Weihnachtswunsch

Eine Kurzgeschichte der Trierer Autorin Kristina Schulz für 5vier.de

Der Weihnachtsmann in flagranti erwischt, wie er am Ende eines Trierer Kamins ankommt. – Die Kurzgeschichte der Autorin Kristina Schulz passt zu dem aktuellen Themenfeld „Weihnachten“: Ob zu unserer „Stress-Postkarte“, der Deco in der Druckerei Schaubs, dem Traben-Trarbacher Coca-Cola Weihnachtstruck bzw. dem Underground-Weihnachtsmarkt dort oder dem heute und am 4. Advent sich ganz und gar familiär präsentierenden Olewiger Weihnachtsmarkt – ohne „den großen“, den Trierer Weihnachtsmarkt zu vergessen.

 

Weihnachtswunsch

Mein lieber Polarstern, war das eng! Als ich mich letztens in einen Trierer Kaminschacht abseilte, bekam ich einen Wadenkrampf, Seitenstechen und Atemnot. Der vollgestopfte Geschenkesack scheuerte gnadenlos über die Innenwand. Ich hätte den Schlitten und die Rentiere, alle außer Rudi, verkaufen und mir stattdessen ein Paar Skier zulegen sollen. So wäre ich die zwanzig Kilo überflüssige Üppigkeit längst losgeworden und wie ein Stück fettarmer Butter durch die Kamine Triers geflutscht!

 

Unten angekommen, erschrak ich vor den drei Gestalten, die stramm auf dem Wohnzimmerboden saßen und mich musterten. Zweifellos Brüder, vielleicht zwölf, zehn und acht Jahre alt, das gleiche blonde Haar, die gleichen blassen Gesichtchen, die gleichen schmalen Brüstchen. Der Älteste stand auf.

„Sind Sie der Weihnachtsmann?“ fragte er ernst.

Vorsichtig stellte ich meinen Sack ab, denn das ganze gewünschte Plastik- und High-Tech-Zeug durfte nicht zerbrechen, und wischte mir mit dem Handschuh über die heiße Stirn.

„Junger Mann“, antwortete ich. „Ich könnte selbstverständlich der verkleidete Osterhase sein.“

„Könnten Sie nicht.“

Der Junge kam auf mich zu, in seiner Hand blitzte eine Klarsichtmappe auf. Dieser entnahm er ein Papier und legte es auf den Tisch zu meiner Linken, genauso ein zweites und ein drittes.

„Gucken Sie doch – unsere Zeugnisse.“

Mein Sternchen, türmten sich die Einsen in allen Spalten und Zeilen! Der strenge Kerl legte noch einen Zettel dazu. Ich las:

Sehr geehrter Herr Weihnachtsmann,
hiermit bestätige ich, die Mutter von Jeremias, Jonas und Jan, dass meine Söhne sich seit dem 25. Dezember letzten Jahres tadellos betragen haben.
Mit lieben Grüßen,
Mama Monika

„Und wir haben noch was für Sie.“

Der älteste Sohn zog einen Weichball aus seiner Schlafhosentasche und ließ ihn hüpfen – mit den Füßen, mit den Knien, den Ellbogen, Schultern, sogar mit dem Kopf! Nachdem er geendet hatte, riss er mich aus der Starre des Staunens mit den Worten:

„Ich hätte gern eine Xbox 360 Super Elite mit Wireless Controller und Call of Duty: Modern Warfare 2, bitte.“

Mit der ganzen mir möglichen Feierlichkeit überreichte ich dem Mini-Champion sein Geschenk.

 

Daraufhin erhob sich der mittlere Sohn und rezitierte „Mosella“ mit solch vollendeter Intonation und himmlischer Stimme, dass mir faustdicke Tränen in die Augen stiegen. Im nächsten Moment hätte ich selbst angefangen, den guten Ausonius zu besingen, hätte Goldkehlchen nicht nach seinem Geschenk verlangt. Mit der ganzen mir möglichen Ehrfurcht überreichte ich auch dieses.


Der jüngste und kleinste Sohn schließlich zog einen Stuhl heran und fragte:

„Möchten Sie sich hinsetzen?“

Ich setzte mich in Erwartung der Offenbarung eines weiteren sinnesraubenden Talents, als der Knirps seine in einen Verband gewickelte Hand hob:

„Können Sie machen, dass meine Finger wieder gesund sind?“

„Was ist denn passiert?“

„Der Zwerg hat versucht, einen vollen Einkaufskorb zu schleppen“, antwortete der Älteste, „ist gestolpert und hingeknallt.“

Ich beugte mich zu dem kleinen Mann vor.

„Warum hast du das denn gemacht? So ein Einkaufskorb ist viel zu schwer für deine Ärmchen.“

„Ich wollte der Mama helfen“, quiekte er. „Wenn du meine Finger nicht reparieren kannst – kannst du dann Mama so stark machen wie Superman? Damit sie alles tragen kann, was sie will, und kein Rückenweh hat?“

„Ähm. Leider nein.“ Ich linste zu dem samtumspannten Geschenkehaufen, der an einen vollen Gelben Sack, nur in Rot, erinnerte und überlegte, ob nicht doch ein Spielzeug für den Kleinen…

„Kennst du Gott?“ fragte der jüngste Sohn.

„Klar, wohnt bei mir um die Ecke da oben.“

„Kannst du ihn um die Superkräfte für meine Mama bitten? Ich hab’s versucht, aber es klappt nicht. “ Nachdenklich schaute auch er auf den Sack. „Vielleicht gibt er dir ja auch welche…“

 

(5vier.de hat versucht, das Text-Layout von Kristina Schulz so gut wie möglich zu übernehmen).

© Kristina Schulz und © Maisenbacher Medien GmbH
Dieser Textbeitrag ist nicht für eine weitere Verwendung freigegeben. Er ist Bestandteil bzw. Auszug aus einer Buchedition der Maisenbacher Medien GmbH. – Bei Nachfragen erreichen Sie uns unter der Telefonnummer 0651-25.900

Stichworte:

Kommentare (0)

Trackback URL | RSS

Antworten

Wir freuen uns über Kommentare und möchten allen Lesern die Möglichkeit geben, kritisch zu den Themen und Artikeln Stellung zu beziehen und ihre Meinung kundzutun. Wir behalten uns das Recht vor, jeden Kommentar vor Veröffentlichung redaktionell zu überprüfen und nur Kommentare freizuschalten, die sich sachlich mit dem Thema des Beitrags beschäftigen.
Spielregeln