Eintracht Trier: Rund ums Spiel Eintracht Trier gegen FC St. Pauli

Von Andreas Maldener

Das Pokalfieber dürfte bei den meisten Eintracht-Anhängern nach dem furiosen und hochdramatischen 2:1-Sieg im Moselstadion über Zweitligist FC St. Pauli zumindest allmählich abgeflacht sein. Doch sollten einige „Fußball-Verrückte“ noch immer nicht genug haben oder etwa nach einer rauschenden, durchzechten Pokalnacht einige verloren gegangene Erinnerungen wieder hervorbringen wollen, bietet 5vier.de-Redakteur Andreas Maldener mit einer etwas anderen Zusammenfassung der Ereignisse vom vergangenen Samstag die passende Lösung: Eine Schiedsrichterin, deren Beliebtheitsgrad über 90 Minuten hinweg massive Variationen aufwies. St. Pauli-Fans, die ihrem „Vorbild“ auf besondere Art und Weise eine Ehre erwiesen. Eine Stadionshow, die sich sehen lassen konnte. Und das liebe Geld darf natürlich auch nicht zu kurz kommen.

Umringt von Männern! Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus wurde vor Spielbeginn gefeiert, doch während des Spiels schienen diese Sympathien verloren zu gehen.

Tatort „Moselstadion“

Der ARD-Tatort „Im Abseits“ zur Frauenfußball-WM stieß bei eingefleischten Fußballfans auf mehr Kritik als Zustimmung. Doch dass ein Tatort, der sich rund um König Fußball dreht, durchaus spannungsgeladen und mehr als nur emotional sein kann, zeigte der 30. Juli 2011 im Trierer Moselstadion. Der Trierer Tatort „Moselstadion“ war an Spannung wohl kaum zu überbieten, eine solche Dramaturgie hätte keiner der Autoren des ARD-Kultgenres so nachzeichnen können: Ausgleich in der 88. Minute, Führungstreffer für die Eintracht nur eine Minute später, dann ein Lattenkracher in der Nachspielzeit. Nichts für schwache Nerven! Und die Analogien zu einem echten Tatort werden komplettiert durch die Tatsache, dass eine echte Kommissarin die Leitung übernahm: Bibiana Steinhaus, ihres Zeichens WM-Final-Schiedsrichterin der Frauen in Deutschland, leitete zusammen mit ihren Assistenten die Ermittlungen an der Mosel.

Vor dem Anpfiff war sie sichtlich guter Laune - Bibiana Steinhaus mit Eintracht Torwart-Trainer Sascha Purket

Es ist eher unüblich, dass Schiedsrichter vor Spielbeginn bei ihrem Warmmachprogramm Zustimmung oder auch Ablehnung erfahren, der geneigte Fußballzuschauer steht dem Unparteiischen bis zum Anpfiff meist neutral gegenüber. Doch die „Bibi, Bibi“-Rufe und der tosende Applaus waren nicht zu überhören, als Kommissarin Steinhaus ihre Runden auf dem Rasen drehte. Die sympathische Schiedsrichterin hat sich in der deutschen Fußballszene einen Namen gemacht. Kamen der hübschen Hannoveranerin vor Spielbeginn noch alle Sympathien entgegen, änderte sich dieses Bild bereits zur Halbzeit: Mit Pfiffen wurde das Schiri-Gespann in die Katakomben begleitet und einige (vornehmlich männliche) Zuschauer wüteten:“Ein Frauen-WM-Finale ist eben doch kein Männerfußball.“

Denn Steinhaus und ihre Assistenten an der Seitenauslinie sahen mehr als nur einmal nicht gut aus. Die eindeutigste Szene spielte sich dabei in der 66. Minute ab: Aus dem Gewühl heraus klärte Ahmet Kulabas den Ball fair ins Seitenaus, weil ein Spieler der St. Paulianer verletzt am Boden lag. Die Kugel war bereits im Aus, da rauschte in brutaler Manier Jan-Philip Kalla dem Trierer Kulabas von hinten in die Beine. Die Hannoveranerin Steinhaus beließ es jedoch bei einer gelben Karte, obwohl in dieser Situation – vor allem, um in der hitzigen Schlussphase ein eindeutiges Zeichen an die Akteure auf dem Rasen zu setzen – einzig und allein der rote Karton gerechtfertigt gewesen wäre.

