Es heißt VernuNft, nicht VernuMft!

Ein Kommentar zum Theaterstück "Verrücktes Blut"

Eine Lehrerin steht vor einer großen Aufgabe – Integration. In einen Klassenraum geworfen mit Schülern unterschiedlicher Herkunft, alle haben mit sich, „Kanackengehabe“ und der Situation zu kämpfen. Wenn es doch nur eine Möglichkeit gäbe, diesen „f*** dich“-Schülern eine Lektion zu erteilen.

Vom Théâtre Grand-Ducal in Echternach wurde am 28. September das Stück „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hilje aufgeführt. Es geht um Rassismus, Machtverhältnisse und Vorurteile im jugendlichen Alltag. Die Schüler einer Asylantenklasse scheinen sich alle nicht leiden zu können, die Lehrerin schon recht nicht.

Es gibt ein Bühnenbild: Ein Klassenraum, bestehend aus Stühlen und einem alten Radio. Das Stück wirkt zu Beginn noch recht amüsant, werden hier doch derb-witzige Sprüche rausgehauen, die einen zum Schmunzeln bringen können. Als die Lehrerin jedoch aus der Tasche eines Schülers eine Pistole zieht, schlägt der Ton im Theaterunterricht um. Nach einem kurzen Handgemenge wird der erste Schüler verletzt und die übrigen merken, dass jetzt ein anderer Wind wehen wird. Die lockere Atmosphäre muss einer angespannten Stimmung weichen. Die Lehrerin will den Jungs Respekt einflößen, indem sie sie bloßstellt. Die Muslima muss ihr Kopftuch ablegen, um das Zeichen der Unterdrückung hinter sich zu lassen und ein neues Selbstbewusstsein zu schaffen. Der schüchterne Junge muss ihr dafür die Möglichkeit geben, sich als Macho auzufführen, um dann von ihr geschlagen zu werden. Unorthodoxe Methoden.

Die Waffe an sich hat von Anfang an einen leicht surrealen Charakter und dieser überträgt sich schnell auf das ganze Stück. Warum soll der eine jetzt mit heruntergelassener Hose ein Stück von Shakespeare vortragen, warum soll die Schülerin ihrem Mitschüler „ordentlich eine reinhauen“? Die für die Schüler als alltäglich empfundene Gewalt als Mittel nutzen, um Gewaltfreiheit durchzusetzen? Dabei scheint es zu funktionieren, immerhin folgt eine befreiende Gesangseinlage nach dem Ablegen des Kopftuchs. Die Stimme eines Kontertenors, eine männliche Stimme, gesungen von einem Mädchen.

Irgendwann kommt auch jene Schülerin in den Besitz der Waffe und schubst ebenfalls die anderen rum. Alle scheinen in dem Stück, dass sie im Unterricht spielen, voll und ganz aufzugehen. Der nächste Bruch: Der Lehrerin wird wieder die Waffe gegeben und sie entscheidet sich dafür, den Schülern die Möglichkeit zu geben, einen aus ihrer Mitte hinrichten zu lassen. Sie entscheiden sich dagegen, die Lehrerin ist empört. Wer hat an dieser Stelle jetzt etwas gelernt? Zuletzt gelangt die Waffe wieder in die Hand eines Schülers, der nicht damit einverstanden ist, das alles vorbei sein soll. Er betont, dass  sich sowieso nichts ändere.

So ganz wird die Botschaft nicht klar. Die surreale Situation – eine hysterische Lehrerin bedroht ihre Schüler mit einer Waffe um endlich einen normalen Unterricht führen zu können – verzerrt das Gesamtbild etwas. Gewalt soll keine Lösung sein, scheint aber doch zu funktionieren. Auch der harte Bruch zwischen lockerem Anfang und harter „Realität“ im späteren Teil fällt auf. Am Schluss wirkte man ein wenig alleingelassen mit offenen Fragen, mit Lücken. Man wird die Surrealität nicht mehr los, das Stück wird sie nicht los.

Von Sebastian Finke

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