Der Circus ist ein Kulturgut!

Macht die Moral in Deutschland aus dem Circus einen Gewerbebetrieb?

In Frankreich, Italien und Spanien ist der Circus längst als Kulturgut definiert und erfährt Förderungen wie die Theater, Opernhäuser oder Museen. Selbst Auftritte im Ausland werden von staatlicher Seite unterstützt. – Nicht so in Deutschland, wo man das Phänomen als „Unterhaltungsunternehmen“ abtut.

Trier / Europa. Die lokale wie nationale Diskussion um Theater(neubauten), Konzertsäle, Museen oder selbst Opernhäuser wird dann gerne vorgetragen, wenn Sparmaßnahmen anstehen. Und somit kommt der Circus als mögliches „Kulturgut“, als gar „förderungswürdig“ gar nicht auf die Tagesordnung.

Das Trierer Amphitheater war ein Circus

Dabei ist der Circus, das heißt die Akrobatik, das Jonglieren oder auch „gymnastische Künste“ bereits in altägyptischen Bildwerken zu finden. – Das Trierer Amphitheater ist ein antiker Rest dessen, was im Römischen Reich als „Unterhaltung der Bevölkerung“ Gefallen fand: Ein Kampfspielplatz für Reiter und Wagenlenker. Die Pausen zwischen den Kämpfen wurden mit akrobatischen Darbietungen ausgefüllt.

Im Mittelalter gab es Gauklergruppen und ihre Bühne waren die Marktplätze – später die Jahrmärkte. Man berichtete von Seiltänzern, Feuerschluckern, Jongleuren und selbst dressierten Tieren, die auf den Jahrmärkten auftraten.

„Astley’s Amphitheater“ in London

Mit dem Beginn der industriellen Revolution erlangten die Städte immer mehr Bedeutung. Zudem wurde das Pferd zu einem wichtigen Transportmittel vor allem in der Armee. Der Umgang mit Pferden wurde von Kunstreitergesellschaften gepflegt.

 

Henry Toulouse-Lautrec – „Cirque“ – Schloss Vianden

Daraus entwickelte der Kunstreiter Philip Astley im Jahr 1768 – nach seiner Entlassung aus dem Militär – in London einen Circus, wie er heute noch kultiviert wird: Pferdedarbietungen wechseln mit Darbietungen von Akrobaten, Seiltänzern und „Spaßmachern“. – Er errichtete das erste feststehende Circusgebäude – „Astley’s Amphitheater“ – im Jahr 1782. Der Erfolg war so groß, dass Philip Astley im Jahr 1783 in Paris einen weiteren feststehenden Circus errichten konnte. – Geradezu ein Circusgebäude-Boom entstand bis zur Mitte des 19. Jahrnunders.
Es entwickelte sich eine Circus-Kultur – die ähnlich eines Theaters – ganze Aufführungen inszenierte. Immer mehr wurden das Schwergewicht der Pferdevorführungen von Akrobaten und Wildtierdressuren abgelöst.

Aus Amerika kam das Circus-Zelt nach Europa. Damit konnten auch in kleinen Städten Circusdarbietungen gegeben werden. Daraus entwickelte sich geradezu ein „Circus-Boom“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Immer mehr gehörten nicht nur akrobatische Vorführungen sondern auch sog. „Völkerschauen“ oder „Sensationsartistik“ zum Circus-Programm: Menschliche Kanonenkugel oder waghalsige Vorführungen wurden geschätzt und besucht von den Zuschauern.
Am Ende der Weltwirtschaftskrise ab 1929 gab es in Deutschland nur noch sechs bedeutsame Circusse – von zuvor etwa 56 Groß- und Mittelcircussen.

Mit dem zweiten Weltkrieg veränderte sich die deutsche Circuslandschaft. Viele Männer wurden eingezogen – viele jüdische Artisten umgebracht. Und am Ende war das meiste zerstört: Tiere, Materialien und Gebäude.

Dennoch gelang der Circuskultur auch in den Nachkriegsjahren ein Comeback. – Bis das Kino, das Fernsehen oder die Vergnügungsparks eine andere Form der Unterhaltung oder Attraktion oder „Spannungsmoment“ lieferten und der Circus sich zu einer „anderen Kunstform“ entwickelte.

Die „andere Kunstform“

Betrachtet man das Phänomen Kunst, so streift man automatisch das Phänomen Circus. Denn was ist Akrobatik anderes als eine Form von Kunst (der Körperbeherrschung)?

Ist sie, weil sie in dem „populären Ambiente“ eines Circus-Zeltes aufgeführt wird, weniger wert als ein Theaterstück, als eine Opernaufführung oder ein Konzert?

Worin liegt das Problem – angesichts der historischen Bedeutung und bis in unsere Tage gepflegten Kultur und Kunst des Circus – den Circus als Kulturgut in Deutschland anzuerkennen. Frankreich und Italien hatten dies bereits vor 50 Jahren (!) getan und sie fördern die Circus-Kultur. – Im Jahr 2005 gab es einen Vorstoß im Europäischen Parlament in welchem die Forderung laut wurde, den Circus als „Theater des Volkes“ und als Teil der Kultur Europas anzuerkennen. Inzwischen sind weitere zehn Jahre vergangen…

Liegt es an einem Vorurteil gegenüber den „Gauklern“, welche bei genauer Leseart als „Circus-Künstler“ bzw. „Circus-Künstlerinnen“ bezeichnet werden müssten? Gibt es einen Vorbehalt gegenüber den „Wohnwagen-Menschen“, dem „fahrenden Volk“, das – gerade was die Artisten betrifft – keine Grenzen kennt, keine Nationalitäten, sondern nur Kunstfertigkeiten.
So war der Circus von Anfang an Multikulturell ausgeprägt, er war eine „kleine Welt“ inmitten der „großen Welt“.

Der bürgerlichen Moral fern – deshalb keine Kunst sondern Gewerbe?

Aktuell zeigt eine Circus-Ausstellung im Schloss Vianden ( vgl. unseren Beitrag dazu ) wie bedeutende französische Künstler zum Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts das Thema „Circus“ dargestellt haben.

Henri Toulouse-Lautrec (1864-1901) liebte die Provokation mit Bildern aus dem ganz und gar „unbürgerlichen Milieu“. Dazu zählen auch die Welt des Zirkus, der Arena, das Körperliche und Körperhafte, letztendlich auch die Verkleidung, die Beherrschung, das Fremde, das Skurrile. Oder die Verbindung von Mensch und Tier, das mit dem Kommen und Gehen eines Zirkus verbundene Vagabundieren, das jeder bürgerlichen Moral Ferne, als das zog nicht nur Toulouse-Lautrec, sondern viele der Künstler Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts in einen Bann.

Sind wir heute – über 100 Jahre nach Toulouse-Lautrec – immer noch mit so vielen Vorurteilen behaftet?

Ich kann mich dieser Parallelität nicht entziehen, dass hier Kunst und Moral immer noch in einen Topf geworfen werden. Und wenn diese Kunst noch dem Geschmack des „Volkes“ zuzuschreiben ist, dann hat der Circus wohl noch einiges an Kulturarbeit zu leisten um als Kulturgut anerkannt zu werden.

Fotos: (Titel) Trierer Weihnachtscircus – Oliver Häberle // (Zeichnung) Schloss Vianden // (Unten): Raphael Wlotzki

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