetzen zu können. Für den 1. FC Union Berlin ist der seit Jahren mit der Fanszene des Vereins geführte Dialog von elementarer Bedeutung und neben Regeln und Sanktionen Basis des friedlichen Ablaufes von Fußballspielen. Ein Kodex, der sich auf das Verhalten der Union-Fans auswirken soll, kann nur mit ihnen gemeinsam erarbeitet und umgesetzt werden.

Soviel Vernunft scheint den Vertretern der anderen Vereine fremd zu sein, die Ergebnisse des Gipfels sind entsprechend überschaubar. Verabschiedet wurde ein Verhaltenskodex, in dem deutlich gemacht wird, dass jegliches Fehlverhalten drastische Strafen nach sich ziehen wird (zum Text). So wird zum Beispiel die maximale Dauer von Stadionverboten von drei auf zehn Jahre erhöht. Bei Zwischenfällen (man denke nur an Pyrotechnik) sollen außerdem Fanprivilegien (beispielsweise spezielle Ticketkontingente) in Frage gestellt werden. Um die “einzigartige Fan-Kultur zu erhalten”, soll weiter in eine lückenlose Überwachung durch Videosysteme investiert und weitere infrastrukturelle Maßnahmen getroffen werden. Schöne neue Fußballwelt.

„Hier geht es nur um Symbolpolitik“

Mehr Geld für die Fanprojekte? "Das kann zur Mogelpackung werden." Foto: Anna Lena Grasmück

Thomas Endres vom Fanprojekt Trier ist erschrocken über die Ergebnisse des Sicherheitsgipfels: „Längere Stadionverbote haben keine Wirkung. Hier geht es nur um Symbolpolitik für die Öffentlichkeit, dass irgendetwas getan wird.“ Für den Pädagogen sind die restriktiven Forderungen kein Weg, mit dem er sich anfreunden kann. „Die Leute einfach noch länger auszuschließen löst kein Problem, sondern führt nur zu Verlagerungen. Bei konkreten Anlässen äußern wir uns kritisch gegenüber manchen Verhaltensweisen der Fans. Dabei stellen wir fest, dass mit Kommunikation auf Augenhöhe durchaus Veränderungen möglich sind.“

Diese blieb aber bei dem Gipfel auf der Strecke, dessen Akteure ausschließlich Politiker und Vereinsvertreter waren. „Die Fronten zwischen Verband und Fans werden sich weiter verhärten“, befürchtet Endres angesichts des fehlenden Dialogs eher einen Bumerang-Effekt.

„Jugendarbeit gehört zu den Uraufgaben des Staates“

Auch die vermeintlich guten Nachrichten des Gipfels trösten ihn nicht. So werden DFB und DFL ihren Anteil an den Zuwendungen zu Fanprojekten auf 50 Prozent (vorher: 33 Prozent) erhöhen, was zunächst voreilig als höhere Investition in die Gewaltprävention dargestellt wurde. Ob die Fanprojekte davon wirklich mit mehr Geld profitieren, ist mehr als fraglich. Denn die finanzielle Beteiligung von Land und Kommunen an den Einrichtungen sinkt damit gleichzeitig von einem Drittel auf jeweils ein Viertel. Zieht die öffentliche Hand also Gelder zurück, profitieren die Fanprojekte von der Neuregelung im schlimmsten Fall überhaupt nicht, sondern müssen mit den gleichen Etats wie in der Vergangenheit auskommen. „Anders würde es aussehen, wenn Land und Kommune ihre Beiträge auf dem aktuellen Level halten würden. Dann stünde uns mit dem erhöhten Zuschuss des DFB tatsächlich mehr Geld zur Verfügung“, so Endres.

Zwar schätzt der Trierer den Deutschen Fußballverband als „verlässlichen Partner“ ein. Sorgen macht er sich aber darüber, dass Länder und Kommunen ihr Engagement zurückschrauben. Ähnliche Erfahrungen machte das Fanprojekt Trier bereits im Jahr 2011 und nun auch in 2012, als der Kreis Trier-Saarburg seine Unterstützung von jeweils 15.000 Euro verweigerte. Mit Mühe brachte die Einrichtung im Exhaus einen Träger auf, der die Finanzierungslücke stopfte. Bei 90.000 Euro liegt der Jahresetat, 30.000 Euro zahlte bislang der DFB, 30.000 Euro das Land, 15.000 Euro ein Spender und 15.000 Euro die Stadt Trier.

Die kündigte im Rahmen aber bereits ein, die Leistungen der kommunalen Daseinsvorsorge im Jugend- und Sozialbereich für den laufenden Haushalt und die folgenden Jahre um fünf Prozent zu kürzen. Dies könne, so die Drohung, nur der Einstieg für weitere Kürzungen sein. „Ich befürchte eine Mogelpackung, bei der uns am Ende eben nicht mehr Geld zur Verfügung steht“, so Endres. Für das Fanprojekt an der Mosel, das Jugendliche auch bei Bewerbungen und der Suche nach Ausbildungsplätzen unterstützt, würde das einen anhaltenden Kampf ums Überleben bedeuten. „Dabei gehört Jugendarbeit zu den Uraufgaben des Staates“, meint Endres, der jedoch bei den Fanprojekten einen schleichenden Rückzug der öffentlichen Hand erkennt.

Ein Abbruch des Dialoges droht

Die Teilnehmer der Konferenz sprachen sich außerdem für den Erhalt der Stehplätze aus. Innenminister Hans-Peter Friedrich legte allerdings bereits im Vorfeld einen drohenden Unterton in sein Bekenntnis: Die Stehplätze sind Bestandteil der Fankultur und stehen derzeit nicht zur Disposition. Dass dies so bleibt, haben die Fans selbst in der Hand.” So will die Nürnberger Faninitiative “Rot-Schwarze Hilfe” bereits erfahren haben, dass die Abschaffung bereits längst beschlossene Sache sei. Man warte nur noch auf ein paar Vorfälle, um dies dann rechtfertigen zu können. Zuzutrauen wäre es dem Verband und der Politik, denen auf dem Weg zur endgültigen Kommerzialisierung des Fußballsports jedes Mittel recht zu sein scheint. Überhaupt verstärkt die Politik den Druck auf die Vereine. „Die Vereine müssen deutlich mehr gegen Pyrotechnik und Chaoten in den Stadien unternehmen“, erklärte NRW-Innenminister Ralf Jäger am gestrigen Montag nach einem treffen der Innenminister mit DFB und DFL.

Fanvertreter fordern unterdessen den Abbruch des sowieso nur noch rudimentär vorhandenen Dialogs mit dem Verband. So äußerte sich Philipp Markhardt, Sprecher der einflussreichen Initiative „Pro Fans“ gegenüber stadionwelt.de: „Sollte es tatsächlich zu der angekündigten Verlängerung der Dauer von Stadionverboten kommen, werden wir über einen Abbruch der Gespräche nachdenken müssen. Ich gehe derzeit davon aus, dass die Mehrheit unserer Mitglieder dann keine Basis mehr für einen Dialog sehen wird.“

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