Doch nach diesem rauschenden Sieg dürfte diese Szene nur allzu schnell aus dem Trier Gedächtnis gelöscht sein. Vor allem, weil es ebenjener Jan-Philip Kalla war, der nach dem Trierer Führungstreffer durch Neuzugang Martin Hauswald mit seinem Gewaltschuss nur die Unterkante der Latte traf. „Die Strafe folgt auf dem Fuße“, könnte man meinen, auch wenn in diesem Fall rund 25 Minuten zwischen der Straftat und der Bestrafung lagen.

St. Pauli-Fans huldigen Karl Marx

Bereits um neun Uhr wurde die „Festung Trier“ von den Paulianern eingenommen, als der Sonderzug aus Hamburg die Moselstadt erreichte. Doch in der Geburtsstadt von Karl Marx verhielten sich die Fans des FC St. Pauli keinesfalls daneben, und das auch nach dem bitteren Ausgang des Spiels: Friedlich feierten sie vor dem Wahrzeichen der  ältesten Stadt Deutschlands, der Porta Nigra, auf dem Hauptmarkt und vor dem Geburtshaus des wohl bekanntesten Trierers. Dass dabei an der Mosel, vor allem noch an einem Samstag in den Sommerferien, ein kleines bis mittleres Verkehrschaos drohte, schien die feiernde Meute dabei kaum zu interessieren. Warum auch? Wenn man eine stundenlange Fahrt im überfüllten Sonderzug auf sich nimmt, darf man sich durchaus die Zeit nehmen, den ein oder anderen Schnappschuss vor Triers Wahrzeichen zu fabrizieren.

Mit dieser Choreographie huldigten die Pauli-Anhänger vor Spielbeginn Karl Marx auf kreative Art und Weise.

Auch im Stadion selbst huldigten die Pauli-Anhänger, die schon seit jeher bekannt dafür sind, ihre Ansichten und Ideale in markigen Sprüchen zu verpacken, dem gebürtigen Trierer Karl Marx: Auf einer Choreographie zu Beginn des Spiels zitierten sie einige Ausschnitte aus Marx` Gedicht „In seinem Sessel“. „In seinem Sessel sitzt schweigend, behaglich dumm, das deutsche Publikum“, lautete die Kernbotschaft, dazu prangerte das Gesicht des Trierer Philosophen auf der Choreo. Marx selbst dürfte mit diesem Gedicht einmal mehr seinem Ruf als Kritiker der modern-bürgerlichen Gesellschaft nachgekommen zu sein. Doch einige Zuschauer im Moselstadion erkannten in den markigen Worten auch Parallelen zur aktuellen Situation in der Welt des Fußballs: Eine steigende Kommerzialisierung und das oft gescholtene „Eventpublikum“ in den großen deutschen Fußballarenen stößt auch den traditionsbewussten Paulianern über auf. Ihre „Sozialromantiker“-Bewegung untermauerte diese Position, als der Kern der Ultra-Szene sich gegen Logenplätze im heimischen Millerntorstadion wehrte. Ob Kritik am modernen deutschen Fußball oder lediglich als Huldigung an den Trierer Karl Marx gedacht, die Choreographie der St.Pauli-Fans konnte sich sehen lassen.

Köbi“ und Helmut Leiendecker – eine Mischung, die passt!

Neuer SVE-Stadionsprecher Martin Köbler

Er ist der neue am Mikrofon im Moselstadion. Martin Köbler aus Klotten bei Cochem, Eintracht-Fan durch und durch, wird in der kommenden Saison durch das Stadionprogramm der Eintracht führen. Gestern feierte der neue Stadionsprecher, der im Umfeld des SVE nur unter dem Spitznamen „Köbi“ bekannt ist, gegen St. Pauli seine Premiere. Und er machte seine Sache mehr als nur gut: Mit geballtem Fachwissen und vielen schönen Hintergründen führte er durchs Programm, die Aufstellung und die obligatorischen „Eintracht“-Rufe meisterte er ebenso fehlerfrei und mit der Energie eines wahren Eintracht-Anhängers. Unterstützt durch die völlig neu aufgebaute Videowall an der Zurmaiener – übrigens „erbaut“ von Markus Köbler, dem Bruder des Stadionsprechers – mit vielen schönen Animationen und einem einprägsamen Design ergab sich eine tolle Mischung.

Helmut Leiendecker (Mitte) und die Leiendecker Bloas sorgten für Stimmung im Stadion.

Als Helmut Leiendecker dann rund eine halbe Stunde vor Anpfiff der Pokalpartie zusammen mit seiner „Leiendecker Bloas“ die Kult-Hits „Muuselindianer“ und „Für uns geddet nur Eintracht Trier“ schmetterte, hatte die Stimmung im weiten Rund des Moselstadion spätestens den Siedepunkt erreicht. Gespickt mit markigen „EINTRACHT“-Rufen des Bloas-Frontmann animierte die Stadionshow so auch den letzten Zuschauer, die Eintracht heute nach vorne zu schreien.

Auch wenn einigen Jung-Trierern solche Musik als nicht mehr zeitgemäß erscheinen mag und sie sich vor Spielbeginn lieber von „Den Atzen“ oder den neuesten Chart-Hits beschallen lassen, sollte doch gerade der heutige Tag bewiesen haben, das eine ordentliche, stimmungsvolle Stadionshow im Moselstadion die „Leiendecker Bloas“ mehr als nur gut gebrauchen kann. Die „Köbis“ und Helmut Leiendecker – eine Mischung, die passt!

Ach ja, das liebe Geld!

Der DFB-Pokal bietet den „kleinen“ Vereinen immer wieder die Möglichkeit, durch sensationelle Siege gegen Bundesligisten zu einem nie dagewesenen medialen Interesse zu kommen. Doch noch interessanter dürfte für die Viert- und Fünftligisten, die es in die zweite Runde des Vereinspokals geschafft haben, der finanzielle Aspekt des Weiterkommes sein. Durch den Einzug in die erste Hauptrunde flossen an alle teilnehmenden Vereine rund 150.000 Euro, die sich aus der Vermarktung der Fernsehrechte, der Bandenwerbung sowie dem Ticketverkauf zusammensetzen. In Runde zwei (25./26. Oktoberm, Auslosung am 6. August in der Sky-Sendung „Samstag-Live“) werden diese Summen nun erhöht: 287 000 Euro Zusatzeinnahmen aus der Fernsehrechte- und Bandenvermarktung hat Eintracht Trier bereits sicher, bei einem eventuellen Livespiel gegen einen ambitionierten Gegner kämen weitere Einnahmen hinzu. Völlig fehlen in dieser Rechung noch die Zuschauereinnahmen bei einem womöglich ausverkauften Moselstadion.

Am 25./26. Oktober soll es wieder eine ausverkaufte Tribüne geben - die Eintracht hofft auf einen attraktiven Gegner in der 2. DFB-Pokal-Runde

Genau diese Mehreinnahmen könnten es sein, die die seit Wochen von Trainer Roland Seitz vorangetriebene Suche nach einem Stürmer erster Güte sowie zwei weiteren Spieler – höchstwahrscheinlich solche, die unter die U23-Regelung fallen – nun noch einmal beschleunigen könnten. Zwar will sich Seitz Zeit lassen, um den homogenen Kader punktuell zu verstärken, aber womöglich wird sich einer der Spieler, mit denen bereits verhandelt wurde, die sich jedoch mangels sportlicher Perspektive gegen die Eintracht entschieden, nach diesem Ausrufezeichen im DFB-Pokal die Grundeinstellung geändert haben.

Noch keine Karte für das Heimspiel gegen Wiedenbrück? Hier ist deine Chance…

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